Acemoglu/Robinson: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut

Acemoglu Warum nationen scheitern Wenn man doch nur wüsste, wie es ginge. Wie die Völker reich und glücklich werden können. Dann machten wir es einfach, und alle wären zufrieden. Leider gibt es zu  dieser Frage Ratschläge wie Sand am Meer und jeder weist in eine andere Richtung. Aber das ist nun vorüber. Die Autoren Acemoglu und Robinson wissen Bescheid und erklären „Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut“ .

Was also ist es? Eigentlich hat man es immer schon geahnt. Es sind nicht Klima, Kultur oder Unkenntnis, die die Völker quälen –  it´s the Politics, stupid. Der Wohlstand der Nationen  hängt nicht an kulturellen Eigenheiten oder unterschiedlichen Begabungen der Ethnien sondern an der Qualität der Institutionen. Gesellschaften mit sogenannten „inklusiven Institutionen“ (Menschen haben die Chance sich am Wachstum der Gesellschaft und ihres Reichtums zu beteiligen und bestimmen die dafür gültigen Regeln mit) sind  Gesellschaften mit „extraktiven Institutionen“ (Die  Mehrheit der Menschen wir ausgeschlossen, eine kleine Elite beutet das Land zu ihren Gunsten aus ) überlegen. Plausibel  wird diese These anhand zweier Nachbarstädte: Nogales in Arizona und Nogales in Sonora/Mexiko. Ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Geografie sind gleich und doch sind die US-amerikanischen Bürger von Nogales um ein Vielfaches reicher und sicherer als ihre mexikanischen Nachbarn jenseits der Grenze. Die Autoren erklären dies durch die unterschiedlichen Entwicklungslinien der lateinamerikanischen und nordamerikanischen Kolonisation. Die spanische Kolonisation in Lateinamerika war von Anfang an nur auf Extraktion hin angelegt, d. h. auf Ausbeutung des Landes und seiner Reichtümer unter Zwangsrekrutierung rechtloser Einheimischer.  Die Organisatoren der nordamerikanischen Kolonisation mussten sich mangels Reichtum und rechtloser Heloten dazu bequemen, den Kolonisten mehr Rechte zu gewähren. Sie mussten sie am Wohlstand und den Möglichkeiten, ihn zu gewinnen, beteiligen. So entstand der Spirit der Freiheit, erstmals formuliert in der Charta der englischen Kolonie Jamestown 1619 und lebendig bis sind die Gegenwart.

Schon auf den ersten einhundert Seiten des umfangreichen Werkes wird auf diese Weise die Methode des Buches deutlich. Die gesamte Weltgeschichte vom Kongo über die Aborigines bis zum britischen Empire, von den Inkas bis zu den Japanern wird zur Munitionierung der Argumentation herangezogen. Das hat zunächst einmal etwas Spannendes, denn geschichtliche Beispiele wirken auf den Leser immer wie Trümpfe, die die Autoren bei Bedarf aus dem Ärmel ziehen und vor denen die meisten Leser nur „passen“ können. Zugleich wird deutlich: Die Institutionen besitzen eine Geschichte, die sich als erstaunlich persistent erwiest und in ihrer extraktiven Strukturierung  fast immer über die a (15)Regimewechsel hinweg stabil bleibt. Auf Mexiko bezogen: die extraktiven Strukturen von „repartiemento“, „encomienda“ oder „mita“ haben ihren Einfluss auch nach der  Unabhängigkeit behalten.  Die ganze mexikanische Geschichte des 19. Jhdts. kann als das Bemühen der Eliten verstanden werden, die kolonialen Ausbeutungsverhältnisse unter den Vorzeichen der staatlichen Unabhängigkeit möglichst zu erhalten. In den USA misslang das von Anfang an, nicht zuletzt aufgrund der freiheitlichen Traditionen, die bis in die Gründerzeit der Neuenglandkolonien zurückreichen.  Wie fruchtbar diese Politik war und wie sehr sie zum Aufstieg der USA. beigetragen hat, zeigte sich an der Zahl der zukunftsträchtigen  Innovationen, die in den USA als Patente aus den unteren Gesellschaftsschichten kamen. Dergleichen Begabungen erhielten im Süden keine Chance. Ein mexikanischer Edison musste sein Leben als Pferdeknecht auf den  Haziendas reicher Farmer verdämmern. So kam auch die  Enteignung der indigenen Völker in Mexikos nur der Elite zugute, in den USA konnte sich jedermann am „freien Land“ bereichern ) -aber auch hier auf Kosten der extrem extraktiv benachteiligten Indianer).  Bill Gates, Michael Dell, und Steve Jobs wurden durch Innovationen reich. Der Reichtum etwa von Carlos Slim in Mexiko beruht allein auf dem erfolgreichen Ausschluss von Mitbewerbern vom Marktzugang und der Errichtung privater Monopole  Dementsprechend sang- und klanglos scheiterte Slim auf dem nordamerikanischen Markt, wo dergleichen Manipulationen nicht möglich waren. Das naheliegende Beispiel für diese Art der krimineller Vermögensakkumulation, die russischen Oligarchen, erwähnen die Autoren merkwürdigerweise nicht.

Im zweiten Kapitel beschäftigen sich die Autoren mit den herrschenden, ihrer Ansicht nach aber unzureichenden Theorien über den Wohlstand der Nationen als da sind:  (1) Geografie und Klima (2) kulturelle Eigenheiten (3) Ignoranz der Eliten. Keine dieser Theorien kann die Autoren zufriedenstellen, nicht einmal die monumentale ökologische Entwicklungstheorie von Jarred Diamond.  Zur Abstützung ihrer These verweisen die Autoren auf Korea, das sowohl klimatisch, geografisch und kulturell völlig homogen sei, dessen Norden aber im Elend versinke, während der Süden zu den reichsten Regionen der Erde zählt. Das liege eben das den unterschiedlichen Institutionen beider Staaten. Die des Nordens sind krass extraktiv zugunsten einer kleinen Politclique, die des Südens mittlerweile inklusiv und mittlerweile in der Lage, das reiche Begabungspotential  der Koreaner auszuschöpfen. Das aber ist offenbar vor allen Institutionen einfach vom Himmel gefallen.

Im nächsten Schritt der Argumentation werden zwei Arten extraktiver Institutionen  unterschieden. Extraktive Wirtschaftsregeln, die die Mehrheit  der Bevölkerung ausschließen – und extraktive Politikregeln, die die Mitbestimmung der Mehrheit  verhindern. Es existieren auch Mischformen, das heißt  durchaus teilinklusive Wirtschaftsinstitutionen mit Wirtschaftswachstum unter extraktiven Politikbedingungen wie etwa im heutigen China. Diese Koexistenz der Ordnungsprinzipien  kann jedoch nicht von Dauer sein. Irgendwann  kommt einmal der Moment, in dem die  inklusiven Wirtschaftsstrukturen expandieren und auf die extraktiven Politikregeln durchschlagen und sie verändern (Man denke nur an die Französische Revolution) – oder umgekehrt: die inklusive Wirtschaftsdynamik erlahmt, weil  die Eliten Innovationen im Interesse der eigenen Machterhaltung bremsen. Das Buch ist voller Beispiele blockierter Innovationen, voller Verhinderung „schöpferischer Zerstörung“ im Sinne Schumpeters durch dominante Eliten.  Die Eliten sind also nicht „ignorant“, was den Fortschritt ihrer Gesellschaften betrifft, sondern einfach nur egoistisch.

Einmal etabliert tendieren die extraktiven oder inklusiven Institutionen zu einer Rückkopplung, die die  Autoren  im ersten Fall des „Teufelskreis der Armut“, im zweiten Fall den „Regelkreis der Tugend“ nennen.  Veränderungen dieser Strukturen, also eine Weiterentwicklung von Gesellschaften von extraktiven zu inklusiven Institutionen, sind heikel und misslingen öfter als sie gelingen. Trotzdem gibt es Beispiele, die sich ganz interessant lesen, weil sie zugleich zeigen, wie ambivalent die Entwicklungslinien sein können, die von ihnen ausgehen. So reduzierte die Große Pest im 14. Jhdt.  die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte, was im Westen zum Steigen der Löhne und zum Ende des extraktiven Feudalismus führte. Der gleiche Prozess führte jedoch in Osteuropa zur Überwältigung der Lohnabhängigen und zur Entstehung der „zweiten Leibeigenschaft“.  Ein anderes Beispiel  bieten die unterschiedlichen Modi des spanischen und englischen Transatlantikhandels. Im spanischen Fall vollzog sich dieser Handle als Monopolhandel, der immer nur die gleichen Familien reich machte.  In England war dieser Handel  nicht monopolisiert, d. h. er ermöglichte die  Entstehung von neuen Vermögen, neuen maßgeblichen Bevölkerungsschichten, denen es am Ende des 17. Jhdts. gelingen sollte, in der  „Glorious Revolution“ das englische System mit inklusiven Institutionen  auszustatten. Die etwa ein Jahrhundert später einsetzende industrielle Revolution in England wäre nach Meinung der Autoren ohne diese Vorgeschichte der Inklusivierung der politischen und wirtschaftlichen  Institutionen überhaupt nicht vorstellbar gewesen. Erfinder wie James Watt konnten sich sicher sein, die Früchte ihrer Arbeit auch ernten zu können . Das war im Kongo ganz anders (Das ist jetzt keine ironische Zuspitzung, sondern genau so unvermittelt folgen in dem vorliegenden Buch die geschichtlichen Verweise tatsächlich aufeinander). Im Kongo  gab es keinerlei Anreize  zur Innovation,   weil sich der  räuberische Staat jeden Mehrwert aneignete. Das hat der Kongo übrigens mit der weit überwiegenden Zahl aller traditionellen Staatsgebilde gemeinsam. Ohne dass der Name fällt, scheinen die Autoren der Marx´schen These vom Staat als „Agentur der herrschenden Klasse“ nahezu  uneingeschränkt zuzustimmen.

Sie sind aber etwas optimistischer, was die Veränderungsmöglichkeiten betrifft. Betrachtet man die Institutionentheorie der Autoren in genetischer Perspektive, so ergeben sich zwei Vorstufen. Die erste Stufe besteht in der „Zentralisierung“, d. h. in der  Befriedung eines Territoriums durch eine Elite. Diese Befriedung allein ermöglicht bereits Produktionssteigerung und effektiveren Warenaustausch, d. h. ganz ohne Innovationen steigt das Wohlstandsniveau. Zeitweise haben sogar die Unterworfenen etwas davon. Leider ist dieser  zentralisierungsbedingte Produktivitätsschub nicht nachhaltig. Bald kommt es zu a (23)Fraktionskämpfen innerhalb der extraktiven Elite, die diese schwächen und zum Opfer von Massenaufständen der Unterdrückten werden lassen. Dann bricht das ganze System zusammen, die Zentralisierung geht verloren und der Naturzustand kehrt zurück. Nach diesem Drehbuch erklären sich die Autoren etwa den Aufstieg und den Untergang der Maya Kultur in  Mittelamerika.  Die Maya-Eitern in Copan, Uxmal, Tikal und Chitchen Itza  schufen eine begrenzte Zentralisierung,  temporäres Wachstum und extraktive Institutionen, die allerdings derart selektiv waren, dass sie zu Massenaufständen führten. Komisch denkt man, was ist denn mit der Dürre und dem Verschwinden von Nutzpflanzen, auf die Jarred  Diamond den Niedergang der Mayakultur zurückführt? Diese Umweltfaktoren, die zum Kollaps von Gesellschaften führen können, ganz egal, wie inklusiv sie gestaltet ist, bleiben einfach außen vor. Was die neolithische Revolution, d. h. die Sesshaftigkeit und die Entstehung der Landwirtschaft betrifft, so drehen Acemoglu und Robinson die Diamond-These einfach um. Nicht die Durchbrüche in der Domestizierung der Tier- und Pflanzenwelt schufen die Voraussetzungen für die Entstehung von Staat und Kultur, sondern politische Kräfte schufen sesshafte und wehrhafte Strukturen (Schutz vor Nomaden) und damit die Möglichkeit, die  neolithische Revolution ins Werk zu setzen. An einer späteren Stelle des Buches vollziehen die Autoren die gleiche Kehrtwende in der Demokratietheorie. Nicht wirtschaftlicher Fortschritt schafft Demokratie, wie etwa die Lipset-Schule behauptet, sondern Demokratien ermöglichen wirtschaftlichen Aufschwung. Dass sie ihn über sozialstaatliche Überregulierungen auch abwürgen können, bleibt unerwähnt.

So schält sich etwa nach dem halben Buch ein Antagonismus heraus, an dem das Glück der Völker immer wieder scheitert. Viele Völker und Gesellschaften bringen einfach keine Zentralisierung zustande– die Lelo im Kongo, die somalischen Clans und die afghanischen Stämme lassen grüßen. Kommt die Zentralisierung aber zustande, dann  gestalten die siegreichen Eliten das System derart extraktiv, dass  den Untergebenen jede Lust an der Mehrarbeit vergeht.  Den Eliten wird man keinen Vorwurf machen können, sie verhalten sich von ihrer Warte aus rational, und nur die wenigsten Eliten sind klug genug, sich einer gegrenzten Kooption, d. h. einer Teilinklusion zu öffnen.

Aber gerade das sind die interessanten Fälle. So verdankt etwa Venedig seinen  wirtschaftlichen  Erfolg dem Umstand, dass es lange Zeit auch Unbegüterte  Möglichkeiten des wirtschaftlichen Aufstiegs bot – etwa anhand des  „Commenda Systems“, bei dem zwei Kaufleute, ein reicher und ein mittelloser, gemeinsam Geschäfte abwickelten, bei denen er erste finanzierte und der zweite die Reise persönlich durchführte. Auf diese Weise gelang einer Reihe von Familien zuerst image011.tifder wirtschaftliche, dann der  politische Aufstieg. Ein Kanal der vertikalen Mobilität wurde eröffnet, der Begabungen eine Chance gab. Folglich rückten immer mehr Familien in den Großen Rat Venedigs ein und begrenzten die früher absolute Macht des Dogen. Doch dann stockt dieser Prozess. Im Jahre 1286 wurde der Zuzug neuer Familien in den Großen Rat durch eine exklusive Gruppe, den Rat der Vierzig, zuerst kontrolliert, dann begrenzt. Ab 1315 wurde das  Adelsbuch der Stadt geschlossen, kurz darauf wurde die Commenda-Wirtschaft verboten. Der letzte Schritt zum Niedergang Venedigs vollzog sich durch die Verstaatlichung des Fernhandels. (Komisch denkt man – hatte sich denn der Großteil des Welthandels in der Epoche der Entdeckungen nicht aus dem Mittelmeerraum in den Atlantik verlagert?)

Auch das Wachstum des Römischen Imperiums führen Acemoglu und Robinson die inklusiven Elemente seiner Verfassung wie etwa das Tribunat, zurück. Den Plebejern war es nicht verboten, Geschäfte zu machen, man denke nur an den stinkreichen Crassus. Dann aber begannen die Senatoren sich ab dem 2. vorchr. Jahrhundert das Neuland anzueignen und die normalen Bürger gerieten in wirtschaftliche Abhängigkeiten. Gewaltige soziale Gegensätze entstanden, die zu den gracchischen Revolutionen und dem anschließenden Bürgerkrieg führten. Man ahnt bereits den weiteren Gang  der Argumentation. Nach dem Bürgerkrieg entstand das Kaiserreich mit seinen viel extraktiveren Institutionen und der image039Niedergang begann. Einspruch euer Ehren, möchte man hier rufen. Denn das Principat des ersten und zweiten Jahrhunderts war keineswegs ein Niedergang sondern die Blüte des Römischen Reiches. Der Niedergang begann erst später, nicht zuletzt durch die Entstehung des Sassanidenreiches und die Völkerwanderung, die überhaupt nichts mit extraktiven Institutionen Roms zu tun gehabt haben. Erst in der Spätphase des Reiches, im vierten und fünften Jahrhundert, als eine neue Religion die totale  jenseitige Inklusion verkündete und das Diesseitige außer Acht ließ, begann zusammen mit der Entstehung der frühfeudalen Latifundienwirtschaft der Niedergang .

Extraktive Institutionen in Wirtschaft und Politik inklusive des „Teufelskreises“ sind also die Regel. Sie pflanzen sich auch über Regimewechsel fort, wie der die Beispiele Simbabwe, Nordkorea und Usbekistan zeigen.  Solchen Systemen etwa Entwicklungshilfe zu zahlen, bildet den Gipfel des Schwachsinns, denn diese wird sofort von den Eliten gekrallt.

Wie aber ist es möglich, diesen Teufelskreis zu durchbrechen? Durch Umbruchszeiten, antworten die Autoren immer wieder. Wie aber kommt es zu Umbruchszeiten? Durch exogene Schocks aber auch durch endogene Entwicklungen. Was aber stimuliert diese endogenen Entwicklungen?  In einer gewissen Selbstrelativierung ihrer These verweisen die Autoren ausdrücklich darauf, dass die Entstehung inklusiver Institutionen doch auf kulturelle Traditionen angewiesen ist.  Botswana etwa gelang es selbst in der Kolonialzeit seine traditionelle „Chieftancy“ zu bewahren und nach der Unabhängigkeit zur Schaffung inklusiver Institutionen zu  nutzen (War denn die Entdeckung der Diamantenminen so unwichtig?). Das Beispiel England wurde schon erwähnt. Skeptisch sind die Autoren im Hinblick  auf China, dessen gewaltiges Wachstum eher einem Nachholbedarf geschuldet ist. Chinas System als eiern Mischung teilinklusiver Wirtschaftsinstitutionen und extraktiver Politikinstitutionen wird sich langfristig als nicht nachhaltig erweisen, weil schon jetzt bedeutende Innovationen immer wieder durch extraktive Fraktionen der kommunistischen Elite verhindert werden.

Selbst Revolutionen – die Autoren nennen sie „Empowerment-Bewegungen“ –  unterliegen dem „ehernen Gesetz der Oligarchie“, weil ihrer Führer  in erster Linie selbst an den Brotkorb wollen. Dass hier die inzwischen als vollkommen korrupt enttarnte brasilianische Lula-Bewegung als positives Gegenbeispiel angeführt wird, befremdet etwas. Interessant ist der Gedanke, dass der aus europäischer Sicht erstaunliche Rückhalt, den das Chavez System in Venezuela besitzt, zum Teil darauf fußt, dass die einfachen Leute  die Nase voll haben von den extraktiven Regeln der alten bürgerlichen Eliten.  Was es aber im Effekt nur noch schlimmer macht.

Am Ende des monumentalen Werkes schwirrt dem Leser der Kopf vor so viel Geschichte, auch wenn die Beispiele oft nur in der Vogelperspektive passen und sie sich bei näherer Betrachtung als vieldeutig herausstellen.   Über die kritischen Anmerkungen im Zusammenhang mit der Darlegung von Einzelheiten hinweg, muss ganz allgemein festgehalten werden,  dass das Theoriekonstrukt etwas Tautologisches hat. Wenn Gesellschaften blühen, werden sich immer inklusive Faktoren finden lassen, auf die man dieses Blühen zurückführen kann. Und wenn sie zusammenbrechen,  gilt das Gleiche für die extraktiven Faktoren. Aber in dieser Allgemeinheit stimmt das nicht.  Denken wir nur an das Römische Reich, das an seinen äußeren Feinden zugrunde ging. Oder an die Niederlande. Es gab kaum ein inklusiveres System im 18. Jhdt. als die Niederlande, trotzdem brach das holländische Kolonialreich zusammen, nicht zuletzt an der Übermacht seiner Gegner. Die Blüte Botswanas wäre – Chieftancy hin oder her – undenkbar ohne die Diamantenfunde. Oder gehen noch näher in die Einzelheiten. Die vietnamesischen Einwanderer in den US-Südstaaten leben innerhalb der gleichen Institutionen wie die Schwarzafrikaner. Die ersten haben  nach ihrer Einwanderung von null aus die gesamte Schrimps Industrie wieder auf Vordermann gebracht, sind wohlhabend und integriert, während die Schwarzafrikaner trotz aller Förderprogramme überwiegend weiter am Rande der Gesellschaft verbleiben.

Ganz allgemein gilt, dass der Einfluss  kultureller Faktoren auf eine Weise vernachlässigt wird, der geradezu befremdet. Das trifft vor allem für Europa zu.  Sonderfaktoren bei der Entwicklung der europäischen Stadt, die Trennung des religiösen und weltlichen Bereiches im Zuge des Investiturstreites, die religiös beeinflusste Leistungsethik des Protestantismus und die Rolle der ständischen Sonderrechte als Katalysatoren und Hemmschwellen der Inklusion bleiben außen vor. Das ist wenig verwunderlich, weil hier eine implizite Vereinnahmung vorliegt.  Es mag ja sein, dass die Institutionen, wie sie Acemoglu und Robinson beschreiben, einen ganz wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Nationen ausüben, warum sie aber in England und nicht im Iran in der Umbruchzeit inklusiv werden, hat sehr wohl etwas  Kultur zu tun. Bei  Acemoglu und Robinson erscheinen die Akteure dagegen alle als gleich begabt, gleich intelligent gleich arbeitswillig und nur von den Institutionen an der Verwirklichung ihres Glücks gehindert. Davon kann aber im Ernst nicht die Rede sein, was die Autoren selbst an einer Stelle unfreiwillig anerkennen,  als sie schreiben „So ist bekannt, dass eine bedeutende Neuerung, die Einführung der Stahlaxt bei einer Gruppe australischer Ureinwohner namens Yir Yoront, keine intensivere Produktion, sondern nur längere Schlafperioden bewirkte, da die Subsistenzerfordernisse nun leichter gedeckt werden können”  Besser kann man den ausschlaggebenden Einfluss etwa einer kulturell bedingten Arbeitsethik gar nicht ausdrücken. Ein anderes Beispiel aus der jüngeren deutschen Geschichte führt die Idee der wundersamen Inklusion ganz ad absurdum. Die Schröderschen „Ich-AGs“ im Rahmen der Hartz-Gesetze  sollten ja nichts anderes bewirken, als eine grenzenlose Entfesselung produktiver Potenziale. Doch obwohl sie alle nur denkbaren finanzielle und logistische Unterstützung erhielt, entwickelte sich diese Form der Hyper-Inklusion zu einem einzigen Flop. Die meisten Individuen besaßen einfach nicht das kreative Potenzial. Der Ball  war frei, aber sie  konnten damit nichts anfangen.

Ähnlich unbefriedigend erscheint das radikale Ausblenden der ökologischen Faktoren.  Jarred Diamond beschreibt in Kollaps sehr eindringlich den Untergang der nordamerikanischen Pueblo-Kultur aufgrund von Bodenerosion und Überbevölkerung. Da hätten sich die Anasazi noch so inklusiv gebärden können, am Kollaps ihrer Gesellschaften hätte das nichts geändert.  Ähnlich verhielt es sich mit den Wikingern auf Grönland, die im Angesicht der Kälteperiode ab dem 13. Jhdt. trotz aller Thing-Versammlungen elend zugrunde gingen.

So bleibt am Ende ein zwiespältiger Befund. Man hat  ein gewaltiges Kompendium der Weltgeschichte gelesen, durch das die Inklusion-Extraktionsthese permanent durchgenudelt wurde. Was es dabei an Einzelheiten zu lesen gab, war hochinteressant und lohnte alleine schon die Lektüre des Buches.  Die Inklusions-Extraktions-Hypothese als solche ist meiner Ansicht tatsächlich ein hervorragendes Instrument zum Verständnis von Entwicklungsprozessen.  Aber auf keinen Fall ist  sie die allein ausschlaggebende Bedingung für den Reichtum der Nationen. Oder um eine Wendung der Autoren zu konterkarieren: Peru hätte noch so inklusiv gestaltet sein können, es wäre nie und nimmer so reich geworden wie Japan oder Deutschland. Die Inklusions-Extraktionshypothese ist ganz ähnlich wie die Ökologie, das Klima oder die Kultur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Reichtum, den Aufstieg oder den Niedergang der Völker.

 

 

Kommentar verfassen