Nolte: Historische Existenz

Ernst Nolte, der mit Abstand bedeutendste deutschsprachige Historiker der Gegenwart ist im August 2016 verstorben. Er starb, von Sykophanten, geistigen Pygmäen und Bonsai-Genies verfemt, im Schatten einer medial organisierten Missachtung, die an Vernichtung grenzte. An ihn erinnert das aktuelle Buch des Monats September 2016  

Nolte Historische ExistenzErnst Nolte gilt seit seinem Hauptwerk „Der Faschismus in seiner Epoche“ als einer der  bedeutendsten Geschichtsschreiber des 20. Jhdts., seit dem Historikerstreit der Achtziger Jahre zählt er auch zu den am meisten diskutierten Intellektuellen der Gegenwart.  Das vorliegende Buch „Historische Existenz“ ist sein universalhistorisches Vermächtnis.

Was aber meint „Historische Existenz?  Es ist  keine klassische Weltgeschichte, das heißt, es handelt sich nicht um ein überwiegend erzählerisches Werk. Es ist auch keine Geschichtsphilosophie, d.h. es entwickelt keine Aussagen über das wünschenswerte Drehbuch der Weltgeschichte. „Historische Existenz“ ist aber auch nicht zu verwechseln mit morphologischen Geschichtsdeutungen ala  Spengler oder Toynbee. Was, also zum Teufel, ist geschichtliche Existenz?

Nach der Lektüre von knapp 700 Seiten weiß ich die Antwort. Unter „Historische Existenz“ versteht Nolte den „geschichtlichen“ Zeitraum der Menschheit, d.h. jene Spanne vom Durchbruch der neolithischen Revolution und den ersten Hochkulturen bis heute, eine anthropologische Transformationsepoche, die die „geschichtslose“ Vorgeschichte ablöst und die nun, in unserer eigenen Gegenwart, möglicherweise endet und in eine endlose „Nachgeschichte“ übergeht. Aha, denkt der Leser, ich befinde mich als an einer weltgeschichtlichen Schnittstelle von allerhöchster Bedeutung – was also sind die Triebkräfte dieser historischen Existenz, die nun offenbar langsam ermattet? Die Triebkräfte dieser gut 5000 Jahre währenden „Geschichte“. ( Nolte nennt sie historische „Existentialen“) sind in epochal je unterschiedlicher Gewichtung Religion, Herrschaft, Schichtung und Staat, Krieg und Frieden, Stadt und Land, Adel und Kunst, Sexualität und Ökonomie, Bildung, Wissenschaft, Dynamik und  Fortschritt.

Das klingt anspruchsvoll und ist es auch. Urknall, Gilgamesch-Epos, Ilias, Altes Testament und Koran, Bolschewismus, Nationalsozialismus, Globalisierung und Fundamentalismus, werden so akribisch in die Darstellung verflochten, dass dem Leser Hören und Sehen vergeht. Aber es lohnt sich –  und das gleich aus mehreren Gründen. Zunächst umgreift Noltes Darstellung in imponierender Weise nicht nur den Bereich des Menschlichen sondern auch der unbelebten und belebten Natur. Kapitel 5-9 des vorliegenden Buches beschäftigen sich tatsächlich mit der Geschichte des Kosmos, der Entstehung der Elemente, der Planeten, des Lebens, der Vielfalt der Tierwelt, ehe er auf Ramapithecus und Australopithecus auf das Tier- Mensch-Übergangsfeld zu sprechen kommt.  Sodann werden eine Reihe von historischen Wendemarken – etwa die Entstehung der Sesshaftigkeit im Zuge der neolithischen Revolution oder die atlantische Revolution als Tor zur Moderne – auf ungemein einleuchtende Weise und unter Einbezug breiter erzählerischer Passagen dargestellt.  Über das rein Narrative hinaus bieten Noltes Kategorien aber auch Hilfen zu einem vertiefteren und analytischen Verständnis historischer Kraftfelder – besonders erhellend erscheint mir in diesem Zusammenhang die Kategorie der „Linken“, jener Kraft, die sich seit dem Auftritt des Thersistes vor Troja (S. 224ff.) zum ersten Mal zum vermeintlichen Anwalt der Unterdrückten machte. Während in den altvorderen Zeiten Odysseus mit einer deftigen Tracht Prügel den Thersistes zum Schweigen brachte, stieg die „Linke“ im weiteren Verlauf der Geschichte als immerwährende Opposition fast  den Rang eines geschichtlichen Existentials auf – bis sie heute in ihren hypertroph-aufgefächerten Erscheinungsformen als antikapitalistische, feministische, ökologische oder multikulturelle Linke den Eintritt in die von einer umfassenden Bequemlichkeitsverblödung gekennzeichnete „Nachgeschichte“ vorbereitet (Diese letzte Zuspitzung ist von mir, Ernst Nolte würde sich niemals so ausdrücken).  Ungemein treffend auch die Anmerkungen Noltes zur planmäßigen Zerstörung von Geschichtsbewusstsein ( hier der Deutschen nach dem 2.  Weltkrieg) als einer der Voraussetzungen geschichtsloser Zeitalter.

Ob das nachgeschichtliche Zeitalter am Ende tatsächlich in jenen futuristischen Zustand ab dem Jahre 2200 übergeht, den Nolte ab S. 669ff. fabuliert, ob wir einer Welt der  entindividualisierten und total verblödeten Deppen entgegensehen oder ob sich gleichwertige Weltmächte der Zukunft atomar vernichten werden, bleibt am Ende offen. Noch nicht einmal zu der Frage, wie denn das „nachgeschichtliche“ Zeitalter im Hinblick auf die geschichtlichen Existentialen aussehen wird, mag sich der Autor wirklich näher auslassen. Und dass, obwohl er in seinen späteren Schriften neben Kommunismus und Nationalsozialismus auch den Islamismus als elementare Gestaltungskraft der Gegenwartsgeschichte ausgemacht hat. Es ist also noch immer jede Menge los in der heraufdämmernden Vorhalle de „Nachgeschichte“, so dass am Ende nur das Fazit bleibt, das alle Geschichte prägt: Ende offen!

Marder bei der Arbeit

 

 

 

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