Pirenne: Geschichte Europas. Von der Völkerwanderung bis zur Reformation

b (22)Zigtausende Bücher sind über den zweiten Weltkrieg geschrieben worden. Warum also dieses? Weil es anders ist als alle andere Bücher über den Großen Krieg. Denn nur ein Viertel des Buches, knapp 150 Seiten, beschäftigt sich mit der Schilderung der Ereignisabläufe und bietet eine geraffte aber informative Darstellung, die schon mit dem Jahr 1938 beginnt und Ende 1941 endet, weil mit dem Kriegseintritt der USA der europäische und asiatische Kriegsraum zu einem weltweiten Krieg zusammenwachsen.
Wirklich bemerkenswert an dem vorliegenden Buch aber ist der zweite Teil, der etwas eigenartig mit „Hauptbewegungen“ überschrieben ist und der nichts weniger darstellt als eine Art Kultur-, Wirtschafts- – und Sozialgeschichte des Krieges, wie 1 (239)man sie in dieser Form noch nie gelesen hat. Geburtenraten und Scheidungsziffern, Ernährungsgewohnheiten, Lebensformen, Transportwege, Wanderungen, Schwarzmärkte, die kulturellen Milieus der Bourgeoisie, die Binnenstrukturen der politischen Parteien und vieles andere mehr eröffnen dem Leser eine bisher unbekannten Einblick in die Strukturen des Krieges. Wenn man zum Beispiel liest, dass die Deutschen im Jahre 1939 zehn Millionen wehrfähige Männer zwischen 20 und 30 Jahren ins Feld werfen konnten, die Franzosen aber gerade mal nur drei Millionen, wundert man sich nicht mehr über den scheinbar so gloriosen Sieg der Deutschen von 1940. Dabei kommen die Deutschen über das ganze Buch hin sehr gut weg. Für den Autor ist es z. B. unzweifelhaft, dass die deutschen Soldaten über die besten kriegerischen Qualitäten in allen Armeen verfügten, er geht sogar so weit, bei den unterworfenen Völkern wenigstens am Anfang eine Art Bewunderung für die siegreiche Wehrmacht zu unterstellen. Na ja. Franzosen und Italiener erscheinen dagegen in einem eher zweifelhaften Licht, aber Hut ab vor den Polen, Russen und Griechen ( in dieser Reihenfolge!). Völlig indiskutabel erscheint dem Autor die europäische Linke, die ihre eigenen Ideale im Kontakt mit dem russischen Totalitarismus verriet. Aber auch die Rechte bekommt ihr Fett weg, denn Lukacs zeichnet sehr genau ihre Korrumpierung durch die nationalsozialistische Herrschaft nach, was nach der Meinung des Autors allerdings aber kein Wunder ist, weil das kommunistische Gegenbild für alle Völker zwischen Ostsee und Schwarzem Meer die reinste Horrorvorstellung war. Merkwürdig beiläufig wird das Drama der Judenvernichtung behandelt, wobei der Autor besonderen Wert darauf legt, wie lange die Nazis brauchten, ehe sie ihr Konzept der Endlösung entwickelten und in die Wege leiteten. Soll man den Juden deswegen einen Vorwurf machen, dass sie nicht früher verschwunden sind? Der Holocaust und die gnadenlose Repression der unterworfenen Völker aber verhindert dann doch Möglichkeit zu einer neuen europäischen Ordnung unter einer führenden deutschen Macht. Schade? So weit geht der Autor nicht, wenn er auch vermerkt, dass mit dem Übergang des europäischen Krieges in den Weltkrieg zugleich der Abstieg der europäischen Weltgeltung begann. Die Epoche der Amerikanisierung beginnt, genährt nicht zuletzt auch durch den massenhaften Exodus deutsch-jüdischer Wissenschaftler nach Übersee.
Man sieht, manche Thesen sind gewöhnungsbedürftig, wenngleich immer interessant und manchmal geradezu faszinierend entwickelt. Wer jedenfalls einen ganz eigenen und vertieften Eindruck in die Oberflächen- und Tiefendimension ersten drei Jahre des zweiten Weltkrieges erhalten möchte, der ist bei dem sehr dicht und anschaulich geschriebenen vorliegenden Buch ausgezeichnet aufgehoben. Man muss ja nicht alle Thesen teilen, die man liest, zum Nachdenken regen sie allemal an.

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