Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

5Bidl Die Erziehung des Mannes _Man muss nur wenige Seiten lesen, ehe man erkennt, dass man ein besonderes Buch vor sich hat, ein Buch dessen Thema UND dessen Sprache einen auf Anhieb weit mehr ansprechen und fesseln, als man das gemeinhin erlebt. Dabei wird eigentlich eine ganz normale Geschichte erzählt, die aber in Wahrheit eines der heikelsten Themen der modernen Literatur darstellt: die Geschichte vom Werdegang eines Mannes in den postmodernen Liebeslabyrinthen des 21. Jahrhunderts. Dutzendfach hat man dergleichen schon gelesen und war doch immer wieder enttäuscht, weil weder die Diktion noch die Handlungsführung wirklich das traf, worum es geht: eine literarische Aktualisierung  der „Education sentimentale“ einhundertfünfzig  Jahre nach Flaubert (vielleicht ein wenig zu hochgegriffen, denn die zeitgeschichtliche Komponente bleibt, anders als bei Flaubert,  bei Kumpfmüller unausgeleuchtet.) Aber ebenso wie Flaubert findet Kumpfmüller auf Anhieb den angemessenen sprachlichen Zugang, eine die eigene Wahrnehmung und Empfindung relativierende Erzählweise, bei der sich der Protagonist selbst immer wieder im Modus des Zweifelns über die Schulter schaut. Und zwar in der „Ich-Form“, der einzigen Erzählweise, in der dieses Buch engemessen dargestellt werden kann.

Dieser Protagonist (Georg, rothaarig) befindet sich am Beginn des Buches als Musikstudent am Ende einer deprimierenden Beziehung zu der schwer gestörten Katrin, die sich seit sieben Jahren weigert, mit ihm zu schlafen. Da entdeckt er die drei Jahre jüngere Jule, wobei es eigentlich eher sie es war, die ihn entdeckte (wie das zwischen Männern und Frauen meistens der  Fall ist). Ohne dass er sonderlich bewegt gewesen wäre, kommen sie zusammen, sie erlöst den Protagonisten aus seiner sexuellen  Diaspora (sie „machte neue Sachen mit mir, auf eine ergebene, arbeitsame Art“) , es kommt zu Schwangerschaft und Abtreibung, was die Beziehung paradoxerweise eher festigt als beendet. Auf einer ersten Italienreise deuten sich die Probleme der Zukunft an, ohne dass sie vom Protagonisten wirklich bemerkt würden, es folgt die Gründunge des gemeinsamen Hausstandes, was wieder auf ihre Initiative zurückgeht. Nicht anders war es bei der Hochzeit, bei der wir Jule schon als aufgekratzt und dominant erleben und bereits ahnen, dass es der Protagonist an ihrer Seite nicht einfach haben wird. Tatsächlich wird die Ehe schwierig. Jule, die nach dem Referendariat in das Lehramt gewechselt ist, erweist sich als eine streitbare, um nicht zu sagen: streitsüchtige Persönlichkeit und lässt diese Züge mehr und mehr auch im ehelichen Alltag zu, während der Protagonist sich zurückhält und an Scannen0072seiner Doktorarbeit, später an seiner Oper arbeitet. Eine Affäre Jules mit dem smarten Samuel wird von Georg erstaunlich leicht verziehen, sie liefert sogar den Anstoß für Jule  sich ernsthaft um Nachwuchs zu bemühen („Durch Samuel habe ich entdeckt, dass ich dich liebe“), was aber erst während eines besonders inszenierten Paris-Urlaubs gelingt. Greta heißt das erste Kind, einige Jahre später kommen die Zwillinge Felix und Lotte (Thomas Mann?) zur Welt. Inzwischen ist Jule vollends zur herrschsüchtigen und nörgelnden Herrin der Familie geworden, das Sexualleben ist praktisch erkaltet (siehe Zitat S. 100), und als Georg  mit seiner ersten Oper einen großen Erfolg feiert, muss er zu seiner Überraschung feststellen, dass sein Frau ihm diesen Erfolg neidet (merke: Nichtbeachtung  als Akt der Feindseligkeit). In dieser Situation, in der nur die Liebe zu den Kindern den Protagnisten in der Ehe hält,  lernt Georg die Cellistin Sonja kennen, eine Frau, etwas „rund in den Hüften“ aber „mit wunderbarem Tempo“ beim Sex und seelischem Einfühlungsvermögen, mit der er Julie betrügt. Julie, von dieser Entwicklung völlig überrascht, verbietet ihm die Affäre und erzählt, als dies nichts nutzt, sofort in der ganzen Bekanntschaft herum, was für ein „Schwein“ ihr Mann sei. Schließlich wird sie zur Furie, rastet aus und entwickelt enormen Hass („Ich wünsche, du endest in der Gosse“), ehe sie ihn aus dem Haus wirft.

An dieser Stelle des Romans springt die Handlung zurück in die Jugendzeit Georgs. Der Vater, den der achtjährige Georg liebt, wird als ein übler Patriarch der alten Schule vorgeführt, als eine Charaktermaske, der als Ministerialbeamter am fortschrittlichen Unterricht arbeitet und sich daheim als soziales Fossil erweist. Er nörgelt unablässig an seiner Frau und den beiden Kindern herum (Georg  hat noch eine Schwester, Ruth)  und beansprucht für sich alle Freiheiten – bis zu der Unverschämtheit, seine Geliebte mit nach Hause zu bringen. „Familie“ war für den Vater, wenn er auf dem Sofa schlief und alle im Haus still sein mussten. Für die duldsame Mutter war „Familie“, wenn man gemeinsam Tisch saß und es allen schmeckte. Schließlich wird der Vater immer mehr zur Qual für die heranwachsenden Kinder, die Schwester reist mehrfach aus, und sogar in die Liebe des Sohnes mischt sich ein Quantum Hass, als er ohne Grund vom Vater geohrfeigt wird und sich dafür auch noch entschuldigen muss.   Unverkennbar ist dieser Mittelteil und das Portrait des Rabauken-Vaters im Kontrast zum etwas weichgespülten Georg kontrapuntkisch konstruiert, man könnte es auch holzschnittartig nennen aber andererseits: so waren sie halt oft, die alten Knochen.

11 Ludwig und UllaDas Liebesleben des heranwachsenden Georg verläuft typisch: auf die erste „Prinzessin“, in die er sich unsterblich verliebt (Clara) und die ihm jenen ersten Schmerz bereitet, den man nie mehr vergisst, folgt die zugänglichere Therese, mit der er seine ersten Sexerfahrungen macht, ohne dass die Jugendbeziehung hält. Als Student in Freiburg  vergnügt er sich gelegentlich mit der umtriebigen Vera, während er sich zum Entsetzen des Vaters dazu entschließt, Musik zu studieren. Schließlich lernt er in der Mensa Katrin kennen, eine neurotische Studentin der Kunstgeschichte und der Archäologie, womit sich der Kreis schließt, denn sie ist genau die Frau, die ihm Scannen0087sieben Jahre lang verwehrt, mit ihm zu schlafen. Als er am Ende einen einsamen Geburtstag mit seiner Musik verbringt, ohne dass sich die Archäologiepraktikantin Katrin aus Jordanien meldet, wird ihm klar, dass er sich von dieser ausschließlich selbstbezogenen Frau trennen muss.

Im dritten Teil des Buches springt die Erzählung wieder in die Gegenwart. Georg und Jule teilen sich das die Kinderbetreuung. Leider macht Jule Georg so gut es geht, die Hölle heiß und lässt ihn vor ihren Freundinnen Spießrutenlaufen, wenn er Kindergeburtstage in seinem alten Haus besucht. Sie hetzt die kleine Greta gegen Georgs neue Partnerin Sonja auf ( Ausladung bei der Einschulungsfeier) und formuliert am Ende  extreme Unterhaltsforderungen, mit denen sie jedoch vor Gericht krachend scheitert. Gretas Entwicklung zeigt bald die ersten Auffälligkeiten, als sie einer Freundin zwanzig Euro stiehlt, doch der Vater deckt es mit Verständnis und Liebe zu („Irgendwie gerettet, denn dafür waren wir als Erwachsene schließlich da, jedenfalls so lange es möglich war“). Georg und Sonja müssen mit einer Fehlgeburt fertigwerden, und auch der Versuch, weitere Kinder zu bekommen, schlägt fehlt. Unter dem Eindruck der zunehmenden familiären Belastungen lockert sich die Beziehung von Sonja und Georg, weil Sonja auf lange Sicht nicht bereit ist, sich in jene Unterordnung und Selbstentsagung zu fügen, die mit dem Aufziehen von Kindern (namentlich von schwierigen und fremden) notwendig verbunden ist. Tatsächlich steht das  ganze letzte Viertel des Buches im Zeichen der Plagen, mit denen Kinder Eltern schinden können. Zuerst  ist es Greta, die durch immer neue Lügen auffällt, dann entwickeln sich die Zwillinge Lotte und Felix zu Schulschwänzern und Nörglern. Ein Versuch, mit Jule zu einer neuen Übereinkunft zu kommen, die dass familiäre Leben entspannen könnte, scheitert, so dass Georg schließlich im Interesse der Kinder das Sorgerecht ganz an Jule überträgt und sich mit periodischen Besuchen und Treffen begnügt. Die Beziehung zu Sonja, die als Cellsitin immer erfolgreicher wird, scheitert trotzdem –  eines Tages bricht Sonja zu einer langen Tournee auf und kehrt nicht mehr zurück. Man bleibt in Kontakt, doch Georg macht keine Anstalten, um sie zu kämpfen, auch wenn ihn der  Verlust schwer trifft, ohne dass dieses Detail im Buch stärker ausgeleuchtet würde. Hier und da ergeben sich neue Bekanntschaften, doch Georg spürt in sich nicht mehr die Kraft für einen neuen Anfang. Gottlob entwickeln sich die Kinder weniger problematisch als befürchtet. Greta, die ins Lehramt strebt,  wird zu einer milden Variante ihrer Mutter, lernt einen Tobias, kennen den sie mit ihrer Liebe fast erdrückt. Lotte besucht die Schauspielschule und wird von einem ihrer Kommilitonen geschwängert, ohne das sich daraus eine Beziehung ergibt, so ist das halt heute. Nun lebt sie als alleinerziehende Mutter mit ihrem kleinen Janosch eine lockeres Leben. Felix, mit dem der Vater gelegentlich joggt und schwimmt, versucht sich eine Zeitlang aufs Schreiben, lässt es aber dann. Ein fast trügerisches happy-end, fast zu schön um wahr zu ein, ergibt sich, als der schon über sechzigjährige Georg seine Jugendliebe Therese wiedertrifft. Es dauert nicht lange, da zieht sie bei Georg ein, ruhig und zurückhaltend, bringt den Garten des neu erworbenen Hauses in Ordnung, spendet Wärme und Anwesenheit, ohne viel zu fordern, und dann und wann (mit einer Tube Gleitgel) gibt es sogar noch ein wenig Sex. So rundet sich das Leben des Protagonisten, er wird ruhiger, milder (was er aber eigentlich immer schon gewesen ist), verdichtet sein Werk und denkt dann und wann auch schon an den Tod, den er in frühen Jahren für seine siebziger Jahre erwartet hatte. Nun, da er an der Schwelle dieses Alters steht, will er ihn doch noch ein wenig herausschieben. Alles in allem lohnt es ich doch, noch ein wenig weiter zu leben.

Am Ende, als ich das Buch zuschlug, hatte sich die Begeisterung, die ich von den ersten Seiten an für die Geschichte empfunden hatte, nicht gelegt. Im Gegenteil, in staunenswerter Gradlinigkeit hat der Autor seine Lebensgeschichte zu Ende gebracht. Ohne einen falschen Ton, ohne Larmoyanz führte er den Lebensweg seines Georg bis an die Pforten der Altersweisheit. Verzweiflung, Scheitern, Alkoholismus; Promiskuitivität oder Vereinsamung, die Fallen des modernen Männerlebens, blieben dem Protagonisten allerdings erspart.  Wenigstens in dieser Hinsicht enthält dieses Buch, an dessen Schnittstellen, sich unendliche viele Männer wiedererkennen werden, auch ein Quäntchen tröstender Utopie.

Ein Gedanke zu „Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes“

  1. Mir hat das Buch auch gut gefalllen, besonders, dass Georg, die Hauptfigur sehr starke „weibliche Seiten“ bei seiner Sorge um die Kinder mobilisiert. Dieser Zug des modernen Mannes kommt in dem Buch gut heraus. Gut gezeigt sind auch die Belastungen, denen die Kinder ausgesetzt sind, die im Wechsel bei Mutter und Vater wohnen. Es handelt sich bei dem vorliegneden Buch also weniger um eine Erziehung „des“ Mannes als des „modernen“ Mannes, die aber ist als Typus perfekt darstellt

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