Allende: Das Geisterhaus

Allende Das Geisterhaus„Es waren schwere Zeiten. Ich war damals ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt, aber es war, als hätte ich nur eine kurze Spanne Lebens vor mit, um mir eine Zukunft aufzubauen und die Position zu schaffen, die ich mir wünschte. Ich arbeitete wie ein Tier und wenn ich mich unter dem Zwang eines tödlich langweiligen Sonntags einmal hinsetzte und ausruhte, hatte ich dass Gefühl, dass mir kostbare Zeit verloren ging.“ (Seite 27) Diese Worte, die der Minenbetreiber Esteban Trueba am Anfang des vorliegenden Buches an sich selbst richtet, umreißen nicht nur die Psychologie der Hauptperson, sie sind auch sind beispielhaft für den Arbeitseinsatz und die Willenskraft, mit der die Chilenen ihr Land aufbauten. Hinter diesen Worten steckt allerdings auch die Idee, dass unbedingter Fleiß seinen Lohn finden wird, eine Idee, die zur Entfaltung ganzer f (19)Länder führte und die im „Geisterhaus“ ja auch verifiziert wird, denn Esteban Trueba findet eine Goldader und wird zum Mann. Allerdings auch zu einem Mann, der trotz allen patriarchalischen Verantwortungsgefühls für die Bedürfnisse seiner Hintersassen und Untergebenen keine wirkliche Antenne besitzt. Er wird zum Oligarchen, dem jede Veränderung verhasst ist.
Für mich ist die Figur Truebas als Typ die exemplarische Gestalt der chilenischen Geschichte – nicht nur, weil er nein Pionier ist, der das Land entwickelt und voranbringt, nicht nur weil er sich die längste Zeit seines Lebens schwerhörig allen Aufrufen zu Reformen verweigert, sondern auch, weil sich in seiner eigenen Familie die sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Gegensätze widerspiegeln: sein scheuer Sohn Jaime ist ein Liberaler, den schon das schlechte Gewissen gegenüber den Armen plagt und der elend umkommen wird, sein Bastardsohn Esteban Garcia, der Mann mit den „Nagetieraugen“, ist der moralisch herunter gekommene Faschist, der sich an Folterungen labt, seine Enkelin Alba, die mit den Kommunisten konspiriert, eine romantische Frau mit kindlichen Sehnsüchten von einer besseren Welt. Das sind die Hauptfiguren des vorliegenden Romans, der in der Form eines Familienromans nicht mehr und nicht weniger entfaltet als das moderne Drama der chilenischen Geschichte: den Aufstieg Chiles, seine Krise und schließlich die Katastrophe des Militärputsches vom 11.9.1973.
Wie ist es gelungen? Das Buch ist Feuer, Witz, Einfallsreichtum und Liebe geschrieben, es liest sich leicht, unterhält und informiert, zuerst auf eine unaufdringliche, am Ende allerdings fast auf eine belehrende Weise. Aber ich gestehe: Bei meiner ersten Lektüre war ich hin und weg.
Allerdings habe ich mein Urteil Jahre später, nachdem ich Chile selbst bereist hatte, leicht revidiert. Ich halte „Das Geisterhaus“ insgesamt noch immer für das Werk einer humanistischen Schriftstellerin, der es gelungen ist, das vielfältige Bild einer ganzen Genration in ihrem Roman einzufangen. Sie hat in Gestalt der Clara der Literatur eine liebenswerte Figur geschenkt und vor allem werden die handelnden Personen hinter ihrem politischen Anliegen (in der Regel) nicht zu Pappkameraden oder Ideenträgern reduziert sondern bleiben lebendige glaubhafte, lebenspralle Gestalten – allerdings mit Einschränkungen, die samt und sonders die letzten sechzig Seiten des Romans betreffen. So verändert sich plötzlich im finalen Teil des Romans das psychologische Profil des so imposanten und gefürchteten Esteban Trueba – er wandelt sich im Verlauf des Militärputsches vom knochenharten Reaktionär zum mitfühlenden Großvater, was nicht nur unglaubwürdig ist, sondern literarisch auch nicht entwickelt sondern nur postuliert wird. Wollte man der Autorin die Stange halten, könnte man mutmaßen, dass sich in diesem Konstruktionsmangel einfach ihre Sehnsucht widerspiegelt, dass sich die chilenische Oligarchie endlich eines Besseren besönne. Auch andere Figuren verlieren auf den letzten sechzig Seiten viel von ihren Facetten, sie werden aufgeteilt in schwarz und weiß, in Gut und Böse, aufrecht und niedrig, links und rechts, so dass das Buch seinen literarischen Rang einbüßt. Als infolge des von der sozialistischen Regierung verordneten staatlichen Preisstopps sofort die Waren aus den Auslagen verschwinden und sich ein Schwarzer Markt bildet, wittert die Autorin dahinter finstere Machenschaften – auch dass sich das Warenangebot nach der Freigabe der Preise durch die Militärs sich sofort wieder ausweitet, erscheint ihr nicht als Beleg für eine tausendfach belegte ökonomische Naturgesetzlichkeit, sondern als Ausfluss einer perfiden Putschstrategie. Die Ausplünderungen von Estanzias, die Bruce Chatwin in seinem Patagonienbuch kopfschüttelnd beschreibt, werden bei Allende zum Volksfest, bei dem die endlich befreiten Hintersassen fröhlich das Vieh im Stall schlachten und verspeisen. Übrigens habe ich in meinem Freundeskreis die Erfahrung gemacht, dass diese Kritik nicht gut ankam: der Mythos von der „guten“ Präsidentschaft Allende und vom „bösen“ Putsch ist inzwischen ebenso Allgemeingut geworden wie die Heiligsprechung von Che Guevara durch die Populärkultur.
So endet das insgesamt so pralle Werk meiner Meinung nach auf seine letzten 60 Seiten ein wenig in Kolportage, was schade ist, denn mit den Büchern verhält es sich wie mit einer Sinfonie – den letzten Akkord behält man am ehesten in der Erinnerung. Trotzdem bleibe ich dabei, dass das vorliegende Buch, mit den formulierten Einschränkungen, eine lohnende Lektüre für jeden darstellt, der sich für Chile interessiert.

 

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