Faulkner: Licht im August

Faulkner Licht im AugustVon William Faulkner hat jeder Literaturinteressierte schon einmal gehört, aber man würde sich wundern, wie wenig ihn wirklich gelesen haben. Ich fand niemand, der mir aus seiner Bibliothek ein Buch von Faulkner leihen konnte, in den Buchläden war er kaum zu finden, und so habe ich diese vergriffene Ausgabe aus dem Diogenes Verlag gebraucht erworben.
Das vorliegende Buch „Licht im August“ spielt wie die meisten Romans Faulkners in den Südstaaten der USA, hier in der Stadt Jefferson, die stellvertretend für Faulkners Heimatstadt Oxford/Mississippi steht. Im Mittelpunkt der Handlung des Romans steht die Gestalt des rätselhaften Chrismas, der sich als Waise durch die Ungunst der ausführlich geschilderten Umstände zu einer monströs- gewissenlosen Existenz entwickelt – ferner seine ältliche Geliebte, die am Ende des Buches ermordet wird. Ein windiger Halunke, der vor der Vaterschaft und einer Frau flieht, die er geschwängert hat, der Holzarbeiter Byron Bunch, der im Schatten des Lebens dahindämmert, und der ehemalige Pfarrer Hightower, der von seiner abgedrehten Frau eine Wunde empfangen hat, die ihn sein leben Lang zeichnet, bilden die Staffage einer komplizierten Handlungsführung, die auch noch chronologisch zerhackt daherkommt und dem Leser Einiges abverlangt. Alle Personen äußern sich in den verschiedenen Etappen der verschachtelten Geschichte ausführlich und breit in inneren Monologen, was den heutigen Lesegewohnheiten etwas widerspricht und ehrlich gesagt mitunter ein wenig langatmig wirkt.
Auf der anderen Seite begegnen dem Leser immer wieder Stellen von großer poetischer Kraft und so überraschender Perspektiven, dass man innehalten und über den Text nachdenken möchte. Über die späte Liebe der beiden Hauptpersonen etwa heißt es: „Natürlich konnte der Anfangsfuror nicht anhalten. Zuerst war es ein reißendes Gewässer gewesen, nun war es ein Auf und Ab von Gezeiten mit Flut und Ebbe. Es war, als würde aus ihrem Wissen, dass es nur eine Flut sei, ein noch wilderer Furor geboren, ein rasendes Verweigern, dass sich selbst und ihn zu einem physischen Experimentieren aufpeitschen konnte, das die Phantasie weit hinter sich ließ und die beiden (…)ohne ihr Wollen und Planen auf sich davontrug. Es war, als wüsste sie, ohne noch die wahre Bedeutung des Herbstes zu kennen, irgendwoher, dass die Zeit kurz sei, dass der Herbst schon über ihr drohe. Es schien Instinkt allein zu sein, physischer Instinkt und instinktive Verleugnung der vergeudeten Jahre. Dann ebbte die Flut wieder ab. Dann blieben sie zurück wie hinter einem absterbenden Mistral, an einer Küste der Erschöpfung und Übersättigung, einander aus hoffnungslosen und vorwurfsvollen Augen anblickend, gleich Fremden.“(S.216)
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass solchen Stellen Dutzende von Seiten folgen, bei deren Lektüre auch dem geübtesten Leser die Füße einschlafen. Mehrfach war ich nahe daran, aufzugeben, habe das Buch aber dann doch zu Ende gelesen, weil ich auf einer Südstaatenreise durch die USA das Wohnhaus von William Faulkner in Oxford/Mississippi nicht besuchen wollte, ohne nicht wenigstens ein Buch dieses Autors gelesen zu haben. Soll ich lügen, wenn ich verschweige, dass ich nach dem Abschluss der Lektüre kräftig durchgeatmet habe und froh war, mich einfacheren Texten zuwenden zu können? Tut mir leid aber so war es. Deswegen Hände weg von diesem Buch für alle Gelegenheitsleser. Hard-Core-Reader dagegen könne dieses Buch benutzen wie eine Prüfung. Wer dieses Werk zu Ende gelesen hat, braucht vor keinem anderen Buch mehr Angst zu haben.

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