Franzen: Die Korrekturen

Franzen Die KorrekturenWas macht gute Literatur aus? Sicher auch die Eigenschaft, den Leser für die handelnden Personen zu interessieren, weil sie ihm plastisch und glaubhaft vor Augen geführt werden UND weil er sich in ihnen auch ein Stück wieder erkennt. Diese literarische Kunst ist rar gesät, und leider kommt die Mehrzahl der Bücher mit Pappkameraden statt handelnder Personen aus.

Nicht so das vorliegende Buch, in dem die Kunst der überzeugenden Charakterisierung schwer überbietbaren Gipfel getrieben wird. Enid und Alfred, ein traditionelles Paar aus dem mittleren Westen der Vereinigten Staaten, und ihre drei Kinder Gary, Chip und Denise präsentieren in ihrer Gebrochenheit und der anschaulich herausgearbeiteten Fülle ihres literarischen Seins eine faszinierende Persönlichkeitstypologie der Gegenwart, innerhalb derer sich ein jeder verorten mag.

Alfred Lambert, der Familienpatriarch, ist der „innengeleitete Mensch“ (David Riesman lässt grüßen) der langsam aber sicher in den Abgründen der Parkinsonschen Krankheit versinkt. Seine Frau Enid repräsentiert eher den außengeleiteten Typus, sie ist die Franzen Die KorrekturenEhefrau, die ihrem Mann den Hintern hinterherträgt und ihm dabei doch die Seele zermürbt, während Sohn Gary und seine kapriziöse Frau dagegen die moderne Ehe darstellen, bei dem die Frau dem Mann den Hintern NICHT mehr hinterherträgt und ihm TROTZDEM  die Seele zermürbt. Kommt mir bekannt vor. Gleich sind sich Vater und Sohn darin, dass hinter ihrem Leben als Workoholics Depression und Wahnsinn lauern, während Chip Lambert, der Linksintellektuelle der Familie, dem flottierenden Zeitgeist in all seiner Fragwürdigkeit bis nach Osteuropa folgt, ohne zu merken, dass auch diese Peripherie unseres Kontinents nach der Partitur des Wahnsinns pfeift. Die mit Abstand sympatischste Figur des Romans ist die jüngste Tochter Denise Lambert, eine Frau, die in der Männerwelt doppelt so tüchtig sein muss, um nur halb so erfolgreich zu sein wie ihre Kollegin. Sie ist eine moderne Frau, deren sexuelle Vorlieben  entsprechen den Vorgaben des Mainstreams hin und her diffundieren und die ebenso unschlüssig zwischen Hetero- und Homosexualität hin- und herschwankt wie hinsichtlich der Frage, wohin ihr Leben eigentlich treibt. Der Roman aber treibt unerbittlich auf das finale Weihnachtsfest der Famiie Lambert zu, einen Hexensabbath der Postmoderne im Mikrokosmos der Familie, eine Hölle der Nähe und Entfremdung in einem mit einem erschreckend hohen Erkenntniswert für jedermann, der diese Passagen liest.

WIEDERSEHEN MIT DEN LAMBERTS (Die KORREKTUREN – JAHRE SPÄTER EIN ZWEITES MAL GELESEN)
Ich habe dieses Buch schon einmal vor acht Jahren gelesen und habe es nun, Franzen Die Korrekturennach der Lektüre der anderen drei großen Romane von Jonathan Franzen ( „Die 27ste Stadt“ Schweres Beben“ und „Die Freiheit“) noch einmal zur Hand genommen. Mit war das Grundgefühl meiner damaligen Lektüre noch durchaus erinnerlich, ein satter, großer Roman mit eindringlich geschilderten Charakteren und einem Handlungsverlauf, der die Lamberts zu einem amerikanischen Paradigma der Jahrtausendwechsels machte.
Ich las nur ein wenig hier und da, und schon war ich wieder drin – war wieder zu Gast bei Enid und Alfred Lambert und ihren so unterschiedlichen Kindern Gary, Chip und Denise, deren Schicksal wie ein Menetel die Grundproblematik auch meiner eigene Generation kennzeichnet. Ehe ich mich versah, hatte ich das Buch noch einmal gelesen – und zwar mit einem Gewinn, den ich nicht erwartet hätte. Es war nicht nur die Dialektik von Wiedererkennen und Neuheit, die diese Lektüre für mich so faszinierend machte, auch die Schwerpunkte des Romans wirkten diesmal ganz anders auf mich als bei der ersten Lektüre.
Inzwischen bin ich fast älter geworden, und lese nun die beschriebenen Agonien der Alterserkrankung bei Alfred Lambert mit ganz anderen Augen. Ich bin inzwischen von einer Chip -Existenz in das Leben von Gary und zurück gewechselt und habe vieler meiner Gefühlszustände auf eine so präzise Weise beschrieben gefunden, dass ich mich neu verstehen lernte. Und ich habe so viele Frauen wie Denise kennen gelernt, dass mir ihr Schicksal fast wie eine chronische Krankheit erscheint, die die tüchtigen Frauen unserer Zeit befallen hat. Die Lambert-Mutter Enid, die mir bei der ersten Lektüre noch wie eine Nervensäge vorkam, habe ich in ihrer duldenden Würde und lebenswerten Beschränktheit erst jetzt schätzen gelernt. Und last not least: wieder war ich wie verzaubert von der unglaublichen erzählerischen Kraft, mit der Franzen seine Figuren porträtiert.
Und noch eine Erfahrung habe ich gemacht. Wer wissen will, wie gut Bücher wirklich sind, sollte sie nach einer gewissen Zeit ein zweites mal lesen. Dann geht es ihnen wie mit gutem und schlechtem Wein, den man über Nacht dekantiert – entweder sind sie so sauer, dass man sie in den Ausguss schüttet oder sie haben erst ihr volles Aroma entfaltet. Franzen Werk gehört natürlich zur zweiten Sorte. Dass das Buch gut war, hatte ich nie vergessen – dass es aber so gut ist, war mir entfallen.

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