Grass. Örtlich betäubt

Günter-Grass+Örtlich-betäubtAn seine erste Liebe, auch wenn sie schnell geendet ist, bewahrt man sich ja immer eine gewisse Anhänglichkeit. Mit den ersten Büchern ist es genauso. Das vorliegende Buch „Örtlich betäubt“ von Günter Grass war der erste Roman, den ich mir  vor vierzig Jahren von meinem Taschengeld gekauft habe.

Gekauft habe ich mir das Buch damals, weil ich in den späten Sechzigern genauso alt war wie der Oberstufenschüler Philipp Scherbaum, die rebellische Hauptfigur von „Örtlich betäubt“, der seinen geliebten Dackel Max aus Protest gegen den Vietnamkrieg auf dem Kurfürstendamm verbrennen will. Heute bis ich genauso alt wie Scherbaums Lehrer, der  Studienrat Eberhard Starusch, der seinen Schüler als lahmer Reformist  am Ende von diesem Plan abbringt und ihn stattdessen dazu überredet, die Chefredaktion der Schülerzeitung zu übernehmen.

Aus Anlass dieser doppelten Übereinstimmung und des vierzigjährigen Jubiläums meines ersten selbstständigen Bucherwerbes habe ich das Werk noch einmal gelesen. Um es vorneweg zu sagen: Auch wenn ich längst kein Grass-Anhänger mehr bin, hat mich das Buch noch immer angesprochen, ich halte es sogar für eines der besten Grass-Werke nach der „Blechtrommel“. Die Idee, das Leben de Studienrates Starusch im Zahnarztstuhl vor einem laufenden Monitor retrospektiv ablaufen lassen und ab und zu einem wenig Zahn(Erinnerungs)Schmerz  hinzuzufügen, finde ich absolut gelungen. Die Schulszenen und die Auseinandersetzungen zwischen Lehrer und Lieblingsschüler sind zwar ein wenig antiquiert ( kein Schüler wird in unseren Pisa-Zeiten seinen Lehrer heute noch per Zuruf an die heilige Apollonia, die Schutzheilige der Zahnärzte erinnern, wenn dieser Lehrer zum Zahnarzt geht ), aber der Generationenkonflikt zwischen selbstbezüglicher Fernstenliebe (Schüler Scherbaum) und reformistischer Nachbekümmerung  (Studientat Starusch) wird literarisch überzeugend vorgeführt.

Dass der Schüler Scherbaum seinem Dackel Max am Ende den Flammentod erspart, fand ich damals schon gut, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Den Studientat Starusch, eine linksdurchwirkte, halb entschlossene Greisennatur, konnte ich schon bei meiner Erstlektüre  nicht leiden, und diese Abneigung hat sich bis heute eher noch verstärkt. Noch gelungener  als früher aber als empfinde ich heute das Motiv des brennenden Dackels, das  –horribel dictu – in den Kaufhausbrandplänen der linksterroristischen Mörderbanden von Baader und Genossen wiederkehren sollte. Und als literarische Zukunftsskizze entspricht der Studienrat Starusch  genau jenem blutleeren Gutmenschentyp,  aus dem sich  heute – so paradox kann Geschichte verlaufen – im wesentlichen die politische Anhängerschaft von Günter Grass rekurriert. Alles in allem ein wichtiges Buch, dass auch vierzig Jahre nach seinem Erscheinen noch etwas zu sagen hat.

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