Littell: Die Wohlgesinnten

Littell

Was im Namen Deutschlands im Osten Europas in den Vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts geschehen ist, habe ich erst richtig verstehen können, als ich selbst diese Orte besuchte. Und auch im Angesicht von Auschwitz, Maydanek oder Sobibor blieb ein Rest von Unverständnis – die Informationen waren so monströs und absurd, dass sie in keiner Beziehung zur Realität zu stehen schienen, die Überreste in den KZ, die merkwürdig effektvoll in graue Himmel ragten, blieben auf der Eben der Gefühle unverbunden mit dem, was es zu begreifen galt.

Möglicherweise musste man auf eine Literatur warten, die dieses Geschehen poetisch konzentriert und in seiner grausamen Essenz fassbar werden lässt –  ich jedenfalls habe dafür auf das vorliegende Buch warten müssen, eine literarische Ungeheuerlichkeit, dessen Lektüre jeden, der es liest, verändert. Dieses Buch ist nicht nur monumentale Kunst, es ist ein Mahnmal von historischen Ausmaßen, neben dem die bizarren Steinsäulen neben dem Reichstag in Berlin tot und verfehlt erscheinen. Es erschließt für mich zum erstenmal das scheinbar Unerzählbare auf einer literarischen Bühne für deren Ausmaße und Rang mir die Worte fehlen.

Im Mittelpunkt des Buches steht der homosexuelle deutsche Jurist Maximilian Aue, der nach einer kurzen SS-Karriere in Friedenszeiten den Weltkrieg als Mitglied der Sondereinsatzkommandos in der Ukraine beginnt. Mit den Augen eines gebildeten aber ethisch erschütternd unempfindlichen Deutschen erlebt er die konkrete Ungeheuerlichkeit des Massenmordes: die Schlächtereien in den Schluchten um Kiew, die bürokratische Monstrosität der anrollenden Endlösung, aber auch die kreatürliche Not der Opfer und die Selbstbetäubung der Täter, die als Rädchen in der Mordmaschine zuerst protestieren, dann aber ihr Menschsein suspendieren müssen, um weiter morden zu können.

Nach den Massakern in der Ukraine wird Aue in den Kaukasus versetzt, wo die Deutschen zunächst auf die Unterstützung der Tschetschenen, Inguschen, Osseten und Dagestaner  treffen, ehe sie auch hier anfangen, scheinbar jüdischstämmige Bergvölker massenhaft zu erschießen. In einem kuriosen Symposion, in dem über die jüdische Herkunft kaukasischer Völker und die möglichen Konsequenzen für die Wehrmacht diskutiert wird, verärgert der akkurate Aue seine SS Vorgesetzten und wird als Strafe nach Stalingrad geschickt, wo die Russen gerade dabei sind, den Kessel einzuschließen und die deutsche Armee zu vernichten.

Aue aber hat Glück und wird als einer der Letzten schwerverletzt aus Stalingrad ausgeflogen. Während seines Krankenurlaubs reist Aue zu seiner Mutter und seinem Stiefvater ins südfranzösische Antibes, immer auf der Suche nach dem verschwundenen Vater und der obsessiv geliebten Schwester, auf die bizarrerweise seine Homosexualität zurückzuführen ist. Der Besuch in Antibes endet mit der Ermordung von Aues Mutter und Stiefvater, was Aue, der sich für die fragliche Zeit an nichts erinnern kann, über alle Massen verwundert, obwohl der Leser keinen Augenblick daran zweifeln kann, wer der Mörder ist.

Zurück in Berlin wird Aue durch die Fürsprache zweier ominöser Förderer Mittelsmann zwischen Himmler (SS) und Speer (Rüstungsministerium). In seiner Funktion soll sich Aue um den effektiveren Arbeitskräfteeinsatz der KZ- Häftlinge kümmern, die man nun, da sich der Krieg längst ins Negative gewendet hat, nicht mehr wie die Fliegen sterben lassen möchte. Aue inspiziert die KZs, vor allem Auschwitz-Birkenau und  entdeckt die abgrundtiefe Gewöhnlichkeit der sogenannten SS Herrenmenschen, entdeckt ihre unausrottbare Korruption und arbeitet eng mit Höß und Eichmann zusammen.  An Eichmanns Seite wird Aue  Zeuge der Massenvernichtung von 400.000 Juden aus Ungarn, die anstatt dem Reich als Arbeitskräfte zu dienen, noch im vorletzten Kriegsjahr in Auschwitz vergast werden. Noch während in der Endphase des Krieges die alliierten Luftangriffe über Berlin wie eine Heimsuchung zusammenschlagen, kreist das Rad des Todes über dem besetzten Europa.

Die Amerikaner und Engländer haben bereits eine zweite Front eröffnet, die Russen sind längst ins Reich eingedrungen, als Aue einen erneuten Krankenurlaub dazu benutzt, nach Pommern zu reisen, um kurz vor dem Untergang Deutschlands noch seiner Schwesternliebe zu frönen.  Nach einer abenteuerlichen Flucht durch die russischen Linien wird er in Berlin kurz vor dem russischen Einmarsch vom Führer höchstpersönlich ausgezeichnet, beisst ihm aber dabei in die Nase, so dass er zum Tode verurteilt wird und der Erschießung nur durch einen erneuten Fliegerangriff entgeht. Am Ende entkommt er sogar Clemens und Esser, den beiden Kripobeamten, die ihn durch ganz Europa wegen des Mordes an seiner Muter verfolgen und kann mit gefälschten Papieren als Franzose im Nachkriegsfrankreich untertauchen.

Was sich in dieser gerafften Zusammenfassung ein wenig hölzern und überladen anhören mag, war für mich das Leseerlebnis des letzten Jahres. In dieser ozeanischen Geschichte von 1350 Seiten bin ich Abend für Abend versunken, schockiert und betroffen von dem, was es in dieser Form über die Einzelheiten des Krieges noch nie zu lesen gab und zugleich begeistert von der Weite und Genialität der erzähleichen Konzeption, aber auch von der  Eleganz der Sprache und der Brillanz der Reflektionen.

Unnötig zu erwähnen, dass sich ein solches Werk nicht allein in der Unterhaltung des Lesers erschöpft. Was also nimmt man mit, wenn man am Ende einer wochenlangen Lektüre das Buch schließt? Es ist vor allem eine Betroffenheit, wie ich sie durch Literatur so noch nicht empfunden habe – und das Gefühl einen Blick auf das GANZE VERHAENGNIS geworfen zu haben ohne dass man nach der Lektüre in der Lage wäre, dieses Verhängnis auf einen Begriff zu bringen. Louis Borges hat einmal geschrieben, es sei unsinnig, einen Riesenroman zu schreiben, wenn man seine Intention in einer Kurzgeschichte von wenigen Seiten zusammenfassen könne. Er selbst hat dazu seine Kurzgeschichte „Deutsches Requiem vorgelegt, dessen Protagonist Otto Dietrich zur Linde wie eine literarische Blaupause von Littells Maximilian Aue wirkt. Aber eben nur wie eine Blaupause und nicht wie ein gleichwertiges Äquivalent. Für mich bedeutet der vorliegende Roman die Widerlegung der Borgeschen These. Nur mit einem Epos dieses Ausmaßes wird man dem Verhängnis, das es zu beschrieben gilt, ansatzweise gerecht.

 

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