Munroe: Zu viel Glück

45Alice Munroe hat ihren literarishen Rang nicht durch große Roamne sondern durch Erzählungenerworben – sie gilt als die warhscheinlich maßgeblichste und am höchsten geschätzte Autporin von Erzählungen weltweit. Was ist an ihren Erzählungen das Besondere?

Oft werden in Erzählungen nur die Protagonisten herausgearbeitet, und man hat sich fast daran gewöhnt, sie vor einem nur undeutlich konturierten literarischen Bühnenbild zu sehen. Das mag im Rahmen einer Erzählung auch in Ordnung sein, Alice Monroe verwendet jedoch  eine andere Technik. Bei ihr ist das „Bühnenbild“, d. h. der Hintergrund der Erzählung immer superscharf herausgearbeitet, ihre Erzählweise gleicht in dieser Hinsicht einer Fotographie mit maximal geöffneter Blende – alles ist extrem konturiert, manchmal sogar die Nebenpersonen fast so differenziert wie die Hauptpersonen. Steckt hinter diesem literarischen Verfahren eine Theorie – vielleicht die, dass es auf dem Bühnenbild des Lebens keine unwichtigen Statisten gibt, dass alles es verdient, klar und deutlich in Erscheinung zu treten?

Auf diesem Hintergrund  verfährt ihre Literatur wie ein Teleskop, das in das pralle Leben hineingehalten und wieder herausgezogen wird. Sie liefert unglaublich anschauliche authentische Realitätsausschnitte, oft ohne Anfang und Ende, und es gelingt ihr meisterhaft, den Leser mit wenigen Skizzen mitten hinein in eine neue Geschichte mitsamt ihren Figuren und Problemstellungen zu ziehen. Die Geschichten haben alle einen leicht schrägen Plot, von dem man sich fragt, wie er aufgelöst wird. Er wird aber in der Regel nicht aufgelöst. Die Erzählungen enden unvermittelt und lassen eine Frage zurück – positiv gesagt: sie hinterlassen eine Leerstelle, die zu weiterem Nachdenken anregt. Am ehesten sind sie einer musikalisch nicht ganz aufgelösten Kadenz vergleichbar, nach der sich jeder fragt, wie die das Werk zuende gehen wird.

Inhaltlich spielen Munroes Geschichten in dem vorliegenden Erzählband meist in einem ländlichen Umfeld und handeln von Abnabelung, Auflösung, Wegehen – Kinder verschwinden und gehen ihren eigenen Weg (Kent in „Tieflöcher“ sowie Jon und Joyce in „Erzählungen“), sie werden umgebracht(in der Erzählung „Dimensionen“ oder auch in „Gesciht“), oder sie tingeln haltlos durch ihre Existenz ( etwa Nina in „Der Grat von Wenlock“). Diese ältere Generation wird verlassen, stirbt, versteinert wie Mr. Purvis oder bleibt einfach raltos zurück wie Sally in „Tieflöcher“) oder steht allein und hilflos Gewalttätern gegenüber („Freie Radikale“). Die Titelgeschichte „Zu viel Glück“ fällt dagegen etwas aus dem Rahmen, einfach, weil die Autorin sich bei dieser Erzählung nicht auf ihre Erfindungskraft verlassen konnte sondern ein historisch verbürgtes Lebensschicksal ( das der russischen Mathematikerin Sofie Kowalewska) erzählt. In formaler Hinsicht arbeitet Munroe mit traditionellen Vor- und Rückblenden, mit Verzögerungen und Auslassungen, anhand derer es gelingt, die Entfaltung der Geschichte in der Vorstellungswelt des Lesers mit einem optimalen Spannungsbogen zu versehen.

Insgesamt gleichen die zehn Geschichten des vorliegenden Buches  komplexen Speisen, langsam und mit Pausen genossen werden wollen. Ich habe niemals mehr als eine Geschichte am Tag gelesen, einfach deswegen, weil die Vielfalt der Fragen und Problemstellungen, die Erzählungen aufwerfen, reflexive Phasen nach der Lektüre unbedingt erforderlich machen. In diesem Aufrüttelungspotential, in diesem energischen Impuls zum Weiterdenken, den die Erzählungen von Alice Munroe beinhalten, liegt meiner Ansicht nach der besondere (belehrende und unterhaltende ) Wert ihrer Literatur.

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