Tellkamp: Der Turm

29Knapp zwanzig Jahre nach dem Untergang der so genannten „DDR“ ist die historische Hypothek dieses Systems noch immer nicht bewältigt – mehr noch: die Erinnerung an  die bleierne Epoche des ersten kommunistischen Staates auf  deutschen Boden weicht von Jahr zu Jahr stärker einer verklärenden Ostalgie, die die geschichtlichen Tatsachen auf den Kopf stellt.

Ein Grund für diese Verklärung ist neben  Linkslastigkeit der öffentlich rechtlichen Meinung  auch der Umstand, dass es noch keinen repräsentativen Roman über die DDR gab, in dem man heute noch nachlesen könnte, wie es wirklich war, hinter Stacheldraht und Todesstreifen und umgeben von kommunistischer Propaganda sein Leben vergeuden zu müssen.

Dieser Roman liegt nun vor, und es gehört zu den erfreulichsten Ereignissen unseres literarischen Lebens, dass dieser Riesenroman mit seinen knapp tausend Seiten unlängst sogar den deutschen Buchpreis 2008 erhielt.

Drzählt werden die letzten sieben Jahre der DDR als eine  kunstvoll verschachtelte Familiengeschichte mit einem geradezu überbordenden Begleitpersonal. Parteibonzen, Lektoren, Schüler, Soldaten, Künstler, Sprösslinge der Nomenklatura, Krankenschwestern, Anwälte und Republikflüchtlinge, Zensoren und Chefärzte haben nacheinander ihren genau berechneten Auftritt in diesem Epos von Tolstoischen Ausmaßen, der im Jahre 1982, dem Todesjahr Breschnews beginnt und am 9.11.1989, genau mit dem Datum des Mauerfalls, endet.

Wie bei Ka, als er in Kars ankam, schneit es auch, als der  Internatsschüler Christian Hoffmann zum Geburtstag seines Vaters nach Dresden reist. Die Hoffmanns, eine weit verzweigte Familie, wohnen ebenso wie die Rohdes und andere in einem ehemals gut bürgerlichen Viertel oberhalb Dresdens. In diesem „Turmviertel“ tragen die Häuser romantisierende Namen wie etwa „Haus Karavelle“, in dem der Oberarzt Christian Hoffmann lebt,  oder das „Tausendaugenhaus“, in dem der Lektor Meno Rohde  Tür an Tür mit Pedro und Babette Honich, einem Kampfgruppenkommandeur und einer Pionierleiterin wohnt. Von diesen Häusern hat man einen guten Blick auf die Stadt, die Berge und die Sicherheitsanlagen „Jener“, die das Land beherrschen. „Jene“, das sind die Gefolgsleute „Ostroms“, d.h. die Parteisekretäre, die Bücher und Filme zensieren, die Schuldirektoren, die ihre Schüler sofort nach dem Abitur dazu zwingen, sich drei Jahre zur Nationalen Volksarmee zu melden, die Chefärzte, denen  politisches Wohlverhalten wichtiger ist als chirurgische Kompetenz und der allgegenwärtige Staatssicherheitsdienst, der jedermann notfalls mit Erpressung zur Mitarbeit bei der Bespitzelung des eigenen Volkes zu gewinnen sucht.

Das ist das Bühnenbild, auf dem Christian und sein Onkel Meno Rohde, Richard Hoffmann und seine Geliebte, Barsano und Arbogast, der „Alte vom Berge“ und viel andere am „dance macabre“ der DDR teilnehmen. Und es sieht wahrlich nicht gut aus: Überall bröckelt der Putz von den Wänden, die Schadstoffe werden einfach in die Flüsse geleitet, die einfachsten Medikamente fehlen, und die Güter des täglichen Bedarfes sind, soweit vorhanden, von einer erschütternden Schrottigkeit. Nur die Wut, das Unbehagen, die Empörung der Menschen befindet sich im Wandel, steigert sich von Jahr zur Jahr, bis sie eines Tages in jenen massenhaften Mut konvertiert, der zur friedlichen Revolution von 1989 führt.

Auf dem Hintergrund dieser Alltagskakophonie, die von Jahr zu Jahr schriller wird, spielt die eigentliche Handlung nur eine sekundäre Rolle. Die Hauptfiguren ändern sich nicht, allein die Zustände werden immer schlimmer. Und dafür, wie diese Zustände gewesen sind, stellt dieses Buch erschütternde Zeugnisse aus: etwa das Kapitels über den „Behördentag“ ( S. 204-212) oder das Tribunal über die Schülerin Verena, die es wagte, in einer Geschichtsklausur aus Protest ein leeres Blatt abzugeben. Fast schon abgedreht sind die Auseinandersetzungen der Lektoren mit den Parteizensoren, entlarvend die unzähligen Beispiele der Korruption –  vom Generalsekretär bis zum Handwerker, der seine Arbeit nur gegen Westgeld akkurat verrichtet, wissen alle ihr Schäfchen  unter dem Deckmantel einer verlogenen Welterlösungsmoral ins Trockene zu bringen. Was es über die Ausbildung der DDR Jugend bei der Nationalen Volksarmee (S.534ff.),  über die Zustände in DDR-Krankenhäusern in Zeiten des permanenten  Stromausfalls ( S.702ff.), über den Zusammenbruch der Energieversorgung in den eiskalten Wintern der späten Achtziger Jahre und die Verbitterung der Menschen zu lesen gibt, ist akribisch recherchiert, literarisch eindrucksvoll aufbereitet und und erschütternd zugleich.

Ich habe diesen Roman mit Begeisterung gelesen, will aber auch nicht verschweigen, dass es manchmal ganz schön Mühe kostete, durchweg bei der Stange zu bleiben. Denn Tellkamp startet sein Oeuvre ohne jedes kammermusikalische Vorspiel. Da ist sofort und 973 Seiten lang  das ganze Orchester mit allen literaturformalen Raffinessen am Werk, da wechseln die  Erzählebenen, es variiert der Sprachduktus und mitunter mag man gar nicht glauben, dass die hyperbolisch verschachtelten Satzkonstruktionen noch zu einem glücklichen Ende finden. Aber es lohnt sich uneingeschränkt, wobei ich anmerken möchte, dass das Buch einen großen Nachteil hat: wie alle großen Werke muss man es mindestens zweimal lesen, um seinen Gehalt auch nur annäherungsweise auszuschöpfen. Dazu lasse ich mir aber noch ein wenig Zeit und  feiere einstweilen erst einmal den Untergang der DDR mit einem Rotkäppchensekt. Danke Uwe, aber lass Dir für den nächsten Riesenroman bitte noch etwas Zeit!

 

 

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