Behringer: Tambora und das Jahr ohne Sommer

Behringer - TamboraAuch die Geschichtswissenschaft kennt Moden, und das nicht zu knapp.  Nach dem „Primat der Innenpolitik“ und der „Gesellschaftsgeschichte“ ist nun die „Klimageschichte“ angesagt. Man führt die Völkerwanderung auf Abkühlungsprozesse im spätantiken Skandinavien zurück und erklärt den Niedergang des Islams durch die Temperaturmaxima des Hochmittelalters. Die Mongolen kann man in diesem Zusammenhang offenbar vergessen. Auch die Große Pest des 14. Jahrhunderts hängt nun mit einer Klimaveränderung zusammen, denn es wurde so kalt, dass die Ratten den Menschen  in ihre Behausungen folgten und die Pesterreger gleich mitbrachten. In dieses neue Regal der Wissenschaftsgeschichte gehört auch das vorliegende Buch „Tambora und das Jahr ohne Sommer“.

Tambora ist der Name eines Vulkans auf der Insel Sumbawa  im Osten Indonesiens, der im April 1815 den größten Vulkanausbruch seit Beginn der geschichtlichen Aufzeichnungen hinlegte. Die Folge dieses Ausbruchs war nicht nur der Tod von über 100.000 Menschen sondern- und darum geht es dem Autor – die Veränderung der ganzen Welt  Das hört sich zunächst einmal interessant an, und die  Indizien, die der Autor vor allem zu Klimaveränderungen und 1 (49)Missernten der Jahre nach 1815 anführt, klingen überzeugend. Doch er überzieht, indem er fast alles und jedes dem Vulkanausbruch zurechnet.   Maschinenstürmerei in England? Eine Folge des Hungers und der Missernten, die durch die Klimaveränderung hervorgerufen wurden. Spielt denn die industriellen Revolution und dem Vormarsch der  Textilfabriken in England gar keine Rolle? fragt man sich. Massenauswanderung nach Amerika? Ein Resultat des allgemeinen Hungers, der den Missernten folgte. Aber es waren doch gerade nicht die Ärmsten der Armen, die aufbrachen, sondern viele, die vor der feudalen Unterdrückung in die Neue Welt flohen.  Nicht so wichtig? Europa nach 1815 war ein Kontinent des Wandels, in dem die Ideen der Französischen Revolution, ein gewaltiger demografischer Schub und die Umwälzungen der industriellen Revolution alles veränderten, was bis dahin als unveränderlich gegolten hatte.  Pauperismus, politische Radikalisierung, Auswanderungswellen, der Anstieg der Kriminalität, die Entstehung einer staatlichen Sozialpolitik und viele andere Aspekt mehr werden jedoch vom Autor etwa kurzschrittig  mit der „Tamborakrise“ in Verbindung gebracht. Das hat auf die Dauer etwas Ermüdendes, wenngleich die Einzelheiten und die Vielzahl der Aspekt, die der Autor entfaltet, die Lektüre ungemein kurzweilig macht. Und hier liegt auch der primäre Wert des Buches: es bietet eine geradezu enzyklopädische Darstellung der Welt zwischen 1815 und 1820, die allein schon für sich mitgroßem  Gewinn zu lesen ist. Und das ist mehr, als viel Sachbücher von sich behaupten können.

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