Bösch: 1979. Das Jahr, in dem die Welt von heute begann

Mit den großen geschichtlichen Umbrüchen ist es so eine Sache, vor allem, wenn sie in der Jetztzeit geschehen. Kein Römer oder Germane wird geahnt haben, dass der Moment, als Odoaker im Jahre 476 den letzten weströmischen Kaiser absetzte, später als der Übergang von der Antike zum Mittelalter definiert werden würde. Als Lenin und Trotzki in Sankt Petersburg im Oktober 1918 die reguläre Regierung wegputschten, fuhren die Straßenbahnen, und niemand konnte an diesem Tag die blutigen Folgen der kommunistischen Machtergreifung voraussehen. Erst die zeitliche Distanz enthüllt die Gemeinsamkeiten scheinbar disparater Ereignisse. Von dieser Distanz und ihrer retrospektiven Diagnostik handelt das vorliegende Buch.

Der Rezensent kann sich noch gut daran erinnern, dass am Ende der siebziger Jahre die iranische Revolution und die Papstwahl Johannes Pauls II als zwei vollkommen verschiedene Vorgänge  wahrgenommen wurden. In Wahrheit, so der Autor, begann mit diesen beiden Ereignissen eine neue Epoche der Weltgeschichte. Nicht 1989, wie es der Mainstream gerne definiert, sondern 1979, was „das Jahr, in dem die Welt von heute begann.“  Folgt man dem Autor, dann waren es eine ganze Reihe von Umbrüchen, die in ihrer  Gesamtheit einen Epochenbruch markierten, der den unmittelbaren Zeitgenossen verbogen blieb. Die Eule der Minerva beginnt erst am Abend ihren Flug, schreibt Hegel, und der Autor schlüpft gleichsam in die Rolle dieser Eule um die retrospektiv die eigene Epoche von ihren Ursprüngen her zu begreifen.

Was waren nach Meinung des Autors die epochalen Umbrüche des Jahres 1979? Neben den beiden beschriebenen religiösen Umwälzungen nennt Bösch die sandinistische Revolution in Mittel Amerika als Beispiel für das Erwachen der dritten Welt, die neoliberale Thatcher-Revolution in Großbritannien als Exempel für die Abkehr vom Sozialismus und den Reaktorunfall  von Harrisburg und die zweite Ölkrise als Beginn der ökologischen Epoche. Auch die Erscheinung der „Boat People“ als Prolegomena des Flüchtlingszeitalters und der russische Einmarsch in Afghanistan als Menetekel des Sowjetkommunismus gehören dazu, ebenso wie der weltweite Erfolg der Fernsehserie „Holocaust“ und die Öffnung Chinas unter Deng Tsiao Ping.    An einer anderen Stelle grenzt der Autor diese befremdliche Vielfalt etwas Überzeugender durch die Zuspitzung auf einzelne Persönlichkeiten noch einmal ein: nun sind es Khomeini,  Johannes Paul II, Margaret Thatcher und Deng, die die Religion und Kapitalismus neu revitalisieren. Dass der Name Gorbatschow in dieser Reihe fehlt, ist nachvollziehbar, denn er stand für nichts Neues, sondern nur für die Abwicklung eines überlebten Weltreiches.

Was ist von der 1979-These zu halten?  Unzweifelhaft identifiziert der Autor zwei  Entwicklungen von überragender Bedeutung: Die Rückkehr der Religion in die Geschichte und der Aufstieg Chinas zur Weltmacht. Insofern ist die These von Epochen Jahr 1979 nachvollziehbar.  Alles andere tritt dem gegenüber zurück, ganz abgesehen, dass die Fixierung auf 1979 mitunter etwas gewollt erscheint. Mancher „Epochenbruch“, der in das Jahr 1979 gelegt wurde, hat seine Lebenszeit entweder bereits hinter sich oder sich als Kuckucksei entlarvt.  Der Aufstieg der ökologischen Bewegung hat zu einer Reduktion demokratischer Vielfalt geführt, und die  Aktivitäten linker Befreiungsbewegungen in der dritten Welt haben ihren Zenit überschritten. Und die Boat People haben ganz und gar nichts zu tun, mit den Migranten, die durch acht Länder wandern, um sich den Staat in Europa mit den höchsten Sozialleistungen auszusuchen. Ob der Neoliberalismus à la Fetscher und Reagan noch immer so bedeutsam ist, kann angesichts des gegenwärtigen Ökosozialismus mit Fug und Recht bezweifelt werden. Der gewaltige Nachhall der Fernsehserie „Holocaust“ war eher ein Impulsgeber für den deutschen Schuldstolz als ein länderübergreifendes Phänomen. Und die Epoche der Atomkraft ist, anders als man es in Deutschland glaubt, noch lange nicht zu Ende.

Hält man diese Einschränkungen im Hinterkopf, handelt es sich bei dem vorliegenden Buch  trotzdem um eine Art Zeitgeschichtsschreibung vom Feinsten, auch wenn ich die 1979er These als solche überzogen finde. Der Wert des Buches liegt in seiner anschaulichen und kompetenten Zeitgeschichtsschreibung.  Der Leser unserer Tage, wirft einen Blick zurück in eine Zeit, in der viele (längst nicht alle) Schneisen neu gestellt worden sind, auch wenn er dabei bedenken sollte, dass manche dieser Schneisen Sackgassen sind.

 

Kommentar verfassen