Bolano: 2666

BolanoWie fasst man ein 1100 Seiten Werk kurz zusammen? Am besten gar nicht, aber wenn man es trotzdem versuchen möchte, muss klar sein, dass die epische Fülle Tausender von Details, Hunderter von Personen, dass unzählige Bezüge und Stimmungslagen der unterschiedlichsten Koloratur in einer solchen Komprimierung auch nicht ansatzweise hervortreten können. Da der Inhalt dieses Riesenwerkes aber in sehr vielen Rezensionen falsch oder missverständlich wiedergegeben wurde, will ich es trotzdem versuchen:

Das erste Buch (VON DEN KRITIKERN – S. 11-202 ) beginnt so esoterisch, wie man es sich nur vorstellen kann. Vier Literaturwissenschaftler, drei Männer und eine junge Frau, allesamt Experten für das Werk des deutschen Schriftstellers Benno von Archimboldo lernen sich auf philologischen Kongressen kennen und lieben. Die gemeinsame Suche der vier Literaturwissenschaftler nach dem verschwundenen Archimboli führt sie nach einigen Irrungen und Wirrungen in die nordmexikanische Stadt Santa Theresa, wo sie ihn nicht finden, aber gleichsam en passant von den rätselhaften Frauenmorden hören.

Im Mittelpunkt des zweiten Buches (AMALFITANO – S. 203-284 )  steht Professor Amalfitano, ein chilenischer Wissenschaftler, der mit seiner Tochter Rosa in  Santa Theresa lebt. Er ist geplagt von Stimmen Vorahnungen und dem Gefühl eines herannahenden Verhängnisses, während in dem Ort, in dem er lebt, immer mehr ermordete Frauen aufgefunden werden.

Das dritte Buch (FATE – S. 285-428 ) führt den Leser auf den Spuren des afroamerikanischen Reporters Oscar Fate von New York erneut nach Santa Theresa mitten hinein in das widerwärtigste Machimso-Milieu und damit noch etwas näher an das sich immer beunruhigender ausweitende Phänomen der Massenmorde an jungen Frauen heran.

Das vierte Buch (VON DEN VERBRECHEN – S. 429-770) ist zweifellos der düstere Kern des gesamten Werkes. Über Hunderte von Seiten werden die Frauenmorde von Santa Theresa befremdlich detailliert dargestellt –  jeder Fall für  sich ist schockierend in seiner Anschaulichkeit und doch bald auch ermüdend in der Wiederholung, womit der Autor genau jenen medialen Gewöhnungseffekt simuliert, der das Grauen, zu einem Bestandteil des täglichen Lebens macht. Die kursorischen, teils unsystematischen, teils schlampigen Ermittlungen führen schließlich zur Verhaftung des Deutschamerikaners Kurt Haas, dem die korrupten Untersuchungsbehörden den Mord anzuhängen suchen.

Das fünfte und letzte Buch (ARCHIMBOLDI – S. 770-1085) erzählt die Geschichte des 1920 in Norddeutschland geborenen Hans Reiter, der am zweiten Weltkrieg teilnimmt und nach 1945 unter dem Pseudonym Benno von Archimboldo Romane veröffentlicht, die ihn, wenngleich nach einer längeren Anlaufzeit, weltberühmt machen.  Seinen Neffe Klaus Haas verschlägt es  nach zahlreichen privaten Bruchlandungen  nach Amerika, wo er als Hauptverdächtiger für die Massenmorde an Frauen im Gefängnis von  Santa Theresa landet.  Über seine Schwester Lotte erfährt  der jahrzehntelang im Verborgenen lebende und auch schon über achtzigjährige Archimboldi,  dass sein Neffe in Mexiko ins Gefängnis sitzt und macht sich per Flieger auf nach Los Angeles.  Das wars.

Soweit die Vogelperspektive auf das vorliegende Werk. Nimmt man das Buch aber wirklich zur Hand, erwartet den Leser eine geradezu phänomenale Üppigkeit an  Personen  und Schauplätzen, die beinahe Schmöker-Qualität besitzt, Je weiter man liest, je deutlicher entfalten sich die Konturen einer globalisierten Literatur, deren Bezüge nahezu das gesamte Zwanzigste Jahrhundert umfasst.  Doch keine Angst  – so unfassbar geräumig der poetische Weltentwurf daherkommt, so leicht  liest sich der Leser in die verschiedenen Provinzen dieses Textkosmos ein. Bolanos Sprache geht rein wie Butter und ist von einer brillanten Anschaulichkeit und Tiefe. Personen, Begriffe, Handlungsketten ujnd Theorien defilieren am geistigen Auge des Lesers vorüber, ohne dass einen Augenblick lang Verwirrung oder Langeweile entstünde.  Der Roman ist kurzweilig auf eine fast verdächtige Art, ohne  banal zu sein, er ist grauenhaft und schockierend ohne auf Effekte zu setzen, und er von einer unglaublichen Gelehrsamkeit, ohne zu verwirren. Vor allem aber ist er großartig erzählte Literatur, in der Szenen und Bilder beschrieben und gefunden werden, wie man sie noch nie gelesen hat.

Was aber ist sein Thema?  Soweit sich das auf der Grundlage des vorliegenden Torsos beurteilen lässt, ist die Handlungsführung zwischen zwei Polen aufgespannt – zwischen dem Leben Benno von Archimoldos (und seiner Adepten)  im ersten und letzten Buch und den Frauenmorden von Santa Theresa ( in Wirklichkeit: Ciudad Mexiko an der mexikanisch-amerikanischen Grenze), d. h. es handelt sich um eine Spannweite, wie man sie sich kaum extremer vorstellen kann:  Literatur und Wirklichkeit, Mütter und Mörder, Kongress und Müllhalde, spätbürgerliches Bildungsgehabe und entmenschter Machimso, provinzielle Spießigkeit und dekadente Libertinage, Männer und Frauen, Schwarz und Weiß, Nord und Süd, Reichtum und Armut, Nazis und Juden –  das und viel mehr führt den Leser in das düstere Herz der Welt und verbindet sich zu einem literarischen Strudel, der genau in dem Augenblick abbricht, wo die weit verstreuten Fäden sich durch den Aufbruch Archimboldos nach Mexiko  zu verbinden scheinen.

  1. Deutung 2008 –   Roberto Bolano, der  vor der Fertigstellung des Romans, im Jahre 2004 in Barcelona an einer  Leberzirrhose im Alter von gerade mal Fünfzig Jahren verstarb, hat diese Synthese nicht mehr leisten könne. Er hat ein unvollendetes Werk hinterlassen, von dem sich ein jeder am Ende des Buches fragen mag, welchen gestalterischen Weg der Autor bei der Vollendung des Werkes wohl eingeschlagen hätte. Auch wenn solche Mutmaßungen letztlich müßig sind, bin nach der Lektüre des Werke von zweierlei überzeugt. Zunächst  glaube ich, dass Bolano nach diesem gigantischen Grundriss noch einmal mindestens eintausend Seiten benötigt hätte, um all die Fäden und Fährten zusammen zu führen.  Aber selbst für den Fall, dass dies versucht worden wäre, hätte ich meine Zweifel, ob es auch gelungen wäre. Wie der überdimensionierte  Dom von Siena oder Theodor Mommsens „Römische Geschichte“, die mit Cäsars Tod abbricht, wie Musils „Mann ohne Eigenschaften“ oder Mahlers Zehnte Sinfonie  hat es oft seinen Grund, dass große Werke am Ende unvollendet bleiben. Sie können nicht vollendet werden, ihre alle Grenzen sprengender Entwurf  erlaubt keine entgültige Gestalt. Ihre Unabgeschlossenheit spiegelt in der ganz großen Form die Fragmentarität der Welt, die allem zugrunde liegt. Ein Beispiel dafür ist für mich das vorliegende Werk.  Der Tod des großen Autors muss auch mit diesen Augen gesehen werden.
  1. Deutung 2018 -Nach dem Besuch einer Bolano Vortrages in der Buchhandlung Böttger am 24.8.2018   in Bonn muss ich meine o.a. Einschätzung korrigieren. Was ich oben als bedauerliche Fragmentarität des Werkes beklagte und auf den frühen Tod des Autors zurückführte, ist von Bolano gewollt. 2666 ist kurz vor dem Tod des Autors fertiggestellt worden, da kommt also nichts mehr. Bolano, so hörte ich weiter,  sei der Schriftseller der Torso-Romane. Irgendwas fehle immer, und sei es der Kopf, so jedenfalls der unterhaltsame und ungewöhnlich gebildete Referent Alvaro Arango. Bolano, so Arango, enttäusche seine Leser mit Absicht, um ihnen etwas anderes, etwas Besseres vorzusetzen. Das hörte sich gut an, kam  mir aber vor wie eine Erschleichung,  Denn mit dergleichen Parolen drückt man sich vor dem Anspruchsvollsten, was es in der Literatur geben kann: der Schöpfung einer überzeugenden Werkform, die zum Werkinhalt in einer nachvollziehbaren Beziehung steht. So gesehen kommt mir Bolanos Werk modernistisch, aber letztlich nach den Maßstäben der großen Literatur ambitionslos vor. Denn 1100 Seiten allein begründen noch kein Meisterwerk, es gibt ähnlich umfangreiche Werke, (Littell, Grossmann) die trotz ihrer Länge nicht vor der Form ertrinken.