Brandt: Das Ende der Antike. Geschichte des spätrömischen Reiches

Mit der geschichtlichen Chronologie ist es schon so eine Sache. Wann endet das Alte und wann  beginnt das Neue und wie kann man diese Übergänge exakt mit Jahreszahlen fixieren? Dieses Problem stellt sich ganz besonders bei der viel diskutierten Frage nach dem Übergang von Antike zu Mittelalter. Wer erinnert sich nicht noch daran, wie er sich im Geschichtsunterricht das Jahr 476 als Ende der Antike eingepaukt hatte,   wobei sich die Zeitgenossen dieses Jahres am meisten über seine ihm später  zugesprochene Bedeutung gewundert hätten. Mit anderen Worten: kaum ein  Einschnitt  besitzt mehr den Charakter des gleitenden, vorläufigen zögerlichen Übergangs als der Wandel von der Antike zum Frühmittelalter. Der unvergessene Henri Pirenne hat in seinem Klassiker „Mahommet und Karl der Große“ mit einem gewissen Recht die Antike sogar erst mit der Entstehung des Islams, der die Einheit des Mittelmeerraums endgültig zerriss,  enden lassen.

Das vorliegende Buch des Bamberger Althistorikers Hartwin Brandt will deswegen keine festen Datumsgrenzen definieren sondern die Spätantike in einer problemorientierten Analyse so beschreiben, dass  wenigstens die einzelnen Stufen des Übergangs deutlich werden. Die Darstellung beginnt mit dem Jahr 284 mit dem Regierungsantritt Kaiser Diokletians. Die von ihm in die Wege geleitete Reichsreform der „Tetrachie“ weist bereits auf die bald anstehende Reichsteilung hin, seine große Christenverfolgung definiert die letzte große Prüfung des neuen Glaubens, eher er im vierten Jahrhundert zur Staatsreligion avancieren wird. Die nächsten beiden wesentlichen Daten sind 376 und 382, als Kaiser Valens die Reichsgrenze für die Goten öffnet und Kaiser Theodosius den Goten exterritoriale Rechte innerhalb des Reichsverbandes gewährt. Im Grunde war die Auflösung des weströmischen Reiches nach diesem Gotenkontrakt nur noch eine Frage der Zeit.  Die Regierungszeit Theodosius des so genannten Großen erscheint überhaupt als die Wendezeit schlechthin, denn auf sie geht nicht nur die Reichsteilung sondern auch die Etablierung des Christentums als Staatsreligion zurück. Aus der Vielzahl der Karrieren germanischer Heerführer ergibt sich kein prägnantes Datum. Anders verhält es sich mit den seit etwa 400 einsetzenden Landnahmen der germanischen Völker auf dem weströmischen Reichsgebiet, die mit der epochalen Plünderung Roms im Jahre 410 durch die Westgoten begannen. Odoaker und seine im Jahre 476 vollzogene Absetzung des letzten weströmischen Kaiserleins  ragt hierbei nur insofern heraus, als mit diesem Ereignis der Kaisertitel des Westens erlosch. Fast gespenstisch  in dieser Epoche der allgemeinen Auflösung mutet die kurzfristige Bonsai Restitution des römischen Reiches unter Kaiser Justinian an. Mit dessen Tod und dem Einfall der Langobarden in Italien endet im Jahre 568 die Spätantike und somit auch das vorliegende Buch. Was zur abschließenden Frage führt, was die dreihundert  Jahre Spätantike gebracht haben: nämlich das Verschwinden des weströmischen Reiches, den Durchbruch des Christentums, die Bildung germanischer Königreiche die zur Keimzelle Europas werden sollten und die Entstehung eines griechischen Kaisertums im Osten – aber alles Schritt für Schritt in einem langanhaltenden Prozess der Metamorphose.  Dass der Autor seine Darstellung allerdings ein halbes Jahrhundert vor der weltgeschichtlichen Wende schlechthin, der Umgestaltung der Welt durch den expansiven Islam, enden lässt verwundert ein wenig.

 

Kommentar verfassen