DAS AKTUELLE BUCH – November/Dezember 2017: Hirsi Ali: Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss

Hirsi Ali _Die Somalierin Hirsi Ali war als junge Frau vor der Drohung einer zwangsarrangieren Ehe in die Niederlande geflohen. Dort hatte sie ein Studium begonnen, sich öffentlich vom Islam abgewandt und sich als antiislamistische Frauenrechtlerin einen Namen gemacht. Bei der klassischem Linken und den orthodoxen hard core Feministinnen hat sie sich damit keine Freunde gemacht, und als auch die Morddrohungen von Seiten radikaler Muslime immer bedrohlicher wurden, sah sie sich gezwungen, in die USA zu emigrieren. Auch ein Flüchtlingsschicksal, aber eines, das nicht in die offiziösen Schemata passt.

Ihrem Thema aber ist Hirsi Ali treu geblieben: ihr geht es um die Bewahrung rechtsstaatlicher und demokratischer Errungenschaften gegenüber religiösem Extremismus aller Art, worunter sie in der Hauptsache den Islam subsummiert. Das vorliegende Buch zeigt allerdings, dass die Autorin ihre ehemaligen Glaubensbrüder nicht ganz verloren gibt. Denn der Buchtitel „Reformiert euch“ macht nur Sinn, wenn die Autorin diesem Projekt eine gewisse Wahrscheinlichkeit einräumt. Insofern  handelt es sich also um ein aktuelles und zugleich utopisches Buch – aktuell ist es, weil die Welt kaum etwas notweniger bräuchte, als eine islamische Reformation, und utopisch ist es, weil zur Zeit kaum etwas weniger wahrscheinlich ist als eben dies.

Aber so wie es ist, kann es auch nicht bleiben, denn der gegenwärtige Mehrheitsislam ist  mit  der modernen Demokratie nicht kompatibel – und das nach Hirsi Ali gleich in fünffacher Hinsicht: (1) im Hinblick auf den Absolutheitsanspruch des Koran (2), im Hinblick auf die Unterdrückung der Frau (3), die Fixierung auf das Jenseits (4), seine offensive Bekämpfung auch geringster Abweichungen von der reinen Lehre und (5) ganz besonders wegen des Jihad Gebots. Das gilt umso mehr als der Islam seinem ganzen Wesen nach IMG_3840mehr als eine Religion ist, er repräsentiert ein komplettes Staats- und Gesellschaftssystem, das neben sich auf Dauer keine andere Weltanschauung duldet. Soweit, so trist. Wo soll denn dann die Reformation des Islam herkommen? Mag sich der Leser fragen. Zur Beantwortung dieser Frage bedient sich Hirsi Ali einer inzwischen gebräuchlichen Unterscheidung zwischen zwei Arten des Islams:  dem „Mekka-Islam“, der sich auf die Schriften des frühen,  des gütigen Mohammed bezieht, und dem fundamentalistischen „Medina- Islams“ des späten, kriegerischen  Propheten.  Wie immer man zu der Stichhaltigkeit dieser Unterscheidung auch stehen mag – richtig ist, dass die Mehrheit der Muslime eher „Mekka Muslime“ sind, sich aber durch die sogenannten radikalen „Medina-Muslime“ vereinnahmen lassen. Allerdings, so Hirsi Ali,  wirke die brutale  Menschenverachtung der Islamisten auf die gemäßigten Muslime „erschreckend“, was sie reif mache für Veränderungen. Woher die Autorin diesen Optimismus nimmt,  ist schleierhaft. Noch nirgendwo hat man nennenswerte mohammedanische Massen gegen die Verbrechen demonstrieren sehen, die im Namen ihrer Religion begangen werden.  Und dass Erhebungen nach blutigen islamistischen Attentaten des Jahres 2016 ein erschreckendes Sympathiepotenzial in den europäischen Parallelgesellschaften entdeckt haben, weist  in eine ganz andere Richtung.

dIE kINDER SIND UNSERE zUKUNFTHirsi Ali aber wittert Morgenluft für Veränderung und versucht, diese optimistische These in Anlehnung an die Lutherische Reformation plausibel zu machen.  (1) Ganz ähnlich wie bei Luther sorge ein neues Medien für die Verbreitung von Reformideen ( bei Luther der Buchdruck, heute das Internet). (2) Ganz ähnlich wie bei Luther existiere eine soziale Schicht, die die Veränderung tragen könnte (in beiden Fällen eine Art städtischer Mittelschicht), und (3) wie bei Luther gäbe es etablierte politische Kräfte, die an einer Reform der Religion zur Sicherung der eignen Herrschaft interessiert sind. (bei Luther die Landesherren, heute die autokratischen Machthaber und Dynastien). Das klingt gut, doch bei näherem Hinsehen entpuppen sich diese Parallelen als fromme Wolkenkuckucksheime. Denn das neue Medium, da Netz, ist wertneutral. Viele vertreten sogar die Ansicht, es leiste mehr für die  Verbreitung des radikalen Islams als zu seiner Bekämpfung. Die bürgerlichen Mittelschichten in islamischen Ländern können in keiner Weise mit der gebildeten und weltoffenen städtischen Bevölkerung des 16. Jahrhunderts verglichen werden – und last not least:  die politischen Machthaber, die die Reform des Islam vorantreiben sollen, sind ihren Untertanen fast immer als Ausbeuter verhasst.

Doch die Autorin ist tatsächlich der Ansicht, die islamische Reformation habe bereits  begonnen. Sie belegt dies durch einen lesenswerten Überblick über die vielfältigen Aktivitäten liberal denkender Muslime.  Dabei handelte es sich im Wesentlichen um drei Gruppen: erstens die islamischen Dissidenten im Westen wie etwa Ates, Samad  und Kelec (Polizeischutz!), zweitens  die Islamkritiker in islamischen Ländern (Gefängnis. Fatwa oder Tod) und drittens reformerische Imame ( völlig wirkungslos und geächtet).   Eine wirkliche Machtperspektive besitzt keine dieser Gruppen, man denke nur an  Ates Reformmoschee-Gemeinde in Berlin, die ein kümmerliches und angefeindetes Nischendasein führt.

Alles in allem ergibt sich so ein zwiespältiges Fazit. So sehr man wünschen möchte, dass die Autorin Recht haben möchte und eine Reformation des Islam tatsächlich im Gange sei bzw. bevorstehe, so weisen doch die aktuellen Ereignisse in eine ganz andere Richtung. Selbst wenn die liberalen weltoffenen Muslime im Westen tatsächlich so stark sein sollten, wie die Autorin vermutet, werden sie durch eine kaum nachvollziehbare und herbe Stigmatisierung linker Eliten gehemmt und letztlich zur  Wirkungslosigkeit verurteilt.  So liegt, genau betrachtet, das Problem sogar noch eine Ebene tiefer.  Die Reformation des Islam, sollte sie überhaupt möglich sein, wird erst dann in Gang kommen, wenn der Westen seine Appeasmenthaltung gegenüber dem orthodoxen Islam aufgibt –  getreu dem Wort von Peter Scholl Latour: „Ich habe keine Angst vor der Stärke des Islam sondern vor der Schwäche und der Blindheit des Westens“. Insofern könnte man Hirsi Alis Aufruf „Reformiert euch“ mit Fug und Recht auch an den Westen richten. Dass die durchaus islamkritische Autorin diese verhängnisvolle Rolle linker Eliten im Westen nicht stärker thematisiert, verwundert etwas.

Djama Masjid

Kommentar verfassen