Das aktuelle Buch Juni/Juli 2018 RECHTS – eine Strategiedebatte

Menzel Rechts  Nichts ist uninteressanter als der Kaffee von gestern – oder auf der Bühne der politischen Theorie: nichts ist langweiliger als das als das  linke Denken von heute. Aber sein Pendant, das rechte Denken ist keine Alternative, jedenfalls nicht, wenn an den Vorgaben der offiziösen Presse folgt. Rechtes Denken ist „nazistisch“, „rückwärtsgewandt“, ausgrenzend“, „fremdenfeindlich“, „unterkomplex“  und was es an Gottseibeiuns-Prädikaten sonst noch gibt. Was der allererste Imperativ einer redlichen Diskussion sein sollte, das Verstehen der anderen Seite aus ihren eigenen Denkhorizonten heraus  (denen ich natürlich nicht zustimmen muss), gilt für das rechte Denken nicht.

Umso mehr Grund, sich von einem vorurteilslosen Standpunkt aus  einmal mit diesem rechten Denken aus seinem eignen Selbstverständnis heraus zu beschäftigen. Wen diese Thematik abseits von Polemik und Unterstellungen  interessiert, der ist mit dem vorliegenden kleinen Buch, herausgegeben vom „Verein für Journalismus und Jugendkultur“ gut bedient. Sein Thema ist die Frage danach, wie die Gegenwart und Zukunft unserer Gesellschaft aus einer rechten und zugleich demokratischen Perspektive heraus gedacht werden kann. (Hier befindet sich schon der erste Stolperstein. Wie? mag jetzt mancher fragen.  Rechts und Demokratie? Das passt doch gar nicht zusammen. Wer das ernsthaft glaubt, kann hier aufhören, weiterzulesen.)

Zunächst zum weltanschaulichen Hintergrund des vorliegenden Buches. Es hat nichts, aber auch gar nichts mit dem altbackenen Rechtsradikalismus der sogenannten „alten“ Rechten zu tun. Im Gegenteil:  das tumbe Gehabe rechtsradikaler Schläger ist für jeden „Neu-Rechten“ ein Zerrbild des eigen  Wollens. Ebenso wie es die Neue Linke ablehnt, mit kommunistischen Mördern in einen Topf geworfen zu werden, verlangen auch Neurechte (wenngleich vergeblich)  nicht mit Nazis in einem Atemzug genannt zu werden. Was nichts an der Prägnanz ihrer gesellschaftlichen Diagnose ändert, denn  für die Autoren des vorliegenden Buches hat sich die „schöne neue Welt des Multikulturalismus“ längst  in einen Albtraum verwandelt. Das Land ist unter Regie einer abgeschotteten Politikerkaste dabei, seine freiheitlich-demokratischen Traditionen und seine Substanz zu verspielen  Trotzdem folgt die Bevölkerung in ihrer Mehrheit scheinbar unbeeindruckt noch immer einer Regierung, die ihr all das eingebrockt hat. Wie kann das sein, und was ist zu tun? Das ist das Thema der „Strategiediskussion“ des Buches.

Einig sind sich die Diskutanten zunächst in der Identifikation des Gegners.  Es sind nicht so sehr die einwandernden Muslime, deren zweckrationales Ausnutzen ihrer Chancen letztlich verständlich ist, sondern der organisierte rotgrüne Mainstream, der Staat und Gesellschaft planmäßig der Ausbeutung und dem Niedergang aussetzen. Dabei werden dem rotgrünen Mainstream  allerniedrigste Motive unterstellt, was jeder, der einen Rotgrünen kennt, nur mit großen Vorbehalten zur Kenntnis nehmen kann. Meine rotgrünen Freunde jedenfalls verfolgen keine niedrigen Motive, die meisten von ihnen sind menschlich in Ordnung, allerdings weltanschaulich komplett vernagelt. Was aber im Endeffekt auf das gleiche herauskommt.

Aber nicht nur die Linken und die Grünen, auch die Konservativen bekommen ihr Fett weg.   Konservative sind passiv, beharrend und inaktiv, sie sind, so formuliert es ein Diskutant, letztlich „der Feind in der Burg“, was mich etwas schockte, weil ich mich selbst als  Konservativen betrachte.   Auf der anderen Seite trifft der Text durchaus etwas Wahres. Viele Konservative sind gut situierte Teilzeitempörte, deren Zorn über den Verfall von Staat und Gesellschaft bei einem guten Wein und den Klängen von Madame Butterfly schnell dahinschwindet. Mit pensionierten Studienräten in ihren Ohrensesseln ist kein Neuanfang zu schaffen.

Auf der anderen Seite ist es fünf vor zwölf, denn die Zustände werden immer besorgniserregender. Genauso wie sich die Linke wegen des Klimawandels um den Planeten sorgt, so fürchtet die Rechte wegen der Zuwanderung um  den Bestand Deutschlands, genauer gesagt, um seiner Kultur, seine „Identität“, seiner Staatlichkeit und nicht zuletzt auch um seine Ethnie. Leider aber steht es mit dieser Ethnie keineswegs zum Besten, denn so die Meinung, der der Großteil der Deutschen ist mittlerweile verdummt, verkommen und/oder durch die Verlockungen des Konsumismus stillgestellt. „Solange der Normaldeutsche nicht überfallen wird, wenn er seine Brötchen beim Bäcker holt, ist für ihn alles in Ordnung“, wirft ein Gesprächseilnehmer ein.

Aber gibt es nicht auch Anlass zur Hoffnung? fragt ein anderer. Man denke nur an die Bildungsrevolution, die vor etwa einhundert Jahren die Landbevölkerung ergriff, alphabetisierte und damit auch politisierte. Was damals möglich war, muss doch auch heute denkbar sein, wenngleich natürlich auf höherem Niveau und in eine  ganz andere Stoßrichtung. Aber eine solche patriotische Bildungsrevolution ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil, widerspricht der nächste. Die etablierten Medien tun ihr Bestes, das Volk weiter im Zustand der kompletten Verblödung zu halten. Aber wie ist dann ein Umsteuern möglich? Durch die Entstehung einer neuen Elite? Aber wie soll diese Elite zur Elite werden?  Vielversprechender erscheint da schon der Ansatz bei der Jugend, die unter der Tristesse der hedonistischen Gesellschaftsverhunzung leidet und nach ideeller Orientierung sucht.  Die deutschen Konvertiten, die sich zum islamistischen Terrorismus bekehrten, lassen grüßen. Wäre da nicht was zu holen? KINDERKREIZZUG 857_n  Kaum, wirft einer der Diskutanten ein, dafür ist die konsumenteninduzierte Gehirnerweichung bei den meisten Jugendlichen schon zu weit fortgeschritten. Linke Lehrer haben ganze Arbeit geleistet.

Wie steht es denn mit der  Anwendung von Gewalt und Terror, wie es die RAF versuchte? Erstens: sinnlos, denn gegen die Straßenmacht der staatsfinanzierten Antifa und der Migrantenclans  hätten  Patrioten  in einer offenen Auseinandersetzung keine Chance. Und zweitens: verantwortungslos, denn die Forcierung der Krise scheidet aus ethischen Gründen aus. „So argumentieren kann nur, wer keine Kinder hat und glaubt, die Zukunft nach dem Zusammenbruch vorausberechnen zu können“, meint Felix Menzel. Donnerwetter, denkt der Leser, die Neurechten argumentieren verantwortungsethisch, so etwas wird man bei der Antifa lange suchen müssen.Wie steht es mit einer demografischen Revitalisierung der deutschen Familie? wird gefragt. Immerhin erreicht Sachsen, das patriotischste aller Bundesländer, innerhalb Deutschlands einen demografischen Spitzenwert von 1,59. Mag sein, meint ein anderer, aber trotzdem schrumpft auch bei diesem Wert die Bevölkerung.

So geht das durch das ganze Buch, und es hat etwas Rührendes nachzulesen, wie die Diskutanten zwischen Zorn und Resignation, Wut und Verantwortungsbewusstsein hin und her schwanken. Hannah Arendt, Othmar Spann, Carl Schmitt,  Oswald Spengler, am Ende sogar Rudi Dutschke haben ihre  Auftritte, können aber auch nicht weiterhelfen.  Am überzeugendsten erscheint der Mehrheit am Ende das, was auch die Menschewiki gegen die Bolschewiki, die SPD-Revisionisten gegen die Altmarxisten in der SPD dereinst  propagierten: eine an situativen Gelegenheiten und Chancen ausgerichtete Realpolitik.  Gewaltanwendung und „rückwärtsgewandte Verherrlichung homogener Epochen wie der Adenauerzeit“ führen in die Sackgasse. Das ist gut gesagt, wird aber den politischen Gegner nicht interessieren, der der neuen Rechten in monotoner Stupidität genau das immer wieder vorwirft. Gefragt ist stattdessen eine Realpolitik, die  auf drei Grundlagen beruht: Erstens der Nutzung der parlamentarischen Möglichkeiten, die der Aufstieg der AfD bietet, auch wenn die AfD zur Zeit noch bis an die Grenzen des Verfassungsbruchs an der Geltendmachung ihrer Rechte gehindert wird, zweitens – und das trifft vor allem für Ostdeutschland zu – der Schaffung eines gesellschaftlichen Umfeldes mit Sportvereinen, Nachbarschaftshilfen und Ähnlichem, das langfristig eigene, stabile Milieus schafft  – und drittens: einen sehr langen Zeithorizont, denn wenn überhaupt einmal Früchte dieser Oppositionsbewegung reifen sollten, dann werden frühestens die Enkel davon profitieren.

 

 

 

 

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