Christian Wulff: Ganz oben, ganz unten

Wulff Ganz oben ganz unten 1od-0-oGPL._SX319_BO1,204,203,200_Der Skandal um Bundespräsident Wulff, seine vermeintlichen Vorteilsnahmen  und sein anschließender Rücktritt gehören zu den interessantesten Lehrstücken der bundesrepublikanischen Geschichte. Nicht, weil der Fall etwa so bedeutsam gewesen wäre, sondern weil sich anhand dieses Falles die Machtverhältnisse in Deutschland besonders deutlich offenbaren, Im vorliegenden Buch stellt Christian Wulff seine Sicht der Dinge dar. Das Ausmaß an Larmoyanz und Selbstmitleid hält sich in Grenzen, der Text ist gut lesbar geschrieben.

Interessant ist das Buch aber nicht in erster Linie wegen der Person von Christian Wulff. Dafür ist er, bei allem Respekt, letztlich zu unbedeutend. Aufschlusreich ist das Buch, weil es einige grundlegnede Einsichten in die Architektur der Macht vermittelt.

Die erste Einsicht, die sich nach der Lektüre des vorliegenden Buches aufdrängt: die Medien, vor allem die Mainstreammedien (WDR, ZDF, NDR, ZEIT, SPIEGEL, Stern und Süddeutsche Zeitung – denen sich immer öfter auch  FAZ und Welt anschließen) sind die eigentliche Macht im Staate. Wen sie sich geballt vornehmen, der fällt.

Die nächste Einsicht, die man aus dem vorliegenden Buch gewinnt, besteht in der Erkenntnis der  doppelten Standards, die bei der Skandalisierung regelmäßig angelegt werden. Mag Christian Wulff als Bundespräsident auch noch so ungeschickt taktiert haben, bei einer anderen Person aus dem Gutmenschenlager wie Johannes Rau oder Richard von Weizsäcker wäre alles unter den Tisch gekehrt worden. Bei Figuren, die dem rotgrünen Milieu nahestehen, wird einfach nicht vergleichsweise skandalisiert, so dass sie vergleichsweise glimpflich davonkommen.  Oder wie soll man versehen, dass Paolo Pinkel nach Kokaingenuss und Zwangsprostituiertendienstleistungen in seiner Erscheinungsform als Michel Friedmann wieder im Fernsehen den Moralweltmeister spielen darf? Oder wie passt es, dass der von der Polizei bei einem Drogendealer mit Chrystal Meth  festgenommenen Volker Beck wieder ein gefragter Gesprächspartner der Zivilgesellschaft ist?   Übrigens ist das auch einer der Gründe, warum sich die Union so sklavisch dem Zeitgeist angepasst hat. Mit der Macht der linken Presse will es sich selbst Angela Merkel nicht verderben, Jenninger, von Guttenberg, Hohmann und viele andere lassen grüßen.

Die Einzelheiten, die im Buch zum Fall Wulff ausgebreitet werden, sind eher belanglos, die Affäre und ihre Windungen wecken eher Mitleid als Interesse.  Trotzdem:  Obwohl ich das meiste von dem, was Christian Wulff als Präsident veranlasste, falsch, fast anbiedernd finde („Der Islam gehört zu Deutschland“), hatte er diese menschenverachtende Pressehatz nicht verdient. Inzwischen ist Christian Wulff übrigens von allen Anklagen freigesprochen worden. Beschämend allerdings, dass er nun, nach seiner Rückkehr in das Privatleben, weiter Brosamen von denen annimmt, die ihn einst vernichtet haben. Sogar seine Gattin, die ihn, als er am Boden lag, verließ, hat er wieder aufgenommen. Wie man sieht: noch immer ein unappetitliches Thema, bei dem einen auch noch nach Jahren das Fremdschämen überkommt.