Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog.

Clark Weltkrieg I 51UM8KF-oEL._SX312_BO1,204,203,200_Die Debatte über die Schuld der großen Mächte am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zählt  zu den großen Kontroversen der Geschichte. Lange Zeit dominierte die Historiografie der Sieger. Der Vertrag von Versailles benannte Deutschland ausdrücklich aus Urheber des Krieges und bat das Land derart zur Kasse, dass es darüber  nie mehr auf die Beine gekommen wäre. Die liberalen und linken Funktionseliten der Bundesrepublik beeilten sich nach dem noch katastrophaleren Ausgang des Zweiten Weltkrieges diesen Schuldspruch der Siegermächte auch für den Ersten Weltkrieg möglichst vollständig zu kanonisieren. Kaum ein Schüler meiner Generation lernte im Geschichtsunterricht etwas anderes, als dass das das aggressive Deutschland die Welt im Juli 1914  in den großen Krieg gestürzt hätte. Berühmt-berüchtigter Höhepunkt dieser Alliiertenhistoriografie war das Buch von Fritz Fischer „Deutschlands Griff nach der Weltmacht“, das einen Historiker zeigt, der wie ein schlechter Kriminalkommissar sich bei der Lösung eines Falles  nur auf einen einzigen Verdächtigen konzentriert. Erst in der letzten Generation beginnt sich vor allem im angelsächsischen Sprachraum eine realistischere Deutung der Quellenlage durchzusetzen. Stillschweigend wurde in der wissenschaftlichen Diskussion von der deutschen „Alleinschuld“ zur „Hauptschuld“ (August Winkler) abgerückt. Die Pointe des vorliegenden Werkes von Christopher Clark dagegen ist der Nachweis, dass alle Seiten in den Krieg hineingeschlittert und damit „mitschuldig“ seien, auch die Deutschen, aber dies noch nicht einmal in erster Linie.

Clark beginnt seine Darstellung mit einer sehr detaillierten und zugleich erschreckenden Nahbetrachtung der extrem rückständigen serbischen Gesellschaft, deren grotesker Chauvinismus den Funken generierte, der die Welt in Brand setzen sollte. Was es dort zu lesen gibt, klingt wie eine Horrorshow aus einer andern Welt. Serbien besaß zwar eine wilde Armee, befand sich aber nach der Vertreibung der muslimischen Stadtbevölkerung in einem hoffnungslosen 1 (39)Prozess der Reurbanisierung. Vor die Wahl gestellt, entweder den Brandwein oder die Schulbücher zu besteuern, entschied sich das serbische Parlament für das letztere. Benebelt von der Erinnerung an das multikulturelle Reich Stefan Dusans fordern die Serben die Wiedervereinigung aller Südslawen  in einem Groß-Serbien, wobei Kroaten und Bosnier kurzerhand zu Serben erklärt werden. Der halbe serbische Staatsapparat konspiriert mit einheimischen oder bosnischen Terrororganisationen, die habsburgischen Amtsträger in Bosnien nach dem Leben trachten.

Im  zweiten Kapitel folgt eine sehr eingehende Betrachtung der europäischen  Bündniskonstellationen, angefangen vom ausgewogenen Bismarck’schen Gleichgewichtssystem bis zur schrittweise Verschlechterung der deutschen Position im unmittelbaren Vorfeld des Ersten Weltkrieges.  Selbstverständlich war die deutsche Politik aggressiv, herausfordernd und expansionistisch, oft auch ungeschickt und unaufrichtig,  doch darin unterschied sie sich in keiner Weise von der Politik der  anderen Mächte.  Alle rafften und intrigierten so gut sie konnten, was der Autor an zahlreichen Quellen verdeutlicht. Vor allem die berühmte britische Denkschrift zur  deutschen Außenpolitik von Ehre Crewe („Memorandum on the present state of British relations with France and Germany“ 1907), übrigens ein Paradestück des deutschen Oberstufengeschichtsunterrichtes, wird einer überzeugenden Neuinterpretation unterzogen. Während Crowe in seinem Memorandum alle britischen Ambitionen und Ansprüche wie selbstverständlich als begründet darstellt, erscheinen die gleichen Aktivitäten von deutscher Seite als unerhörte Aggressivität.

In Wahrheit führten nicht unannehmbare deutsche Expansionsgelüste zur verhängnisvollen Einkreisung des Reiches  sondern unvorhersehbare Veränderungen der Machtkonstellationen außerhalb Europas, die Deutschlands Gegner begünstigten. Wer hätte voraussehen können, das Japan Russland 1904/5 vernichtend schlagen und damit der britischen Außenpolitik viel breiteren Spielraum gegenüber  Russland gewähren würde? Hätte Russland in Fernost gesiegt, wäre es ganz sicher nicht zu der krisenhaften Zuspitzung auf dem Balkan gekommen.

Ohne die großen Leitlinien aus dem Auge zu verlieren, steigt Clark zur Freude des Lesers immer wieder tief in die Detailgeschichte ein, was ausgesprochen unterhaltsam zu lesen ist. Seiner Ansicht nach wurde die Bedeutung der Monarchen im Vorfeld des Ersten Weltkrieges  weit überschätzt, in Wahrheit waren sie nur unbeholfene Störer komplexer Strategien, die aber selbst innerhalb der einzelnen Länder höchst umkämpft waren.  Der französische Ministerpräsident Callao, der im Zusammenhang  mit der zweiten Marokkokrise an einem Ausgleich mit Deutschland  interessiert war, musste seine Verhandlungen hinter dem Rücken seiner Ministerien führen, die ganz andere Signale aussandten. Als die Einigung vollzogen war, stürzte er wegen vermeintlich zu weitgehender  Zugeständnisse ebenso wie sein deutsches Pendant  Kinderlen Wächter wegen zu geringer Kompensationen. Auch Zufälligkeiten spielten eine verhängnisvolle Rolle: der russische Ministerpräsident Stolypin, der das Zarenreich vom Weg der Expansion zu inneren Reformen führen wollte, wurde 1911 ermordet, ein absoluter Unglücksfall für den weiteren Gang der Geschichte. Unglücklich für  Deutschland war auch der Aufstieg des britischen Außenministers Sir Edward Grey, einem begnadeten Fliegenfischer und Tennisspieler, der jahrelang daran arbeitete, Großbritannien fest gegen Deutschland in Stellung zu bringen – ohne dies aber der etwas anders orientierten britischen Öffentlichkeit wirklich deutlich zu machen, so dass  Deutschland  im unmittelbaren Vorfeld des Ersten Weltkrieges zu verhängnisvollen Fehleinschätzungen gelangte.    Ein Grund für dieses Taktieren hinter den Kulissen war bei allen Akteuren die Angst vor der Macht der neu aufgekommenen  Massenpresse, die alle Stimmungen aufgriff und ins Hysterische verstärkte. Auf der anderen Seite wurde die (bezahlte) Presse oft auch als Instrument der Außenpolitik benutzt, wobei nie klar war, ob Artikel von der Regierung platziert, autorisiert oder unabhängig waren. Außerdem besaßen die Militärapparate in allen Systemen ein mehr oder weniger starkes Eigengewicht gegenüber der politischen Führung.  Im Falle Deutschlands haben sie über die Flottenbauprogramme den Gegensatz zu Großbritannien verschärft und in der Gestalt des Schlieffen-Plans soger den Eskalationsprozess vollendet.

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Sarajewo

Rein ereignisgeschichtlich begann der Erste Weltkrieg nach Clark nicht erst 1914 sondern bereits 1911 mit der grundlosen Annexion Libyens durch Italien, ein Raubzug, der von den Ententemächten ausdrücklich unterstützt, von Deutschland und Österreich-Ungarn aber kritisiert wurde. Dieser Angriff „enthemmte“  die christlichen Balkanstaaten, die in den beiden folgenden Balkankriegen über den Rest des Osmanischen Reiches in Europa herfielen und die gesamten Machtverhältnisse auf dem Balkan auf den Kopf stellten. Diese Verschärfung der Balkanfrage konnte ganz und gar nicht im deutschen Interesse liegen, weil sie Österreich-Ungarn in einen verschärften Gegensatz zu Russland brachte und damit auch Deutschland unter Zugzwang setzte. Tatsächlich war es Russland, das seit den Balkankriegen eine immer aggressivere Politik auf dem Balkan verfolgte und jede Rücksicht auf die Interessen Österreich-Ungarns vermissen ließ. Unterstützt wurde es dabei von einem französischen Bündnispartner, der die serbische Armee mit Waffen ausrüstete und  die russischen Eisenbahnlinien, die bei einem anstehenden Krieg eine entscheidende Rolle spielen würden, finanzierte.    Bei dem Treffen von Wilhelm II und Zar Nikolaus II vereinbarten Deutsche und Russen zwar ihre Bündnispartner auf dem Balkan zur Zurückhaltung aufzufordern, woran sich aber nur Deutschland, nicht aber Russland hielt.  Dass die Deutschen zur gleichen Zeit das Osmanische Reich reorganisierten und damit indirekt russische Expansionspläne behinderte, mag das Zarenreich in seiner offensiven Haltung nur noch bestärkt haben.

Was die Beschreibung der eigentlichen Krise nach der Ermordung des habsburgischen Thronfolgers betrifft, offeriert Clark im Grunde nichts Neues, aber die unparteiliche Darlegung der Quellenlage  erzwingt eine Neubewertung.  Abgesehen von den moralisch indiskutablen Begeisterungsstürmen über den Mord von Sarajewo in Serbien., Russland und anderswo zeigt sich, dass Russland wider besseren Wissens schon unmittelbar nach dem Attentat den Österreichern jede Berechtigung abspricht, das „unschuldige„ Serbien zur Verantwortung zu ziehen. Allerdings war Serbien keinesfalls unschuldig. Der serbische Ministerpräsident Pasic hatte von den Anschlagsplänen in Sarajewo gewusst, sich aber außerstande gesehen, die Mordpläne zu verhindern. Die Russen, die über die serbischen Terroraktivitäten genau informiert waren, standen trotzdem hinter ihrem aggressiven serbischen Verbündeten.  Nur vor diesem Hintergrund ist der berüchtigte „Blankocheck“ der deutschen Seite zu verstehen, der den Österreichern am 6. Juli bedingungslose Unterstützung zubilligte. Andererseits ist aber auch ein gewisser Fatalismus auf deutscher Seite unverkennbar, denn man war sich darüber im Klaren, dass die Zeit gegen die deutsche Position spielte, dass Russland immer mächtiger wurde und dass man irgendwann würde kämpfen müssen, warum dann notfalls nicht jetzt? Außerdem hofften die Deutschen, dass die Franzosen ganz ähnlich wie bei der Bosnienkrise von 1908 den Russen die Unterstützung im Ernstfall versagen würden, was eine Sprengung des deutsch-französischen Bündnisses bedeutet hätte.  Doch der französische Präsident Poincare,  der Sankt Petersburg zwischen dem 20. bis 23. Juli besuchte, dachte gar nicht daran, den russischen Verbündeten zurückzuhalten. Russland in dieser zugespitzten Situation, eine Woche vor Kriegsausbruch, noch einmal einen Blankoscheck übereicht zu haben, muss als ganz wesentlicher Schuldanteil Frankreichs gewertet werden.  Auch bei der Beurteilung des österreichischen Ultimatums an Serbien und der serbischen Antwort geht Clark neue – und überzeugende – Wege. Dass die Österreicher unter  Punkt 5 und 6 des Ultimatums vom 23.7. die  Mitwirkung österreichischer Beamter bei der Aufklärung der Sarajewo-Morde auf serbischen Territorium forderten, erscheint Clark vor dem Hintergrund jahrzehntelanger serbischer Terroraktionen mehr als gerechtfertigt. Insgesamt hält er das Ultimatum  sogar noch für zurückhaltend formuliert, wenn man es mit den Ultimaten der Nato an Serbien im Balkankrieg der Neunziger Jahre vergleicht.  Ganz im Unterschied etwa zu August Winkler, der die serbische Antwortnote vom 25.7. als weitgehend zustimmend und deeskalierend  einordnet ( was schlicht unverständlich ist ) beurteilt Clark die serbische Stellungnahme als  klare, wenngleich verklausulierte Ablehnung. Als daraufhin die Österreicher teilmobil machen, beginnt sich das militärische Räderwerk in ganz Europa zu drehen. Aber auch hier ist die Reihenfolge entscheidend. Nicht Deutschland war die erste unbeteiligte Macht, die anschließend mobil machte, sondern Russland (30.7.) Edward Grey, der Leiter der britische Außenpolitik, simulierte in dieser Phase nur Vermittlungsbereitschaft, ohne es ernst zu meinen. In Wahrheit war er fest entschlossen, Frankreich und Russland  beizustehen. Da seine Position aber der Meinung maßgeblicher englischer Kreise widersprach, täuschten sich die Deutschen in verhängnisvoller Weise über eine evtl. britische  und waren bass erstaunt, als die Briten am 4.8. in den Krieg eintraten. Dass sich die Deutschen bei dem deutsche Einmarsch in Belgien im Zuge des Schlieffenplans einen schweren Völkerrechtsbruch leistete, wird von Clark keinesfalls beschönigt sondern als wesentlicher Schuldanteil auch der deutschen Seite zugerechnet.

So entpuppt sich am Ende die Juli Krise als Folge extrem verschachtelter Handlungsabläufe zwischen durch und durch eigensüchtigen  Akteuren, die schließlich in den Weltkrieg mündete.  Ob allerdings die Metapher von den „Schlafwandlern“ den Kern der Sache trifft, kann man nach der Lektüre des Buches bezweifeln. Denn überblickt man die ganze Fülle  des Materials, das in dem vorliegenden Buch ausgebreitet wird, liegt die  Hauptschuld zweifellos auf serbischer, russischer und nicht zuletzt auch auf revanchistisch-französischer Seite. Die deutsche Situation dagegen hatte etwas Tragisches. Als fortschrittlichste Industriegesellschaft Europas wurde es durch die englische Weltmacht an der Geltendmachung ihrer Interessen im internationalen Rahmen gehindert und in Europa durch ein revanchistisches Frankreich und ein marodes Österreich-Ungarn in die Zange genommen. In der Betrachtung des Krieges als ultima ratio unterschied sich Deutschland allerdings nicht von anderen Mächten, in der Bereitschaft diesen Weg notfalls auch zu gehen, allerdings auch nicht.

Was ist das Fazit, mag man sich nach der Lektüre des Buches fragen. Welche Folgen hatte die Veröffentlichung dieser profunden Neubewertung der Julikrise, ihrer Vorgeschichte und Folgen? Kann man sagen, dass die Fakten und Argumente Clarks das herrschende Geschichtsbild geändert haben? Außerhalb Deutschlands zweifellos, dort gilt das „Hereinschlittern“ der Staaten in den großen Krieg,  wenngleich in unterschiedlicher Akzentuierung, inzwischen als Konsens. Nicht aber in Deutschland und schon gar nicht bei den linken Meinungseliten. Für sie gilt die angestaubte  Fischer-These von der deutschen Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch immer als ein Element ihres Narrativ vom autoritären und demokratischen Sonderweg der deutschen Geschichte – zeitgemäß  aufgebrüht in dem Geschichtswerken des Staatshistorikers August Winkler.  Dazu ein aktueller Nachtrag. Während meiner Lektüre des vorliegenden Buches bemerkte eine Mainstreamjournalismus  zur besten Sendezeit, gleichsam nebenbei bei irgendeiner Reportage die Deutschen hätten den Ersten Weltkrieg „angezettelt“ (Sabine Rau am 13.11. in der Tagesschau ). Noch immer triumphiert auf diese Weise die trötende Dummheit, massenmedial und mainstreamkompatibel verbreitet, über Wahrhaftigkeit und Redlichkeit. Das hat die gegenwärtige Lage sogar ein wenig mit der Julikrise gemein.

Bombenkrieg

 

 

 

 

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