Doctorow: Billy Bathgate

Mafiaromane beschrieben in der Regel eine derbe Männerwirklichkeit, bevölkert von deftigen Charakteren, deren Leben und Sterben an die Triumphe und den Untergang großer Hordenführer erinnert. Kein Wunder, dass man sich seit Mario Puzos „Paten“ daran gewöhnt hat, dass dieser herben Realität auf der Ebene der Literatur eine schnörkellose Sprache und Handlungsführung  entspricht.

Der vorliegende Roman über „Bathgate im Zeitalter von Dutch Schultz“ (S. 422) ist ein Beispiel für das Gegenteil. Mit großem psychologischem Einfühlungsvermögen, Liebe zum Detail und einer über weite Strecken  poetischen Sprache entfaltet E.L. Doctorow die Geschichte vom Untergang eines Mafiaimperiums, dargestellt aus der Perspektive des heranwachsenden Straßenjungen Billy Bathgate, den der Zufall und die Lebensgier in den Dunstkreis der Unterwelt verschlagen haben. Im Mittelpunkt einer dieser Unterweltprovinzen steht Dutch Schultz, eine der übelsten Erscheinungen des organisierten Verbrechens, ein jähzorniger, aber auch facettenreicher Psychopath, der Gefolgsleute und Feinde gleichermaßen in Angst und Schrecken versetzt. Seinen ehemaligen Partner Bo Weinberger lässt er die Füße in einem Blecheimer einbetonieren, eher er ihn in das Hafenbecken wirft, einen Brandschutzinspektor, der ihm zur falschen Zeit über den Weg läuft, schlägt er eigenhändig tot und seinen Verhandlungspartner schießt er einfach in den Mund, als er Widerworte gibt. Leidlich handzahm wir der nur gegenüber der schönen Drew, einer Frau aus besseren Kreisen, die mit Millionären und Gangstern gleichermaßen klarkommt und den kleinen Billy schnell mal nebenbei vernascht.

Was unter normalen Umständen ein todeswürdiges Vergehen gewesen wäre, bleibt jedoch ungesühnt, da Dutch Schultz alle Energien benötigt, um sich gegen die Gangsterkonkurrenz  und den Zugriff des Sonderermittlers Thomas E. Dewey zu wehren. Doch umsonst, die unkontrollierte Mordlust des Mafiabosses  macht ihn sogar für die korruptesten Polizisten untragbar, so dass ihn schließlich seine eigenen Mafiagenossen unter der Regie von Lucky Lucchiano auf einer Restauranttoilette erschießen. Zu diesem Zeitpunkt ist die schöne Drew längst über alle Berge, und auch der kleine Billy kommt davon, wobei es ihm sogar gelingt, sich den Großteil des herrenlosen Gangstervermögens unter den Nagel zu reißen. Mit Hilfe des Verbrechergeldes gelingt Billy der Ausstieg der Unterwelt und die Begründung einer  respektablen bürgerlichen Existenz,  an deren Ende er sich gedankenvoll und versonnen an seine wilde Jugendzeit an der Seite des schrecklichsten aller Mafiabosse erinnert.

Soweit die Handlung – was aber ist die Moral von der Geschicht? Keine, der Autor  vermeidet jeden erhobenen Zeigefinger und beschränkt sich stattdessen auf die Anschaulichkeit und Introspektion. Kurz: Doctorow erzählt ganz einfach eine gute und spannende Geschichte nach allen Regeln der literarischer Kunst. Das ist mehr als man über die meisten Bücher sagen kann.

 

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