Fleischhauer: Alles ist besser, als ein noch ein Tag mit dir

Abgesehen von Unfällen oder Krankheit gibt es drei Schicksalsschläge, die das Leben von Menschen zerstören können: der Tod eines Kindes, der Tod des Partners oder eine Scheidung. Von diesen drei Katastrophen mag die Scheidung noch die am wenigsten schlimme sein, aber auch   sie erschüttert das Leben eines Menschen bis in seine Grundfesten. „Für die meisten Menschen ist eine Scheidung die größte Katastrophe in ihrem Leben“, schreibt Jan Fleischhauer am Beginn seines Scheidungsbuches. „Kein anderes Ereignis hat, wenn es einen schließlich ereilt, solch verheerende Auswirkungen, von schweren Unfällen und Krankheiten einmal abgesehen. Alles, worauf sich das gewohnte Leben gründete, wird mit einem Schlag infrage gestellt. Verloren ist die gesellschaftliche und emotionale Sicherheit, die eine Ehe mit sich bringt, selbst wenn sie unglücklich verläuft. Vieles, was bis dahin selbstverständlich erschien, muss neu erlernt werden. Finanziell droht der Ruin.“

Als es dann geschieht, kommt es völlig überraschend. Eines Tages verkündet Jan Fleischhauers Gattin Ella, „sie habe das Vertrauen in ihre Ehe verloren“. Als Fleischhauer aus allen Wolken fällt und das nicht verstehen will, antwortete sie ihm mit einem Satz, der zum Titel des vorliegenden Buches werden sollte. „Alles ist besser als noch ein Tag mit dir“

Typischer Beziehungshocker im Stadium der Ahungslosisgkeit

Dieses Buch wurde ein  Bestseller, nicht nur, weil Fleischhauer ein exzellenter Stilist ist, sondern auch, weil es ihm gelingt,  den herben Schmerz, den ihm diese Trennung bereitete, durch ein wenig Selbstironie zu zähmen. Die Lektüre des Buches hat am Ende sogar etwas Tröstliches, denn sie zeigt, dass der reife Mensch in der Lage ist, auch härteste Krisen (wenngleich nicht ohne Blessuren) zu bewältigen. Darüber hinaus ist das Buch auch informativ, weil Fleischhauer an den passenden  Stellen den Stand der Partnerschaftsforschung gleich mit referiert, nicht furztrocken, sondern immer im  Plauderton, als sei das Unterfutter seines Themas nicht die größte Krise seines Lebens gewesen. Zahlreiche Einsichten, die Fleischhauer dabei formuliert, wusste man allerdings schon vorher: etwa, dass Frauen sich öfter trennen, dass Frauen die geschickteren Betrüger sind und dass Männer mit ihrem dicken Fell zur „Beziehungshockerei“ tendieren.  Fleischhauer erkennt, zum ersten Mal, was für ein komplexes Räderwerk eine  Ehe ist und welche Energien nötig sind, sie lebendig zu halten. Denn: „Die moderne Ehe ist viel mehr als eine Einrichtung, die soziale und emotionale Sicherheit verspricht, sie ist ein Projekt zur Selbstvervollkommnung. In der Generation der Eltern waren die meisten schon froh, wenn der Partner einigermaßen treu war und sich nach der Hochzeit nicht allzu sehr gehen ließ. Heute soll er nicht nur ein Fels sein, auf den in allen Lebenslagen Verlass ist, sondern auch noch Seelenverwandter, Life-Coach und spiritueller Beistand.“

„Das letzte Jahr vor der Trennung war das beste Jahr“, schreibt Fleischhauer. Er war 47 Jahre alt, hatte seine schöne Frau Ella, zwei zauberhafte Töchter und war gerade erst mit seiner Familie eine wunderbare zweigeschossige Wohnung in Berlin-Charlottenburg gezogen „Im Nachhinein erscheint mir meine Sorglosigkeit als Ausdruck einer geistigen Umnachtung, wie man sie von Menschen kennt, die wie Schlafwandler durch die Welt gehen, und denen man von außen zurufen möchte: Wach auf! Sieh dich um! Die Welt ist nicht so, wie du glaubst!“ Wohlfeile Klagen, die nichts mehr bringen, mag man denken. Aber was waren die „Turning Points“ gewesen, fragt Fleischauer. Hätte er nicht die Schieflage seiner Ehe früher erkennen müssen und wenn ja, woran?  Nun erst begreift er,  dass es ein  Alarmzeichen gewesen war, als sie sich getrennte Schlafzimmer einrichteten und der Sex aufhörte. In neun von zehn Fällen ist das die Ouvertüre zum Untergang.

Wie könnte es so weit kommen? Was war der Grund für die schleichende Ermüdung, der beide Eheleute unterlagen? Auch hier ist Fleischhauers Antwort wenig erstaunlich: die Hausarbeit und ihre ungleiche Verteilung zermürbte Ella Fleischhauer. Der einmalige Seitensprung, so Fleischhauer, wird dagegen überschätzt. Erst die wiederholte Untreue entzieht der Ehe ihre Basis. Davon konnte aber beim Autor keine Rede sein. Nach eigener Auskunft war er  seiner Frau in 17 Ehejahren nur einmal fremdgegangen und das, wie er hinzufügte, „auch noch alkoholisiert.“ Wenn aber die Krise manifest wird, ist der Ofen noch lange nicht aus. Denn Im Durchschnitt dauert es drei Jahre von der Entstehung des Trennungswunsches bis zu seiner Realisierung. Abweichend vom Volksmund lassen sich die meisten Leute übrigens nicht im siebten, sondern am 14. Ehejahr scheiden, was  ganz pragmatische Gründe hat. Denn nach 14 Ehejahren sind beide Partner noch jung genug, um neu anzufangen, und die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Alles graue Theorie, denn wenn es dann wirklich geschieht, fällt der Verlassene in ein bodenloses Loch. „Für mich waren die ersten Monate nach der Trennung ein Höllenritt, anders lässt es sich nicht sagen. Wenn ich dachte, ich sei im Keller angekommen, setzte sich der Fahrstuhl schon wieder in Bewegung, um mich noch weiter in die Tiefe zu führen. Es ist erstaunlich, wie viele Untergeschosse die Seele hat. Leider wird es von Etage zu Etage düsterer, wie ich jetzt weiß. Wenn man ganz unten aufschlägt, ist man kaum noch in der Lage, einen Fuß vor den anderen zu setzen.“

Nach der Trennung erleiden etwa 40 % der Menschen eine schwere Anpassungsstörung, meist eine Depression, verbunden mit körperlichen Symptomen. Zwei Drittle kommen wieder auf die Beine, bei einem Drittel bleibt das Problem chronisch. Viel Arbeiten, Normalität und viel Sport an der frischen Luft sind die banalen, aber wirksamen Heilmittel, die die Fachleute empfehlen So hat sich Joschka Fischer nach einer besonders schmerzhaften Trennung durch exzessives Joggen selbst gesundet, entfettet und gewichtsmäßig praktisch halbiert. Am besten ist es natürlich, man kann seinen Kummer sublimieren, das heißt, in Literatur und Kunst überführen. Man objektiviert sein Leid durch Erschaffung eines Werkes, wobei es vollkommen gleichgültig ist, ob es gut oder Schrott ist. Die Distanzierung durch Objektivierung wirkt, als würde langsam die Luft aus dem Ballon gelassen. Eine Methode die ich nur empfehlen kann denn bei meiner eigenen Scheidung hat sie funktioniert.

Fleischhauer besucht in der Hochphase seines Kummers einen Arzt und nimmt Psychopharmaka, die ihm durchaus helfen. Vorsicht aber ist geboten bei dem Versuch, sich möglichst schnell wieder zu verlieben „Sich als frisch Getrennter Hals über Kopf zu verlieben ist etwa so, als ob man einen Grill mit Flugbenzin löschen würde. Es gibt eine tolle Flamme, die man noch in hundert Metern Entfernung sieht, aber wenn es schlecht läuft, löst man eine Verpuffung aus, die einen wie ein abgefackeltes Streichholz zurücklässt.“  Fleischhauer muss feststellen dass es „Trostfrauen“ und „Trostmänner“ gibt, d.h. „Übergangskandidaten“, die schnell wieder abgeschossen werden, und wenn man Pech hat, gehört man selbst dazu.

Ein ganzes Kapitel widmet Fleischhauer den finanziellen Inkompatibilitäten der Scheidung. Wer zieht aus? Wie gestaltet sich die Trennung von Tisch und Bett im vorgeschriebenen Trennungsjahr? Erstaunlicherweise hat Sex im Trennungsjahr keine aufschiebende Wirkung, wohl aber Kochen und Putzen. Besonders brisant ist die Berechnung des Unterhaltes, vor allem seitdem das Schuldprinzip aus dem Eherecht verschwunden ist. Dass der Verlassene dem untreuen Gatten zeitweise den Lebensunterhalt zur Aufrechterhaltung des ehelichen Lebensstandards in  finanzieren muss, gehört für Fleischhauer zu den schreienden Ungerechtigkeiten des deutschen Eherechts. Vor allem, wenn ein Dritter oder eine Dritte da ist, die von den Unterhaltszahlungen profitieren. Im Falle Fleischhauers war der „dritte Mann“ ein sogenannter „Marc“, 12 Jahre jünger als Ella, ein sehr gut aussehender, kunstinteressierter und sensibler Nachbar, – mit einem Wort: genau das, wonach sich jede Frau Ende vierzig sehnt. Kein Wunder, dass Fleischhauer die Welt nicht mehr versteht, als er endlich von „Marc“ erfährt. „»Wann haben Sie Ihre Frau kennengelernt? « referiert er in diesem Zusammenhang einen Witz. Antwort: »Während der Scheidung.«“

Dann wird es ernst. Fleischhauer empfiehlt besondere  Sorgfalt bei der Auswahl des Scheidungsanwalts ist, denn er ist derjenige, der für das künftige finanzielle Schicksal des Geschiedenen verantwortlich ist. Am Ende, nach monatelangem erbarmungslosem Hickhack über alles und jedes gibt Fleischhauer bei den Scheidungsverhandlungen nach. Er zieht einen Schlussstrich und zahlt eine Ablösesumme, die ihn fast ruiniert, aber frei macht für einen neuen Anfang Damit stand er im Alter von 49 Jahren wieder genau da, wo er mit 25 angefangen hatte.

Leider liebt Fleischhauer seine Ella noch immer, und dementsprechend  fragt er sich, ob es einen Weg zurück gibt.  Hat nicht auch der ehemalige Bundespräsidenten Christian Wulff, der von seiner Frau im Tiefpunkt seines Lebens auf das Mieseste verlassen worden war, sie wieder aufgenommen?  Aber nein –  man mag an Rückkehr denken, mag sich danach sehnen, aber Fleischhauer ist sich sicher: Käme man wieder zusammen,  wären die alten Probleme sofort wieder da.

Beziehungshocker, das Parship-Portal frequentierend und sich mit einer Gesichtsmaske auf das nächste Date vorbereitend

Nun ist er allein und bracht eine neue Frau. Er  schreibt sich beim Partnerschaftsportal „Parship“ ein, bei dem bundesweit 1,5 Millionen Menschen nach Partnern suchen. Bei „Elite Partner“ sind es 0,5 Millionen. Insgesamt waren seine Erfahrungen positiv, weil sich Parship, so Fleischhauer, ehrlich bemüht, mittels eines Kongruenz-Koeffizienten Paare aussichtsreich zu matchen.  Gegen das Lügen bei der Selbstpräsentation sind allerdings auch die besten Partnerschaftsportale machtlos. Die Rechnung bekommt man dann beim ersten Date. Nicht zu ändern ist, dass bestimmte Vorlieben die Zahl der möglichen Partner einschränken. So legen Frauen gesteigerten Wert auf gute Ausbildung, die Männer eher auf Jugendlichkeit und Schönheit. Die hochgebildete schöne Akademikerin hat deswegen erstaunlicherweise schlechte Karten.   Fleischhauers eigene Erfahrungen mit konkreten Datings bei Parship waren  durchweg positiv. Auch wenn nach zwei Minuten alles klar ist, sorgt das Kongruenzsystem dafür, dass sich nur Menschen treffen, die sich was zu erzählen haben. Schließlich lernt Fleischhauer seine neue Partnerin Hanna kennen. Nach einer langen Anlaufphase treffen Sie sich und werden noch am gleichen Wochenende noch ein paar.

Trotzdem hielt das Nachdenken über die Scheidung auch in der neuen Beziehung an. Es dauert, bis man das Stadium des „Closure“ erreicht hat, d.h. die Bereitschaft, die gescheiterte Beziehung gemeinsam ad acta zu legen und als eine gemeinsam verbrachte Zeit zu würdigen.  Manche erreichen es nie und verharren im Hass. Andere bleiben als sogenannte „Flameouts“, als Ausgebrannte zurück, die für das weitere Leben untauglich sind. Rückblickend meint Fleischhauer, dass Scheidungsopfer einem unglaublichen Stress ausgesetzt sind und eventuell so behandelt werden sollten wie Schwangere, voller Nachsicht und Liebe.

Drei Jahre nach der Scheidung geht Fleischhauer seine zweite Ehe ein und wird zum dritten Mal Vater. Hanna, seine neue Partnerin, berät ihn sogar bei der Abfassung seines Scheidungsbuches und bewahrt ihn vor zu viel privaten Peinlichkeiten.  Seine erste Frau Ella hat er nur noch zweimal gesehen, was ohne große Emotionen ablief. Wie aber sind die Aussichten meiner zweiten Ehe? fragt sich Fleischhauer am Ende des Buches sorgenvoll.  Positiv, lautet die Antwort, denn je älter man wird, desto weniger lässt man sich scheiden. Ganz allgemein gilt: Nach den vorliegenden Befunden „sind sieben Prozent der Ehen immun gegen Scheidung, auf 18 Prozent trifft dies weitgehend zu. Acht Prozent zählen zu den Scheidungsgeweihten, bei denen nicht viel zu machen ist – 13 Prozent gehören zu den stark Gefährdeten. Bleiben 50 Prozent, die irgendwo dazwischenliegen und bei denen der Ausgang offen ist. Schwer zu sagen, wo ich rangiere.“

Ich habe das Buch von Jan Fleischhauer mit starker Anteilnahme gelesen, weil es mich in die Zeit meiner eigenen Scheidung zurückführte. Erstaunlich, wie haargenau Fleischhauers Beschreibungen auf meinen Fall zutreffen. Auch bei mir zeigten sich früh die gleichen Warnzeichen, ohne dass ich sie sehen wollte. Auch ich war ein indolenter „Beziehungshocker“ und war absolut überrascht, als es dann passierte. Und das, obwohl wir vielleicht von Anfang an zu den 8 % der Ehen zählten, die in Wahrheit nie eine wirkliche Chance hatten (siehe oben).  Allerdings ging meine  emotionale Loslösung viel schneller vonstatten als bei Fleischhauer, weil meine Ehefrau ihr Ding mit einer derartigen Brutalität durchzog, dass alle Restgefühle schnell im Orkus verpufften. Auch ich habe mich durch die Abfassung eines Buches selbst therapiert, habe meinen Kummer objektiviert, so gut ich es vermochte, und als es nach einem halben Jahr fertig war, war ich aus dem Gröbsten heraus. Dankbar erinnere ich mich  an die Freundinnen und Freunde, die mir in dieser Zeit zur Seite standen. Danke Ulrike. Ich zog aus dem gemeinsamen Haus aus, so schnell ich konnte und  fand als Frühfünfziger schnell  wieder den Einstieg in ein zweites Leben, mittlerweile auch in eine zweite Ehe. Finanziell kam ich ganz gut aus der Ehe heraus,  was auf der Wahl des  richtigen Anwalts und einigen glücklichen Umständen lag. Mittelweile wäre ich auch für ein „closure“ bereit, für einen versöhnlich vollzogenen Abschluss einer gemeinsam verbrachten Lebensphase, denn ich sehe inzwischen durchaus auch meine Fehler, die  zum Verhalten meiner  Frau beigetragen haben.  Damit aber stieß ich auf wenig Gegenliebe. Dreimal habe ich meine Exfrau noch gesehen, und jedes Mal kam sie mir zorniger vor,  gerade so, als wachse die Aversion gegen mich proportional zur Zahl der Jahre, die die unsere Ehe bereits hinter uns liegt.  Wenn es ihr gut tut, soll es mir recht sein.

Am Ende bleibt nur Gerümpel