Haidinger: Unser Hitler. Die Österreiccher und ihr Landsmann

Unser HitlerEs gibt Bücher, an denen ist nichts auszusetzen außer ihrem Titel. So auch bei dem vorliegenden Buch, dessen Titel „Unser Hitler“ irritiert und befremdet. In Wahrheit handelt es sich bei dem vorliegenden Buch um die Darstellung des eigenartigen und verkorksten Verhältnisses Deutschösterreichs zu Deutschland, wofür das Phänomen Hitler nur das prägnanteste und schrecklichste Beispiel ist.
Deswegen sei jedem Leser angeraten, in dem vorliegenden Buch zuerst das zweite und beste Kapitel „Der Traum vom Reich“ zu lesen, das einen ganz ausgezeichneten Abriss der Problemgeschichte liefert. Denn die Donaumonarchie geriet im 19.Jhdt., in der Epoche des Nationalismus, in eine immer ausweglosere Schieflage. Ursprünglich ein tolerantes Vielvölkerreich, in dem Deutsche, Ungarn und Slawen unter der Herrschaft der Habsburgerdynastie jahrhundertelang nebeneinander existierten, entwickelte sich dieses Reich in der Perspektive vieler Deutschösterreicher zu einem „Völkerstall“, aus dem sie so schnell wie möglich heraus wollen. Das ist der Hintergrund der alldeutschen und christsozialen Programme am Ende des 19. Jhdts., die bald auch den Antisemitismus als Wahlschlager“ in ihrer Programme aufnehmen. Die Biographie Hilters, die im ersten Kapitel geschildert wird, liefert hier hinreichend Anschauungsmaterial, denn er flieht aus Wien, als er zur k. u. k. Armee einberufen wird und meldet sich in Deutschland beim Ausbruch des ersten Weltkrieges freiwillig zur Front.
Nach dem Untergang der Donaumonarchie wird den fast zehn Millionen Deutschösterreichern und den Sudentendeutschen der lang ersehnte Anschluss an das republikanische Deutschland von den Siegermächten in Versailles verwehrt. Stattdessen geraten drei Millionen Deutsche unter die Herrschaft der Tschechoslowaken, Millionen Deutsche verbleiben in Polen „und der Rest ist Österreich“ (Clemenceau), dem jede Annäherung an Deutschland untersagt wird. Den Autor wundert es nicht, dass unter diesen Umständen die Demagogen aus allen Lagern reichlich Zulauf fanden. Mit dem Aufstieg der NSDAP und der Machtergreifung der Nazis erfüllte sich dann plötzlich dieser lang gehegte nationale Traum auf eine verhängnisvolle Weise.
Damit kommen die Autoren zu ihrer zentralen Frage. Waren die Österreicher nach ihrem Anschluss die bessren Nazis“, oder waren die Opfer“ wie viele Österreicher nach dem Ende des 2. Weltkriege behaupteten? Auf jeden Fall merkten die Österreicher schnell, dass sie im neuen Großdeutschen Reich gleichsam spurlos verschwanden – selbst der Name „Österreich“ wurde zugunsten der Kennzeichnung Ostmark“ getilgt, ganz zu schweigen von der christsozialen und katholischen Sonderheit, die im neuen Reich keinerlei Platz fand. Auf der andere Seite zeigt eine Durchmusterung der SS-Karteien, des KZ Personals, des Offizierskorps, dass im Großdeutschen Reich zwischen den Piefkes“ und den Deutschösterreichern kein Unterschied mehr bestand. Erst mit dem Wechsel des Kriegsglücks im Zweiten Weltkrieg erwachen bei den Deutschösterreichern die Aversionen, auch wenn man nicht von einem ausgebildeten österreichischen Widerstand sprechen kann. Die Massenverbrechen der Nazis in Osteuropa führen dann zur Ernüchterung -im Unterschied zu den Reichsdeutschen , die sich von der Verantwortung nicht suspendieren konnten, weisen die Österreicher nun plötzlich ihre Verklammerung in dieses Verhängnis weit von sich. Von „unserem Hitler“ soll plötzlich nicht mehr die Rede sein.
Aber stimmt das? Wenn ich die Autoren richtig verstanden habe, dann nur bedingt. Denn Hitlers Aufstieg und Wahnsystem ist nur zu verstehen als Folge einer verhängnisvollen Geschichtsverkrüppelung, die all die negativen Zeitumstände gebar, aus denen heraus der Nationalsozialismus seinen Siegeslauf beginnen konnte. Insofern ist das Phänomen Hitler eine Chiffre für die verhängnisvolle Verklammerung der gesamtdeutschen Geschichte, zugleich aber auch ein Scheideweg, denn erst nach Hitler nahmen die Österreicher 1945 endgültig Abschied von der deutschen Nation.
Ich kann die Lektüre des vorliegenden Buches uneingeschränkt empfehlen. Es handelt sich um eine Sammlung historischer Untersuchungen zu einem zentralen Aspekt der deutschen Geschichte, der gerade im historischen Abstand mit Gewinn zu lesen ist. Bleibt nur zu hoffen, dass der Titel nicht die interessierten Leser abschreckt und die Falschen anzieht.

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