Heresch: Nikolaus II

100CANONWer an den humanitären Fortschritt der Geschichte in Richtung  Demokratie und Menschenrechte glaubt, der tut gut daran, sich die Schicksale jener anzusehen, die diesem Fortschritt im Wege standen. Der britische König Karl I wurde 1649 nach einem langen Prozess des Hochverrates für schuldig befunden und hingerichtet. Ludwig XVI, der harmlose und gutmütige französische König wurde nach einem langen Prozess mit knapper Mehrheit zum Tode verurteilt und hingerichtet. Nikolaus II, der letzte europäische Autokrat, erhielt keinen Prozess sondern wurde mitsamt seiner Familie in einer Nacht und Nebelaktion im Keller des Ipatjew Hauses in Jekaterinenburg von einem kommunistischen Mordkommando erschossen.

Erst die Nachwelt ließ diesen Gestürzten Gerechtigkeit wiederfahren. Karl I erscheint mittlerweile als eine Art irregeleiteter Romantiker, Ludwig XVI wurde 200 Jahre nach seinem Tod von der französischen Fernsehöffentlichkeit frei gesprochen, und Nikolaus II, den es am härtesten getroffen hatte, wurde sogar von der orthodoxen Kirche posthum heiliggesprochen.

Mit Niklaus II, diesem zu Lebzeiten ängstlichen und entscheidungsschwachen, in der Gefangenschaft aber aufrechten und tapferen Mann beschäftigt sich die vorliegende Biografie der englischen Journalistin Elisabeth Heresch.  Wie man es oft bei Biografen findet, gehört die uneingeschränkte Sympathie der Autorin ihrem Titelhelden – und das umso mehr, je näher der Zeitpunkt seines Todes rückt. Während seine Regierungszeit bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges innen- und außenpolitisch entschieden zu gut wegkommt, liegt der   Wert des vorliegenden Buches vorwiegend in der Darstellung der letzten Lebensjahre des Zaren.  Hauptdarsteller dieses Dramas sind der Zar, seine deutschstämmige Gattin Alexandra, die durch ihre Rasputin-Nähe einen Gutteil zur  Entfremdung zwischen Zar und Volk beigetragen hatte und die  fünf unschuldigen Kinder Alexeji, Olga, Tatjana, Maria und Anastasia, die mitsamt ihren Eltern von einem im Keller von Jekaterinenburg erschossen wurden.

Spätestens als sich Nikolaus II nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges in völliger Überschätzung seiner Fähigkeiten zum Oberbefehlshaber in der russischen Streitkräfte ernannte und jämmerlich versagte, begann sich die Waage seines Schicksals zu neigen.  Als die Februarrevolution ausbrach, versagten ihm sogar seine höchsten Generäle die Gefolgschaft und rieten ihm zur Abdankung. Nikolaus II wäre nicht Nikolaus II gewesen, wenn er diesem Rat nicht gefolgt wäre, kennzeichnend  für seine  Blauäugigkeit war jedoch seine Erwartung, er könne sich nach seinem Rücktritt  als Privatmann auf die Krim zurückziehen. Die Wirklichkeit aber sah ganz anders aus. Nur wenige Tage nach seinem Rücktritt wird der Zar in Zarske Seljo unter Hausarrest gestellt. Jetzt erst, als die Wachsoldaten jeden Respekt vermissen ließen,  begannen die Romanows zu begreifen, was die Stunde geschlagen hatte – mit der Eventualität ihres Todes rechneten sie aber noch immer nicht.    In ganz düsteren Farben wird die Rolle Ministerpräsident Kerenskis, gezeichnet, eines eitlen Harlekins, dessen Unfähigkeit im Zusammenhang mit dem Kornilow Putsch wesentlich zum Sieg Lenins und damit zum Tod der Zarenfamilie beitragen sollte.  Anstatt auf die Krim oder nach England  werden die Romanows nach Tobolsk in Sibirien gebracht. Einen Vorschlag des finnischen Oberkommandierenden Mannerheim, den Zarenzug nach Finnland und damit in die Freiheit umzuleiten, wenn Nikolaus II die Unabhängigkeit Finnlands anerkenne, lehnte der Zar ab.

Derweil tritt die Eskalation der Revolution in ihre finale Phase. Finanziert aus deutschen und amerikanischen Geldquellen überstehen die Bolschewiki die Krise des Juliputsches und ergreifen im Oktober 1917 die Macht. Während der Friedensverhandlungen von Brest Litwosk fungierte die Familie des Zaren noch eine Zeitlang als Faustfand der Kommunisten, ohne dass sich die Deutschen oder die Alliierten wirklich für das Schicksal der Romanows interessiert Hätten. Präsident Wilson berauschte sich geradezu an dem neuen „demokratischen“ Aufbruch und wollte vom  Autokraten aus Russland nichts wissen. Lloyd Goerge winkte ab, weil er Streiks der britischen Arbeiter befürchtete, und auch Frankreich verweigert das Exil.  Ein privates Unterstützungskommittee, das in Moskau  eine beachtliche Summe für die Befreiung des Zaren gesammelt hatte, wurde von seinem Kassenwart betrogen, der mit dem Geld nach Berlin flüchtete, um dort ein Restaurant zu gründen.

So nahm die Tragödie mit Wissen Lenins ihren Lauf. Als sich die weißen Truppen Jekaterinenburg näherten und die Befreiung des Zaren drohte, stellt Michailowitsch Swerdlow   eine 12köpfige Mörderkompanie zusammen, zu der auch Kriegsgefangene gehörten. Erst vor kurzem wurde übrigens bekannt, dass zu den zwölf Mördern der Zarenfamilie auch der spätere  ungarische Nationalheld Imre Nagy gehörte, der sich im Jahre 1956 der sowjetischen Okkupation Ungarns entgegenstellte und seine Standhaftigkeit mit dem Leben bezahlen sollte. Unter dem Vorwand einer Abreise nach England wurde die Zarenfamilie in der Nacht vom 17. Auf den 18. Juli 1918 mitten in der Nacht geweckt und im Keller des Ipatjew Hauses erschossen, teilweise auch erstochen und verstümmelt. Die Leichname wurden in einen nahegelegenen Wald  gebracht,  zerstückelt, mit Kalkasche unkenntlich gemacht und vergraben. Lenin war zufrieden, und auch für den jungen Swerdlow sollte sich der Mord lohnen. Auch wenn er kurz darauf an der Spanischen Grippe starb, wurde Jekaterinenburg, die Stadt seines Verbrechens ebenso nach ihm benannt wie diverse Forschungseinrichtungen und Preise.  Erst 1991, nach dem Ende der UdSSR wurde die Stadt seiner größten Schandtat wieder in Jekaterinenburg umbenannt. Das Ipatjew Haus, das sich in den Siebziger Jahren zu einer Wallfahrtsstätte für russische Nostalgiker entwickelte, wurde auf Geheiß des Gebietssekretärs Boris Jelzin 1978 in einer Nacht- und Nebelaktion abgerissen. Heute steht an der gleichen Stelle eine Kathedrale zum Gedenken an den Zarenmord.

So legt man das vorliegende Buch am Ende nicht ohne eine gewisse Bewegung aus der Hand Wie Nikolaus  sein Schicksal trug, war bewundernswert, weniger bewundernswert finde ich allerdings, dass er durch seine Lethargie auch den Tod seiner Familie mit verursachte. Zugutehalten muss man ihm, dass sich damals noch niemand den unglaublichen Zivilisationseinbruch vorstellen konnte, der mit dem Auftritt des Kommunismus in der Geschichte verbunden ist. Insofern war der Tod der Zarenfamilie nur das Prolegomena des unsagbaren Leides, das dem russischen Volk unter der Herrschaft des totalitären Kommunismus auferlegt werden sollte. In dieser symbolischen Eigenschaft wurde Niklaus II  von der orthodoxen Kirche im Jahre 2000 zum Heiligen erklärt –  während seine Mörder sich dem rückwärtigen Blick als genau der Abschaum erweisen, der sie von Anfang an gewesen sind.

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