Jauer: Die halbe Revolution. 1989 und die Folgen

Von Jahr zu Jahr verschwimmen die Konturen der zweiten deutschen Diktatur immer mehr ins Beschauliche. Die Knechtung der Bevölkerungsmehrheit durch ein Überwachungssystem von annähernd einhunderttausend Stasi-Spitzeln, die gezielte physische und soziale Vernichtung von Existenzen,  nicht  zuletzt die unzähligen Toten an der Berliner Mauer treten zurück hinter einem global eingeforderten „Respekt für die Lebensleistung einer ganzen Generation“,  hinter der Täter und Opfer, sozialistische Einheitspartei und kirchliche Opposition fast verschwinden.

Dass es aber ganz anders war, dass die Opposition gegen den totalitären Sozialismus existenziellen Mut erforderte und dass es scharfe Schnitte zwischen Dissidenten, Mitläufern und SED-Anhängern gab, daran erinnert pünktlich zum dreißigsten Jahrestag des Berliner Mauerfalls das Buch „Die halbe Revolution. 1989 und die Folgen“ des ehemaligen ZDF Osteuropa-Korrespondenten Joachim Jauer.

Zwei Vorzüge heben das vorliegende Buch aus der Vielzahl des derzeitigen Jubiläumsschrifttums zum Mauerfall hervor: zunächst die Einbettung der „friedlichen Revolution“ in der DDR in einen gesamtosteuropäischen Kontext, der Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei und selbst Russland mit umgreift –  und  die Augenzeugenschaft des Autors, der die Ereignisse  der Achtziger Jahre als Journalist in den Hauptstädten Osteuropas aus nächster Nähe miterlebte, was ihn gegen jeder retrospektiver Idyllisierung der Verhältnisse immunisiert.

Die erste Einsicht, die der Leser bei der Lektüre gewinnt, mag allerdings ein wenig Wasser in den ostdeutschen Jubiläumswein gießen. Denn ohne den Anteil der ostdeutschen Friedensbewegung geringschätzen zu wollen: die entscheidenden  Anstöße für den Untergang des zweiten europäischen Totalitarismus entstanden anderswo: in Polen, wo die Gewerkschaftsbewegung Solidarnocz mit der Rückendeckung des polnischen Papstes ihre Anerkennung durchsetzte, in Prag, wo sich die Bürgerrechtsbewegung des späteren Präsidenten Václav Havel gegen brutalste Repressionen behauptete und schließlich in Ungarn, wo die freiheitliche Opposition in einem dramatischen Kampf um die Rückgewinnung ihrer nationalen Erinnerung an den Volksaufstand von 1956 das Kadar-Regime in die Knie zwang – und last not least in Moskau, wo der sowjetische Parteichef Gorbatschow unter den Etiketten von „Glasnost“ und „Perestroika“ dem Imperium die Waffen aus der Hand nahm. In fünfzehn packend zu lesenden Reportagen  führt der Autor den Leser durch ein turbulentes Jahrzehnt, an dessen Ende es, gleichsam zum Finale, zur  Massenflucht der DDR Bürger nach Westen und zum Mauerfall kam.

Warum aber dann „halbe“ Revolution, möchte man fragen. Und hier kommen wir zum zweiten, Teil des Buches, in dem Joachim Jauer Vertretern des europäischen Mainstreams Gelegenheit gibt, eine Art Zwischenbilanz nach dreißig Jahren Freiheit zu ziehen. Insgesamt, wenngleich in Nuancen,  stoßen diese Autoren alle ins gleiche Horn: die Umwälzungen, die Osteuropa aus der kommunistischen Knechtung in die Sphäre der Demokratie führten, sind nur „halb“ geglückt. Sie sind „unvollendet“ geblieben, weil  einige Länder, namentlich die Tschechei, Polen und Ungarn nach der Wende damit begonnen haben, vom Pfad der Freiheit abzuweichen und sich zu „renationalisieren“. Die Regierungen dieser Länder zeigen starke Aversionen gegen den Zentralismus der Europäischen Union und weigern sich, unter Rückgriff auf traditionelle christliche Werte die europäische Doktrin von Vielfalt, Neoliberalismus und Multikulturalismus kritiklos anzunehmen.

Allerdings setzen die Autoren in ihren Bilanzierungen durchaus eigene Akzente. Erfreulich sachlich  argumentiert Stephan Löwenstein in seinem Ungarn-Beitrag, in dem er im Hinblick auf die europaweit beklagte „Gleichschaltungspolitik“ der Orban-Regierung trocken vermerkt: „Hatte früher kaum ein `nationaler´ Künstler eine Chance auf führende Positionen, so ist es dort, wo öffentliche Gelder fließen, heute umgekehrt. Und gab es früher nur wenige Fidesz-nahe Zeitungen oder Sender, so gibt es heute wenig andere. Doch das häufig gezeichnete Bild von einer quasi gleichgeschalteten Presse ist falsch. Immer noch ist der verbreitetste Fernsehsender, RTL Klub, eher Orbán-kritisch. Und online kann sich jeder Ungar, der das will, durch heftigstes Orbán-Bashing klicken.“ Wo bitte gibt es in Deutschland einen großen regierungskritischen Sender, möchte man fragen.   

  Erheblich unreflektierter argumentiert Basil Kerski in seinem Polen-Beitrag: ier Bei der diskussion dieser Feagetellgun versteige„Die polnische Nation“, schreibt Kerski „konnte in den vergangenen zwei Jahrhunderten nur dank des Exils überleben und vor genau hundert Jahren als unabhängiger Staat wiedergegründet werden. Polnische Künstler im Exil, wie Adam Mickiewicz, Ignacy Jan Paderewski, Witold Gombrowicz oder Czesław Miłosz haben aus dem Ausland die polnische und europäische Kultur maßgeblich geprägt. Polens kollektive Identität ist ohne Migrationserfahrungen undenkbar. Vor diesem Hintergrund überraschen (sic) die Distanz vieler traditionsbewusster Polen zu den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.“  Hier wird allen Ernstes das erzwungene Exil des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz als Argument  herbeifantasiert, Hundertausenden kulturfremden Muslime eine Einwanderung in das Land ihrer Wahl  zu gestatten. Am Beispiel des Beitrages von Kerski wird darüber hinaus eine allgemeine Wahrnehmungsstörung deutlich, die europaweit anzutreffen ist. Die kulturmarxistische Linke scheint ihre kulturelle Hegemonie als eine derartige Selbstverständlichkeit zu betrachten, dass sie sofort den Untergang des Abendlandes ausruft, wenn wie in Polen oder Ungarn auch andere weltanschauliche Positionen dominant werden.  Was Kerski als „halbe“oder „unvollendete“ Revolution bezeichnen würde, versteht die Mehrzahl der polnischen Wähler eher als eine Art Zurückschrecken von einer neuen Sackgasse der Bevormundung.

Was Deutschland betrifft, so sind die bilanzierenden Betrachtungen  von Richard Schröder und Wolfgang Thierse immerhin um Sachlichkeit bemüht, wenngleich sie die entscheidenden Probleme ausklammern. Denn wie muss man es im Rahmen einer  Gesamtbilanz bewerten, dass dreißig Jahre nach dem Sturz des Stasi-Staates eine ehemalige  Stasi-Agentin wie Frau Kahane ein mit öffentlichen Geldern gesponsertes Institut leitet, das Andersdenkende  wie in den unseligen  staatsozialistischen Zeiten öffentlich denunziert? Oder dass praktisch die gesamte öffentlich-rechtliche Medienlandschaft mitsamt der sogenannten „Zivilgesellschaft“ wie eine einzige Vorfeldorganisation der regierenden Elite funktioniert? Auch hier führt das Etikett der „halben Revolution“ in die Irre. Im Falle Deutschlands, dem Gegenmodell zu Ungarn oder Polen,  könnte man eher von einer teilweise bereits wieder rückabgewickelten Revolution sprechen.