Frankfurter Buchmesse 13.10.2017

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„Fett und Filz, das kann ich auch!“

Ein Rundgang über die Frankfurter Buchmesse

Wir schrieben Freitag, den 13, was ich nicht als schlechtes Omen werten wollte. Das Wetter war gut, und anders als im letzten Jahr fand ich sofort die Parkplatzeinfahrt zum Rebstockgelände. Diesmal hatte ich mir vorher einen Presseausweis besorgt und erhielt einen vorzüglichen Stellplatz und das auch noch zum Nulltarif. Wie schon ist es ein Journalist zu sein. Oder wenigstens als solcher durchzugehen.

Wie immer war es rappelvoll und nicht ganz einfach, sich einen Überblick über die Verlage zu verschaffen. Nichts an dem Gewusel legte den Gedanken nahe, dass sich der weltweite Buchhandel in einem herben Schrumpfungsprozess befand, dem seit 2010 etwa die Hälfte seines Umsatzes zum Opfer gefallen war. Vertreter des Diogenes Verlages waren in der Woche vor der Buchmesse befragt worden, welche Folgend diese Halbierung des Buchabsatzes für die Autoren hätte. „Ganz einfach“ hatte der Verlagsleiter geantwortet, „die Autoren verdienen nur noch die Hälfte.“

Umso erstaunlicher, dass an Autorennachwuchs keinerlei Mangel bestand. Mehr 06_20170720_232351noch: überall  sprossen  Selbstverleger-Verlage  wie Book on demand, epubli, Kindle und viele andere mehr aus dem Boden und boten literarischen Novizen jede nur erdenkliche Hilfe für die Erstellung eigener Bücher an. Soweit jedenfalls mein erster Eindruck, als ich in bewusster Ziellosigkeit durch die Hallen lief. Bodo Kirchhof, der Buchpreisträger des letzten Jahres, hatte das in seinem preisgekrönten Werk „Widerfarnis“ als den Missstand beklagt, „dass immer weniger gelesen und dafür immer mehr geschrieben würde“.

Tatsächlich blieb die Frage: Wer sollte denn all das lesen, was die etablierten und die engagierten, die arrivierten und die laienhaften Autoren schrieben? Mit diesen halbgaren Gedanken im Kopf betrat ich den Messestand „Autorensofa“ in der Halle 4, einer in Pink und Rosa gehaltenen Nische, in der die Farbe von Sofas und Sesseln mit den knalligen Covers der ausgestellten Bücher konkurrierten.  autorensofa_webAber keine Vorurteile, dachte ich sondern lesen, lesen lesen. So griff ich mir auf gut Glück den Roman  „Facebook Romance“ von Karina Reiss und las den Klappentext: „Nachdem Vater Frank schwer erkrankte, hat er an seine beiden Mädchen nur einen Wunsch: Findet Dörte! Der Alt-Hippie hat seine Jugendliebe in den Wirren der 68er Bewegung vollkommen aus den Augen verloren, aber vergessen hat er sie nie. Um von seiner Krankheit abzulenken und seine beiden Töchter zu beschäftigen, schickt er sie auf die Suche.“    In einem anderen Buch, dessen Titel ich vergessen habe, war von den Agonien einer verlassenen Frau die Rede, die nach dem Ende ihrer Ehe wieder auf die Beine kommen möchte – und das über 400 eng bedruckte Buchseiten hinweg.  Ich kam mit Katharina Burckhardt vom „Autorensofa“ ins Gespräch und fragte, von welchen Umsatzzahlen man bei solchen Werken ausgehen könnte. Katharina Burckhardt, eine gutaussehende, feinnervige Frau mit einem intelligenten Gesicht und sehr wachen Augen, antwortete ohne Umschweife:   „Je seichter, je höher die Umsätze, das sei beim Autorensofa genauso wie bei anderen Verlagen.“ Diese Ehrlichkeit imponierte mir. Einen  Augenblick überlegte ich, ob ich diese gutaussehende Autorin  nach ihrer Telefonnummer fragen sollte, doch dann ließ ich es. Wer konnte wissen, in welcher Gestalt ich mich eventuell  demnächst in einem Autorensofa-Roman wiederfinden würde.

Überhaupt Ehrlichkeit, das schien in all ihren Facetten ein Motto der Buchmesse zu sein. Als ich weiterschlenderte stieß ich auf den Stand des „Vorwärts“, wo der  Spiegel Journalist Hasnaim Kazim interviewt wurde. Kazim hatte noch vor kurzem den Ostdeutschen die Leviten gelesen und sinngemäß geschrieben, 1990 wären sie mit dem Trabbi angeknattert gekommen und heute würde sie AfD wählen, da könne er sie doch nicht ernst nehmen. Aktuell wurde Kazim zur Frage Hasnain-Kazim-2015interviewt, wie es denn sein könnte, das die Mehrheit der  türkischen Wähler dem türkischen Präsidenten Erdogan anhingen, obwohl doch dieser mit europäischen Werten nichts am Hut habe. Kazim, ein junger Mann, der seine Ankunft im journalistischen Establishment durch akkurates Outfit mit Anzug und Krawatte dokumentierte, antworte darauf, dass die  Zustimmung zu Präsident Erdogan  auf einem „Geburtsfehler der modernen Türkei“ beruhe. Der Staatsgründer Kemal Atatürk, der die Türkei radikal verwestlicht hatte,  habe  die  einfachen konservativen Menschen auf dem Land „nicht mitgenommen“,  weswegen sie heute dem eher orthodox-islamischen Präsidenten Erdogan so zujubelten. Das müsse man nicht gutheißen, aber wenigstens verstehen. Da war was dran, auch wenn mir auffiel, dass die ostdeutschen AfD Wähler bei dem jungen  Autor auf so viel Verständnis nicht zählen durften.

Ehrlich war auch Robert Menasse, der Träger des deutschen Buchpreises 2017, der ihm vor wenigen Tagen für seinen Roman „Die Hauptstadt“ verliehen worden war. Menasse hatte 2016 den Kandidaten der österreichischen FPÖ für das Amt des Bundespräsidenten kurzerhand als „Nazi“ bezeichnet, was seiner subjektiven Ehrlichkeit, nicht aber seinen Geschichtskenntnissen ein gutes Zeugnis ausstellte. Robert Menasse saß am Stand des Suhrkamp Verlages mit einem Schlabberjackett auf einem kleinen Höckerchen und wurde von einer Journalistin befragt, die auf einem noch kleineren Höckerchen platzgenommen hatte und ergeben zu allem nickte, was der Meister sagte.   Weil ich ganz hinten 02_20170720_211535stand und nichts verstehen konnte, ging ich zur Suhrkamp-Bücherwand und blätterte ein wenig dem preisgekrönten Werk. Der Plot von „Die Hauptstadt“ erinnerte an Musils „Mann ohne Eigenschaften“, denn es ging um Imagekampagne für die Europäische Union, die den europamüden Bürgern wieder etwas mehr Europabegeisterung einimpfen sollte. Dass der Dreh- und Angelpunkt dieser Imagekampagne „Auschwitz“ sein sollte, besaß ein unglaubliches Ironiepotenzial, das der Autor aber völlig brach liegen ließ. Dass Europäer aus allen Nationen in der gleichen Häftlingskleidung in Auschwitz gesessen und in dieser Eigenschaft ex negativo die Einheit Europas vorweggenommen hatten, balancierte noch an der Grenze zwischen schwarzem Kabarett und Gedenkgottesdienst. Dass aber die Hauptstadt des Vereinigten Europas nicht Brüssel sondern Ausschwitz sein sollte, war eigentlich nur noch als Satire begreiflich. Doch nichts schien dem Autor ferner zu liegen, als Europa zu ironisieren. Furztrocken sonderten die Handlungsträger  in den Wandelgängen der „Hauptstadt“ seitenlange Europa-Elogen ab, bei denen einem die Füße einschlafen konnten. So unvollkommen die Europäische Union auch daherkam, in Robert Menasse besaß sie einen wackeren Fürsprecher, der sich nicht irre machen ließ.  Menasses Europa-Enthusiasmus erinnerte  an den späten Sozialismus, in dem alle Hinweise auf die realen Missstände mit dem Apell für „noch mehr  Sozialismus“ beantwortet worden waren.  Man sieht,  ich war durchaus voreingenommen, denn Robert Menasse war bei mir für immer unten durch, seitdem er zusammen mit Ulrike Guerot sein Segregationskonzept zur moslemischen Masseneinwanderung vorgestellt hatte. Es lief darauf hinaus, dass die Zuwanderer nicht mehr in die deutschen Städte  integriert sondern eigene Städte in Deutschland erhalten sollten, etwa ein Neu-Damaskus in der Nähe von Berlin oder ein Neu-Diabakyr in der Nähe von Wuppertal.

Voreingenommen aber war nicht nur ich, sondern auch Alexander Skipis, der Geschäftsführer des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, der einen Bock geschossen hatte, der ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte des bundesrepublikanischen  Mainstreams bescheren würde. Er hatte noch vor dem Beginn der Buchmesse  in einer öffentlichen Mitteilung sich von drei der ausstellenden Verlage („Antaios“, „Manuscriptum“ und „Junge Freiheit“) distanziert, sie  mit Namen und Ausstellungsplatz kenntlich gemacht und die Messebesucher aufgefordert, gegen diese „rechten“ bzw. „rechtsradikalen“ Verlage zu protestieren. „Engagieren Sie sich“ schrieb er in kaum überbietbarer Scheinheiligkeit, wohl wissend, dass er damit diese Verlage der gewalttätigen Hatz und Hetze des zivilgesellschaftlichen Fußvolks preisgab. Tatsächlich war in der Nacht vom 12. auf dem 13. Oktober  der Stand des Manuscriptum Verlages verwüstet worden, ohne dass das der Messeleitung einen distanzierenden Kommentar wert gewesen wäre. Stattdessen versammeln sich die Vertreter des Börsenvereins mit Protestschildern vor dem Stand der inkriminierten Verlage, buchmesse-1um für Vielfalt, Meinungsfreiheit  und Toleranz zu demonstrieren. Noch perfider war, dass der Antonio Amadeo Stiftung in der Nähe des Antaios Verlages völlig kostenfrei ein Stand angeboten worden war, damit sie auf das Treiben der „Rechten“ ein wachsames Auge haben konnten. Das Angebot von Vertretern des  Antaios Verlages mit Vertretern der Antonio Amadeo Stiftung oder mit Alexander Skipis öffentlich über die Meinungsfreiheit zu diskutieren, war abgelehnt worden. Stigmatisieren war halt einfacher als diskutieren.

Als ich den Stand des Antaios Verlages erreichte, war alles ruhig, der richtige Krawall sollte erst am nächsten Tag stattfinden, als die Linke eine Lesung des Antaois Verlages sprengte. An diesem Nachmittag kamen und gingen die Interessenten, wechselten einige Worte mit den Standbetreibern und blätterten in den ausliegenden Büchern. Götz Kubitschek, der Gottseibeiuns der Linken und einer der intellektuellen Protagonisten der Neuen Rechten, stand abseits und telefonierte. Er war größer als ich erwartet hatte, ein ehemaliger Offizier, der wegen eines unwillkommenen  Buches über den Balkankrieg aus der Kubitschek maxresdefaultBundeswehr entlassen worden war und der nun seit einigen Jahren auf dem ehemaligen Rittergut Schnellroda in Sachsen Anhalt den Antaois Verlag betrieb.    Innerhalb des konservativen Lagers war er neben Dieter Stein, dem Chefredakteur der  Jungen Freiheit, der tonangebende Verleger, auch wenn sich Stein und Kubitschek überworfen hatten.  Kubitschek, nach den Gründen für diese Differenzen  befragt, antwortete, dass diese Differenzen nicht in erster Linie eine Frage der Inhalte sondern der Haltung seien. Die „Junge Freiheit“ kultiviere einen „Wohlfühl-Konservatismus“, mit dem man bequem im Ohrensessel sitzen und die Zustände beklagen könne. Der  Antaois Verlag und die ihr nahestehende identitäre Bewegung aber wollten aktiv werden und  verändern. Den öffentlichen Stigmatisierungsaufruf des Messeleiters Alexanders Skipis beurteilte er als einen Angriff auf die Meinungsfreiheit, doch leider seien alle Versuche gescheitert, andere Verleger zu einer Solidaritätsadresse zu bewegen.

Auf dem Stand des Antaios Verlages lagen vor allem zwei Bücher aus: „Finis Germania“ des verstorbenen Gesellschaftstheoretikers Rolf Sieferle und „Mit Linken leben“ von Martin Lichtmesz und Carola Sommerfeld. „Finis Germania“ hatte in der ersten Jahreshälfte 2017 zeitweise die Spitze der amazon-Sachbuchliste und Platz 9 der SPIEGEL Bestsellerliste  erklommen, ehe der Sieferle_SPIEGEL  das  unliebsame Werk einfach von seiner Bestellerliste gestrichen hatte.  Jeder, der auch nur einige Sätze in dem Buch las, erkannte sofort, dass es tatsächlich einen gänzlich anderen Verständnisrahmen für die Gegenwartsgeschichte anbot als gewohnt. Rechtsradikal jedoch war nichts an ihm.  Das Buch „Mit Linken leben“ von Martin Lichtmesz und Carola Sommerfeld war zur Zeit der Renner im neurechten Lager, nicht zuletzt, weil es jeder halbgaren Versöhnlichkeit eine klare Absage erteilte Mit Linken zu streiten, so Lichtmesz und Sommerfeld, sei „wie mit einer Taube Schach zu spielen. Egal, wie gut du schachspielst, die Taube wird alle Figuren umwerfen, auf das Brett kacken und herumstolzieren, als hätte sie gewonnen“.

Wie es der Zufall wollte, stieß ich einige Ecken weiter auf den Klett Cotta Verlag, wo das Buch „Mit Rechten reden“ von Leo Steinbeis Zorn üppig beworben wurde. Unter Leo Steinbeiß Zorn muss man sich keine Person mit Doppelnamen sondern ein dreiköpfiges Autorenteam vorstellen, das es auf sich genommen hatte, eine Art „Handbuch für das Reden mit Rechten“ vorzustellen. Das hörte sich gut an, und tatsächlich enthielt das Buch eine Reihe von Feststellungen, die man in dieser Form in einem großen Verlag noch nicht gelesen hatte: man erfuhr, dass Rechte auch Rechte haben und dass viele Ansichten der Rechten „ein 41FMYccfimL._SX303_BO1,204,203,200_Körnchen Wahrheit“, manche sogar „einen wahren Kern“ enthielten. „Mit Rechten reden“ war also sinnvoll und notwendig, wenn die Linke nur  ihre Moralisierungen und die Rechte ihre Opferhaltung aufgaben. Aber musste man nicht das Ergebnis solcher Debatten fürchten, fragten die Autoren, um solche Bedenken sogleich zu zerstreuen. Denn wenn wirklich offen und fair zwischen Linken und Rechten  diskutiert würde, brächen die Positionen der Rechten zusammen wie die große Mauer in „Game of Thrones“ unter dem Feueratem des Drachen. Diese Selbstgewissheit verleitete Leo, Steinbeis und Zorn dazu, im letzten Teil des Buches einige Kostproben solch erwartbarer Argumentationstriumphe darzustellen.  Diese letzten vierzig Seiten  waren interessant und kurios zugleich. Interessant waren sie, weil man hier erkennen konnte, wie treuherzig man sich im Mainstream die Welt zurechtlegte. Kurios waren sie, weil sie lauter Märchenerzählungen enthielten, an deren Ende regelmäßig die Rechte mit heruntergelassenen Hosen dastand. Eine ganze Stunde saß ich am Hoffmann und Campe Stand und machte mir Notizen aus dem Buch, wohlwollend beäugt von den Mitarbeitern des Verlages, weil sie in mir jemanden  zu erkennen glaubten, der sich für eine bevorstehende Auseinandersetzung mit Rechten munitionierte.

Nach der überschlägigen Lektüre von „Mit Rechten reden“ war ich erst einmal erschöpft und stärkte mich am Azubi-Stand der Buchmesse. Mochten die Verlage auch in der Krise sein, mochte die Meinungsfreiheit auch bedroht werden, der Kuchen und der Kaffee der Azubis ließ keinerlei Qualitätseinbußen erkennen. Während ich mir den Kuchen schmecken ließ, beobachtete ich die Messeteilnehmer. Konnte man Typen unterscheiden oder Gemeinsamkeiten feststellen? Wie schon im letzten Jahr fielen mir die zahlreichen gutaussehenden Frauen auf, die mit verhangenem Blick in den Büchern blätterten. Ein schönes Bild, bewies es doch die Attraktion, die das Wort noch immer auf die Schönheit ausübte. Entschiedener, um nicht zu sagen, selektiver kamen die älteren Besucher daher: immer wieder sah ich Männer und Frauen stringent zu einem Regal mit Büchern marschieren, in diesen Büchern blättern, nicken oder Kopfschütteln, ehe die Bücher mit wieder weggestellt wurden. Der Altersdurchschnitt war gehoben, was nicht verwundern konnte, weil viele Menschen erst in fortgeschrittenen Jahren ein genaueres Gefühl dafür erhielten, wer ihre wahre Freunde waren und entdeckten, dass gute Bücher ganz bestimmt dazugehörten. Zum ersten Mal fiel mir auf,  welche Papiermengen die Messebesucher mit sich herumschleppten, denn fast jeder griff sich die Literaturbeilagen der  Süddeutschen, der ZEIT, der Welt oder der FAZ und stopfte sie in eine der Tüten, die die Verlage gratis an ihren Ständen verteilten. Ich hatte mir auch einige Literaturbeilagen besorgt und durchblätterte sie, während ich den zweiten Kaffee tank. Wie jedes Jahr kreisten die Rezensionen in der Hauptsache um ein oder zwei Dutzend Bücher, auf die sich die Großkopfeten des Mainstreams geeinigt hatte. Immer wieder Menasse, Uwe Timm, Kehlmann mit seinem Thyll Eulenspiegel, Ruschdie und jede Menge sozialemanzipative Welterklärungen.

Ich setze meinen Rundgang fort und erreichte den „arte“ Stand. Hier war der französische Philosoph Tristan Garcia zu Gast, den man nach seinem  Erstling „Das intensive Leben“ zum geistigen Giganten ausgerufen hatte. Mit seiner Jeans, Tristan-Garciaseinen Turnschuhen und dem lockeren Hemd glich er einem Doktoranden des Zeitgeistes, der im Auftrag seines Mentors ein Proseminar leitete. In „Das intensive Leben“ hatte Garcia die These entwickelt, dass seit der cartesianischen Wende und besonders seit der Einführung der Elektrizität unser Leben „hyper-intensiv“ geworden sei und dass wir mit dieser Intensität im Sinne einer besseren LifeWork Balance anders umgehen müssten.  Gesponsert durch große Zeitungen und Verlage hatte dieses Buch trotz seiner schlichten Message wie eine Bombe eingeschlagen, so dass der junge Autor  (Er war gerade mal Mitte Dreißig) nun wie bei uns der Feierabendphilosoph Richard David Precht  zu allen möglichen Problemen befragt wurde.  Eine Journalistin – Typ: gerade frisch von der Henry Nannen Journalistenschule abgegangen – wollte wissen, ob in unserem Nachbarland Frankreich, das sich ja trotz seines guten Essens und seiner guten Weine in einer Krise befände, ein Gewaltausbruch drohe. Tristan Garcia ließ die Augen rollen, was sehr telegen und zugleich sehr nachdenklich wirkte und antwortete, dass er zwei Arten von Gewalt unterscheide: die „theatralische Gewalt“ für die Kameras, die ihm keine Sorgen mache, und die „latente Gewalt“, die „schlummernde Gewalt“ von ganz links und ganz rechts, die ihn ängstige, weil diese sich „kristallisieren“ könne. Ja könne denn Präsident Macron, der Mann der Stunde, dem Ausbruch dieser latenten Gewalt entgegenwirken, wollte die Journalistin wissen. Wieder ließ der Philosoph die Augen kreisen, zögerte dann ein wenig, als überlege er, wie dezidiert er den in Deutschland extrem populären Präsidenten in die Pfanne hauen dürfe.  Marcon sei ein „Mann guten Willens“, antwortet er schließlich, aber er sei „zu spät“ dran. Was er jetzt versuche, hätten Blair, Schröder, Clinton schon zwanzig Jahre früher vollbracht. Ob diese zaghaften Veränderungen, die Macron nun einleitete –welche er meinte, sagte Garcia  nicht – zur Problemlösung – welche, sagte er auch nicht – hinreichen würden, wüsste er nicht. Man sah: seine Antwort war echt philosophisch, sie legte durch ihr sokratisches Bekenntnis zum Nichtwissen ihrem Autor Ehre ein und regte zu weiten Nachfragen an. Was wollte man mehr?

Als ich weiterging bemerkte ich, dass überall die Stühle vor den Foren belegt waren, dass aber kaum jemand stand. Ich erklärte es mir dadurch, dass das Messeflanieren anstrengend war und  die Leute dann und wann  nach einem Stuhl verlangten, so dass sie, wenn sie bei Fischer keinen bekamen, sich einfach bei Piper hinsetzten.  Es war also weniger das Thema, das zog, sondern die Sitzgelegenheit, die lockte. Diesen Eindruck konnte man jedenfalls an einem Messestand gewinnen, an dem ein Anwalt zu Rechtsfragen bei Buchproduktion referierte.  Obwohl er seinen Text herunterleierte wie ein  Mönch beim Abendgebet, waren alle Plätze belegt. Ein beachtlicher Prozentsatz der Stuhlokkupanten hatte den Augen geschlossen und döste vor sich hin. In mir wirkte der gerade erst genossene Azubi Kaffee aber noch so nach, dass ich wach blieb und lauschte. Der Referent sprach zu Covergestaltung, Bilderverwertung, Persönlichkeitsrecht und erzählte, dass es eine Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften gäbe, um deren Empfehlungen sich aber niemand kümmere und deren Haupttätigkeit  darin bestände, sich mit den  Beschwerden besorgter Väter herumzuschlagen, die die Lektüre ihrer Töchter der Bundesprüfstelle zur Begutachtung vorlegten.

Obwohl ich die FAZ schon lange nicht mehr lese, mache ich in jedem Jahr am FAZ Stand Station, ganz einfach, weil der nachhallende Ruf der FAZ als einer ehemals großartigen Zeitung dafür sorgt, das noch immer interessante Gäste präsentiert werden können. Heute war der SPIEGEL  Kolumnist  Jan Fleischauer zu Gast, der 08_20170720_224947als halbrechter Paradiesvogel beim  Hamburger Nachrichtenmagazin dort regelmäßig auf die konservative Pauke hauen durfte – wenn er nur nicht versäumte, dabei pflichtgemäß und rituell die AfD und die außerparlamentarische Opposition niederzumachen. Auch wenn das etwas Schäbiges hatte, mochte ich Jan Fleischauer, seitdem ich sein Buch „Unter Linken“ gelesen hatte. Er schrieb einfach gut, und auch wenn er sich oft erkennbar die Handbremse anlegte, waren seine Spalten so ziemlich das Beste, was es an Meinungsjournalimus derzeit im SPIEGEL zu lesen gab. Heute war er allerdings mit einem anderen Thema unterwegs. Die Trennung von seiner ersten Ehefrau hatte Jan Fleischauer zu  einer Art Bekenntnisschrift mit dem Titel „Alles ist besser als noch ein Tag mit dir“ motiviert,  die großes Aufsehen erregt hatte. Bei dem Buch handelte es sich um eine Mischung aus Roman und Dokumentation, angereichert mit der typischen Fleischauerschen Ironie, die die eine oder andere Larmoyanz erträglich machte.  Was immer man über seine Trennung auch sagen mochte, nach seiner eigenen Meinung war der Autor dadurch schlanker und dynamischer geworden. Locker und entspannt saß er dem FAZ Kollegen gegenüber, um seine Trennungsweisheiten zum Besten zu geben. So sei Verliebtsein nach dem Verlassenwerden überhaupt kein Problem, sagte Fleischauer, man brenne sofort lichterloh, wenn nur ein neues Fünkchen Hoffnung am Horizont  erscheine. Bitter aber sei es, wenn man dabei entdecken müsse, dass man für die präsumtive Neupartnerin nur ein sogenannter  „Übergangspartner“ sei und gleich wieder abgeschossen werde. Ja, ja, es gehe hart  zu auf dem Partnermarkt, und wirklich witzig sei es nur im Nachherein, meinte Fleischauer, um am Ende Woody Allen zu zitieren. „Komödie ist Tragödie plus Zeit“.

Gleich nach Fleischauer erschien Sven Regener im Regenmantel auf dem Podium. Der Berliner Kultschriftsteller und Autor der „Herr Lehmann“ Bücher, wurden von einer johlenden Fangemeinde empfangen,  die jeden seiner Kalauer mit 04_20170720_230556Begeisterung beklatschte. Wohl dem Autor, der in einer solchen Heimspielatmosphäre auftreten darf und sicher sein kann, dass jeder Gag  enthusiastisch gefeiert wird. Sven Regener trug eine schwarze Hornbrille und ähnelte mit seinen in die Stirn herabhängenden Haaren und seinen gutmütigen Augen jenen Supermarktkassierinnen, die geduldig warteten, bis man seine Eurocard Nummer eingegeben hatte. Tatsächlich musste er mit seinen Antworten auch lange warten, weil sein Gesprächspartner, der FAZ Redakteur Edo Reets, immerfort  endlos lange Fragen stellte, bei denen jedermann bangte ob es am Ende noch zum korrekten Partizip reichen würde. Am Ende liefen diese Interviewerfragen, die vom Frager gleich mitbeantwortet wurden, auf großes Lob für Regeners Werk heraus,  der darob in ein wohliges Dauerschmunzeln verfiel,  nickte und sagte: Ja, ja, das sähe er auch so.  Konkret drehte sich das Interview um Regeners neues Berlin Buch „Wiener Straße“, in dem nach der Meinung von Edo Reets die „luzide“ Halb- und Kunstwelt Berlins so humorvoll abgebildet würde, dass es denLeser pausenos erfreue. Ja, ja, wiederholte Sven Regener,  das sähe er auch so, was seine Fans  mit kreischendem Lauchen quittierten. Überrascht sah Herrn Regener auf und fragte, „ob er jetzt nicht zu kokett“ rüberkäme. Dann wandte sich das Gespräch dem Verhältnis von Alltag und Kunst zu, wobei sich zeigte, dass der Autor einen sehr „inklusiven Kunstbegriff“ vertrat, den er mit dem Bonmot kennzeichnete: „Fett und Filz, das kann ich auch.“ Etwas enttäuschend verlief die Leseprobe, die von dem Besuch eines Berlin-Novizen im Baumarkt handelte. Nach den Reaktionen der Zuhörer muss sie extrem lustig gewesen sein, mir aber fehlte das lokale Sensorium, um die Scherze und Anspielungen wirklich zu verstehen.

Vielleicht war das überhaupt ein Problem, an dem ich in jedem Buchmessejahr ein wenig ausgeprägter litt. Ich konnte es drehen und wenden wie ich wollte: ich war dabei mich dem literaischen Mainstream zu entfremden. In den ersten Jahren, in denen diese Entfremdung begonnen hatte, hatte ich noch geglaubt, durch emsiges Lesen diese Kluft wieder schließen zu können. Inzwischen war ich skeptisch geworden.  Denn das, was auf der Buchmesse ausgestellt wurde, repräsentierte ja keineswegs das Konzentrat des literarischen Universums sondern für mich einen immer deutlicher zurechtgestylten Ausschnitt der Welt, dazu bestimmt, nach dem Gusto der Literaturhierokraten von der Gemeinde gelesen zu werden. Man konnte noch so sehr in der unübersehbaren Vielfalt der Neuerscheinungen herumstochern, fast immer  traf man auf Vorgefertigtes, bereits Eingepasstes, Erwartbares  und letztlich Stromlinienförmiges. Und wenn nicht, stand die Messeleistung Kopf und hetzte die Meute gegen eventuelle Abweichler.  Vielleicht lag in diesem Umstand eine Erklärung für das eingangs aufgeworfene Problem, dass immer mehr Menschen lieber selber schrieben als lasen.

 

 

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