Genazino Lesung in Meerbusch-Osterrath

Ein weiser Mann mit Hut

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Zu Gast bei einer Genazino-Lesung in Meerbusch-Osterrath am 2.2. 2015

Vor der Buchhandlung Mönter in einer Seitengasse des Kirchplatzes von Osterrath stand ein älterer Herr mit Hut und zögerte, den Laden zu betreten. War das der Dichter, der die Peinlichkeit fürchtete, vor einem leeren Haus lesen zu müssen? Als ich die Buchhandlung betrat, erkannte, ich, dass es tatsächlich Wilhelm Genazino war.

Trotzdem war die Buchhandlung für Möntersche Verhältnisse am Beginn der Lesung um 1900 Uhr hinreichend gefüllt, will sagen, etwa dreißig überwiegend ältere Damen und Herren saßen auf kleine  Stühlen und lauschten dem Dichter, der hinter einem kleinen Tisch saß und eine knappe Stunde aus seinem neuen Buch „Bei Regen im Saal“ vorlas. Er war genauso, wie ich mir nach der Lektüre seiner Werke seine Hauptperson vorgestellt hatte: unprätentiös, sympathisch, zurückhaltend, mit einem dezenten Humor begabt, den er fein dosiert einsetzte.  Ein älterer Herr mit sehr großen wachen Augen hinter einer breiten Brille, ein wenig schütter, ein wenig breit, mit sehr großen Händen.

Wie er einleitend bemerkte, besäßen seine Bücher den Vorteil, dass man ihre Lektüre an jeder beliebigen Stelle beginnen und abbrechen könne. Deswegen begann er gleich im achten Kapitel seines neuesten Buches „Bei Regen im Saal“, in dem  von der Hauptperson und seiner Geliebten Sonja die Rede war, einem liebenswerten Paar, dass seine Alltagsprobleme auf alltägliche Art diskutierte und durchlebte. Im Unterscheid zu vielen anderen  Autoren schien Genazino seine Figuren zu mögen, was die Leser für ihn einnahm, denn es war nicht schwer, sich in der einen oder anderen Zug der Hauptperson und seiner Geliebten wiederzuerkennen. Das Lesen ging ihm nicht allzu leicht von der Hand, doch er machte es gut, hinreichendes Training wurde erkennbar. Die Stimmung im Saal war sofort positiv, weil Genazino es verstand, richtig zu intonieren und während seiner Lesung seine Zuhörer zu Komplizen seines Helden zu machen.

Die angeregte Diskussion im Anschluss an die Lesung überraschte mich insofern, als der Autor im Unterschied zum heiteren, fast gelösten Duktus seines Buches seine Figuren fast tragisch verstanden wissen wollte. Die kleinen Dinge des Alltags, von denen ich angenommen hatte, sie würden durch die Genazinosche Benennung gleichsam gebannt und neutralisiert, so dass ich seine Literatur immer auch als eine Art Trost und Therapie gelesen hatte,  erschienen in seiner Kommentierung als reale Klippen, denen sich seine Protagonisten mit aller Kraft abarbeiten. Er meinte es mit seinen Gestalten also ernster, als ich das bisher aus seinen Büchern erlesen hatte.

Die Einladung zum Wein in der benachbarten Dorfschenke nahm Wilhelm Genazino  gerne an. Er trank zwei Chardonnay und   aß einen Salat, allerdings ließ er den halben  Teller zurückgehen, weil es ihm zu viel war. Vielleicht war ihm auch durch die pure Anzahl der Fragen und Beiträgen der Appetit vergangen, weil er kaum zum Essen kam. Wenn jemand eine Frage aufwarf, bemühte er sich, sehr genau auf diese Frage einzugehen, wobei er dann und wann seinen mächtigen Zeigefinger ausfuhr, um seine Darlegung zu unterstreichen. Während er sprach, blickte er die Gesprächspartner aus seinen großen Augen intensiv an, ließ dann und wann auch den Blick kreisen oder hörte auch  interessiert zu, wenn sich die Debatte verlagerte. Er erzählte unter anderem von seiner Arbeitsmethode, von seinen Erfahrungen in China, wo seine Werke, insbesondere die drei Bände des „Abschaffel“ Werkes  gut aufgenommen und verkauft würden. Im Prozess des Schreibens komme es darauf an, mit einem Roman, und seinen Figuren auf gleicher Ebene zu sein und  sich „gemeinsam mit ihnen zu entwickeln“. Wenn der Roman fertig sei, dann „spüre“ der Autor das, allerdings sei dann die Arbeit noch lange nicht zu Ende, weil eine erneute Lektüre nach einer etwas längeren Pause genau die Unstimmigkeiten des Werke zutage fördere, die man unmittelbar nach der Arbeit noch nicht sehen könne.  Wie zu erfahren war, lebte Wilhelm Genazino in Frankfurt, war geschieden und Vater einer 41jährigen Tochter, die ihn wegen seiner nicht- cyberaffinen Arbeitstechnik als „verschnarchten Großvater“ bezeichnet.

Am Ende gerieten sich die Teilnehmer des Literaturstammtisches   anhand der Auschwitz Thematik in die Haare. Zwei Teilnehmer teilten mit, wie beeindruckt sie  von der massenmedialen Gestaltung des siebzigjährigen Ausschwitz-  Gedenkens gewesen seien und dass sie für sich neue Verständnisnuancen des Unheils  entdeckt hätten. Ein anderer stimmte dem unter  ausdrücklichem Hinweis auf Auschwitz als den „Gründungsmythos der Bundesrepublik“ zu, was mich zu dem Einwand veranlasste, dass ein ausschließlich negativer Grundungsmythos für eine Nation etwas Krankes, Ungesundes sei. Es sei angemessen, sich über die Ungeheuerlichkeiten, die im deutschen Namen begangen worden seien, zu schämen aber das ununterbrochene öffentliche Aufheben,  das auch nach 70 Jahren darüber noch betrieben wurde, sei übertrieben. Daraufhin wurde geantwortet, dass man sich nicht nur „schäme“ sondern „stolz“ darauf sei, dass man sich schäme – in diesem Stolz auf die eingestandene Scham  erkenne man das Positive am Gründungsmythos.  

Genazino hörte sich unsere zum Teil hitzig geführte Debatte sehr aufmerksam an und vermerkte am Ende etwas sehr Interessantes. Das Nachempfinden der Schuld, so Genazino, gehe so weit, dass ich die Zeitgenossen – vor allem, die die sich sehr intensiv mit dieser Schuldthematik befassen – sich  mit der Zeit selbst als Opfer fühlten. Er ließ diese Aussage  im Raum stehen, und ich hatte das Gefühl, dass er sein Augenmerk auf die hysterische Dimension dieses Verhaltes lenken wollte aber zu höflich war, es zu offen zu sagen.

Nach einer Lektüre Empfehlung befragt, kam er auf Botho Strauß „Herkunft“ zu sprechen, das er als einen kleinen literarischen Geniestreich verstanden wissen wollte. Sodann auf Danilo Kisch, dessen Werke jetzt in einem Band wieder aufgelegt worden seien. In einem anderen Zusammenhang empfahl er den Film „Das Appartement“ mit Jack Lemmon und Shirley McLaine als fast prophetische Vorwegnehme von Vermassungsverhältnissen,  wie wir sie heute erleben.

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