Lottmann: Deutsche Einheit

Kein Mensch interessiert sich mehr dafür, was Bukowski im Kühlschrank stehen hat.“, schreibt Joachim Lottmann, stattdessen wartet das Feuilleton schon seit Jahren auf den großen Deutschen-Einheits-Roman und zwar sehnsüchtig. (S.84)  Diese Sentenz ist hintersinniger als man meinen könnte, denn wenn auch Joachim Lottmann mit dem vorliegenden Buch sicher   nicht der große deutsche Einheitsroman gelungen ist, präsentiert er doch das, was ihm von der Deutschen Einheit unter die Augen kommt, im Stil von Charles Bukowski. Es gibt in Lottmanns „historischem Roman aus dem Jahre 1999“ weder eine Handlung, noch ein Problem, noch eine Entwicklung, stattdessen eine schier endlose Aneinanderreihung von Beobachtungen, Aphorismen und galligen Kommentaren, wobei die Ossis besonders schlecht wegkommen. Dafür einige Beispiele: „Die Männer sahen alle wie Manfred Krug aus, die Frauen auch.“(S.89) Oder,  beim Blind-Date mit einer ostdeutschen Frau in mittleren Jahren: “So etwas Häßliches hatte ich noch nie gesehen. Kurze graue Haare, keine Lippen, keine Augenbrauen, keine beschreibungsfähige Kleidung, keine Kopfform, keine Figur, kein Körper.“(S.159).  Diese Frauen, obwohl „alle zellulosekrank“ sind erstaunlicherweise mit „jungen  Kindern gesegnet, das heißt, es musste Männer geben, die pervers genug waren, mit solchen Ungetümen zu schlafen“(184f.)“  Die ostdeutschen Männer sind „Kretins und Rentner auf den ersten Blick, Nazis auf den zweiten. Und immer Leute mit Trainingshosen, dürren Beinchen, Bierbauch, Baseballmütze, Schnurrbart, untätig, leicht besoffen, Zigarette in der Hand, Sandalen an den Füßen, arbeitslos.“(S. 182) So geht das dreihundert Seiten in einem Stück, und alle bekommen ihr Fett weg, der Ossi, der Wessi, der Schwede, der Russe, der Literart, der Prolet, der Kommunist und der Liberale – alles, was der  parasitär vagabundierende Erzähler sieht, wird gegen den Strich gebürstet.  Gegen  den Strich bürsten, das heißt, gegen die „Subventionsliteratur“ von jugendlichen Bonsai-Genies  zu Felde ziehen, die staatlicherseits gefördert, sich  irgendeinen Mist zusammen schreiben, den keine Sau interessiert und den sie sich deswegen in esoterischen Zirkeln vorlesen müssen. Gegen den Strich bürsten, das heißt, die Realität wahrnehmen wie sie ist, schräg, verquollen, verlogen. Dazu ein  weiteres Beispiel: In den Theaterbühnen wird auf die glatzköpfigen Jungnazis geschimpft, die die Ausländer zusammenschlagen. „Die Zuschauer wurden aufgefordert,  einzuschreiten, sich  zu wehren gegen baseballschlägerschwingenenden Nazi-Glatzen. Riesenbeifall. Große Ergriffenheit. Keinem fiel auf, das es das gar nicht gab. Es gab keine Baseballschläger in Berlin. Keiner  hatte je als Fahrgast in einem öffentlichen Verkehrsmittel jemanden gesehen, der einen Baseballschläger in der Hand hielt. Purer Blödsinn.“(114)  Unser ehemaliger rotgrüner Regierungssprecher Karl Uwe Heye wird das anders sehen. Gegen den Strich gebürstet heißt,  Stefan Hermlin einen verdünnten Ernst Jünger nennen und aufzählen, wer zu dessen 90. Geburtstag als Jubilator auflief: Erich Honecker, Leonid Breschnew – und Günter Grass!  Man merkt: Lotmann nennt Ross und Reiter. Wenn Ralf Seligmann mal schnell eine Nummer schiebt, Heiner Müller baggert, Reich Ranicki sehnsüchtig jungen Mädchen hinterher blickt, ist das Reality im Format eins zu eins, so dass man indigniert doch affiziert diesem Klatsch und Tratsch zwar lauscht, die Kollegenverrisse, die auf dieses Buch hernieder prasselten, aber gut verstehen kann. Nicht verstehbar aber ist der Ich Erzähler des Romans, der ebenfalls von den Literatursubventionstöpfen der öffentlichen Hand lebt, benebelt durch die Hauptstadt torkelt, nach hyperschlanken ostdeutschen Frauen giert und versucht, den großen Einheitsroman so zu schreiben, dass  er beschreibt, wie er den Einheitsroman schreibt. Er ist in diesem Roman voller Karikaturen die größte Witzfigur, von dem sich der Autor selbst auf Seite 189 ein wenig billig distanziert: „Daher sage ich hiermit feierlich: Kein Autor hat´s gesprochen, o nein, ein Ich-Erzähler war´s, und von dem distanziert sich der Autor postwendend und mit gebotener Entrüstung.“ Dem kann man wenig hinzufügen, außer: vielen Dank für die partiell gelungene Satire, und das nächste mal bitte mit etwas mehr Ambition und Niveau!