Martenstein: Gefühlte Nähe

Martenstein Gefühlte NäheDas vorliegende Buch „Gefühlte Nähe“, das an Schnitzlers „Reigen“ erinnert, beschreibt das Leben einer Frau („N“) aus 23 Männerperspektiven. Für einen männlichen Leser ist das  gleich in mehrfacher Weise interessant. Zunächst, weil auf diese Weise die Konturen einer modernen weiblichen Biografie sichtbar werden, und zwar die einer selbstbewussten, gut aussehenden Frau, die   das Seelenleben der Männer, die sie lieben verwüstet. Dann aber wir diese älter und unattraktiver wird, so dass sie nun auch ihrerseits  verwüstet wird, bis sie sich am Ende mehr schlecht als recht behauptet.

Auf der anderen Seite ist „Gefühlte Nähe“ auch ein Buch über Männer und ihre Beziehungen zu Frauen, wobei der Autor kein Blatt vor den Mund  nimmt und die ganze Klaviatur des Machotums von der romantischen Verfallenheit bis zur Vergewaltigung mit einbezieht. Möglicherweise ist die Parade der Männergestalten sogar der literarische Hauptertrag des Buches. Sie reicht vom Lehrer, mit dem N schläft, über ihren Dauergeliebten Doubek, der es in seiner Verschlagenheit bis zum Minister bringt, einem alten Promi, dem sie mit einem „hand job“ dient, bis zum Moderator Grün, der sich nach ihr verzehrt und vor Liebe einen  Herztod stirbt.

Obwohl dieses Buch von der Literaturkritik einhellig zerrissen wurde, kann ich es nur uneingeschränkt empfehlen.  In den Geschichten der 23 Liebhaber der unauslotbaren N wird zweierlei deutlich, was man eigentlich schon wusste, aber selten literarisch so evident vorgeführt bekam: die Wahrnehmung einer Person ist immer eine Frage der Perspektive – und: die Freiheit und die Emanzipation hat die Geschlechterverhältnisse keineswegs einfacher gemacht. Denn die Gesetze des Marktes haben auf die Anbahnungsverhältnisse von Partnerschaften übergegriffen, so dass die Liebe nicht mehr nur eine Passion, sondern auch eine Investition ist.  Oder in den Worten eines der männlichen Protagonisten: „Eine Partnerschaft ist die schwierigste Anschaffung überhaupt. Das definiert dich total, als Person, in den Augen der anderen. Du kannst aus Ironie oder Understatement ein billiges Schrottauto fahren. Bei der Partnerwahl geht das nicht.” Aber Vorsicht:  „Wenn sie (die Frauen) also einen Knacks haben, dann kannst du sie nicht heilen. Vergiss es. Zumal sie selber sich immer für normal halten. Sie rufen dich morgens um drei an, um mit dir über irgendeine Laus zu reden, die ihnen über ihr Leberchen gelaufen ist, das finden sie normal. Und Finger weg von den Langzeitsingles. Diese Massen von attraktiven, einsamen Dreißig- und Vierzigjährigen, die da draußen herumrennen, die kannst du alle vergessen.”  Wie wahr denkt man als langjähriger Single, der es gerade noch rechtzeitig in den Hafen der Ehe schaffte.   Nur dass das alles auch für Männer gilt. Und dass auch die Liebe letztlich  keine Lösung ist, denn: „Liebe bedeutet, dass ihre emotionale Beziehung zu einer Person nahezu unabhängig ist vom Verhalten dieser Person. Wenn jemand Sie so richtig mies behandelt, und Sie freuen sich trotzdem, wenn Sie diese Person sehen, dann ist es Liebe. Halten Sie sich davon fern, falls Sie können.”