„Matthias Bormuth: Die Verunglückten. Bachmann, Johnson, Meinhof, Améry“

  So wie Siegmund Freud glaubte, aus dem Studium des Kranken die Regeln der Gesundheit zu erkennen, verfährt auch Matthias Bormuth in seiner Sammelbiografie über die „verunglückten“ Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, Ulrike Meinhof und Jean Améry. Es handelt sich um eine Studie von vier Persönlichkeiten der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit, die in Ihrer Gesamtheit ein Bild der bundesrepublikanischen Mentalitätsgeschichte bieten. Matthias Bormuth,  Autor, Philosoph und Mediziner, versteht es in teilnehmende Einfühlung, aber mit wissenschaftlicher Distanz vier Leben vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen, die allesamt scheiterten, wenngleich in unterschiedlichen Ausmaß. Am wenigsten scheiterte vielleicht Uwe Johnson, der möglicherweise am wenigsten gelesene große Literat der Nachkriegszeit, der sich am Ende in seinen eigenen Eifersuchtsfantasien verfing.  In Jean Améry begegnete Leser der Eitelkeit und Geltungssucht des Künstlers, der sich das Leben nimmt, weil ihm die Gesellschaft die Bewunderung verweigert. Psychologisch angeschlagen waren beide, wenngleich es Johnson und Améry gelang, ihre psychologische Insuffizienz in Kultur zu überführen. Bei Ingeborg Bachmann trifft dies sogar in noch höherem Maße zu. Ihr Leben lässt sich als eine einzige Umwälzanlage von einer Nervenkrise in Poesie begreifen. Ganz anders dagegen Ulrike Meinhof, die intellektuell hoch begabte aber psychologisch schwer gestörte RAF Mörderin, deren Lebensweg sie von der Elbchaussee in den Terrorismus führte. Was über sie abschließend zu sagen ist, hat ihre Tochter Bettina Röhl in ihrem Buch „Die RAf hat euch lieb“ formuliert.

Alle vier Kurzbiografien des vorliegenden Buches sind die großen Gewinne zu lesen. Insgesamt versinnbildlichen sie in unterschiedlicher Plausibilität ein Grunddilemma der politischen Kultur Deutschlands in der Kriegszeit: den erschreckenden Konnex zwischen psychologischer  Bedürftigkeit und extreme Welterlösungsmoral. Aus diesem Spannungsverhältnis konnte wie bei Johnson und Bachmann Kunst entspringen, sie war aber auch die Höhle, aus der wie bei Ulrike Meinhof die Monster der Intoleranz in die Welt kamen. Da lob ich mir den Harlekin Hans Magnus Enzensberger, der die Welt nie ganz ernst nahm und damit der eigenen Autonomie die eigene Freiheit am nächsten kam.