Matusek: Als wir jung und schön waren

Matusek. jpgWohl dem, der in seiner Lebensrückschau auf Heldenzeiten zurückblicken kann. Und wenn es auch nur Heldenzeiten für ihn gewesen sind. Dieses Motto mag über der Erinnerungsliteratur liegen, mit der die einstigen Größen der außerparlamentarischen Opposition der 68er Zeit  ihre Biografien vorgelegt haben.  Matthias Matusek, der allerdings nur ein kleiner Mitläufer im Getriebe der Jugendrevolte  gewesen ist, gibt seinem Rückblick in dem vorliegenden Buch wenigstens die Attitüde einer Erziehungsschrift an seinen Sohn Markus.

Was der kleine Markus da von seinem Vater zu lesen bekommt, ist ein Rückblick auf die Zeit, „in der wir jung und schön waren“ mit dem Schwerpunkt auf die Siebziger Jahre, eine Mischung aus  Lebensrückblick und Reportagefragmenten mit so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie 50Cent, Rüdiger Safranski oder Henri Kissinger, garniert mit zeitreflexiven und kulturkritischen Betrachtungen. Der kleine, gutaussehende  Matthias, so  muss der Sohn lesen, war ein ziemlich unruhiger Docht gewesen, nicht gewalttätig,  aber sprachbegabt, eitel, fantasievoll und abenteuerlustig bis zum Exzess, ein Freund der Mädels und der (leichten) Drogen  – und vor allen Dingen: reisefreudig. Nachdem er in den frühen Siebziger Jahren mit diversen Wohngemeinschaften mehrere Immobilen entweder abgebrannt oder unbewohnbar gemacht hatte, verkrümelte er sich nach Osten, reiste über den Hippie Trail nach Istanbul und Kabul und verbrachte wegen Drogenschmuggels neun Monate in einem indischen Gefängnis im Punjab. Er erlebte all das wie in einer psychologischen Membrane, versehen mit der unerschütterlichen Gewissheit: mir kann schon nichts passieren. Der Leser erkennt: Matusek und Seinesgleichen gehörten einer goldenen Generation an, der man jede Menge Narrenfreiheit zubilligte, der man alles verzieh und die später sogar noch Karriere machte. Von den Drogentoten du Gescheiterten, vom Hippiefriedhof in Kabul und anderen Orten erfährt man jedenfalls nur am Rande.  Tatsächlich passiert dem kleinen Mathias  nichts,  er kehrt heim, beginnt zu studieren, löst sich aus der Szene und macht Karriere.  Der distanzierte, leicht selbstironische Matusek-Sound, die angenehme Glätte und Treffsicherheit seiner Sprache führten ihn auf Korrespondentenposten in der ganzen Welt und schließlich bis an die Spitze des Spiegel-Kulturressorts. Vor diesem Hintergrund entsteht in den  Achtziger und Neunziger Jahren ganze Reihe von Interview und Reflexionen, mit denen Matusek seinen Rückblick auf die wilden Jahre krönt. Nun ist man Zar nicht mehr jung und schön, hat aber wenigstens den Durchblick. All das ist ganz gefällig zu lesen, wenngleich ich meine Zweifel habe, ob das den Markus wirklich alles so brennend interessiert Der Konflikt, der dem späten  Matusek als einem der wenigen selbstständigen und kritischen Journalisten schließlich seine Karriere bei „Spiegel“ und „Welt“ kostete, bleibt ausgespart, was schade ist, denn das hätte mich wirklich interessiert. Denn abwärts ging es mit dem Glückskind Matusek erst, als er sich gegen den linken Mainstream stellte und stellvertretend für alle potenziellen Abweichler exemplarisch geschlachtet wurde. Aber das ist eine andere Geschichte.

Alles in allem habe ich das Buch mit Interesse gelesen. Wirklich fesselnd war es immer da, wo der Autor  aus eigenem Erleben erzählte. Ein wenig belehrend kamen die Reportagen daher, und es will  mir nicht ganz einleuchten, was der Vater seinem Sohn mit seinen zeitreflexiven Passagen sagen will. Möglicherweise will er sagen: Hör auf deinen Bauch, dann verbiegst du dich nicht, was in etwa bedeutet: Mach es ruhig so wie ich, lass die Sau raus, die Zeit wird es schon richten.  Woher Matusek allerdings  den Optimismus nimmt, dass sein Sohn ebenso wie er selbst in seinen glücklichen Jugendjahren im Ernstfall immer wieder  aufgefangen werden wird, ist mir schleierhaft.

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