Messner: Berge versetzen

 „Das Leben besteht in erster Linie darin, uns auszudrücken, unsere Fähigkeiten auszunutzen, unser Menschsein zu erfahren“, schreibt Reinhold Messner im ersten Kapitel des vorliegenden Buches. „Unsere Schöpferkraft auszuschöpfen ist die Möglichkeit schlechthin. Alles, was wir in die Welt hineinlegen – Sinn, Werte, Lebensfreude –, macht uns aus. Die wichtigste menschliche Fähigkeit ist Sinnstiften.”

Das hört sich anspruchsvoll und aristokratisch zugleich an, denn Reinhold Messer will nicht die Welt retten, sondern seine Träume und Vorstellungen als „Grenzgänger“ ausleben. Der Grenzgänger, so wie Messner ihn versteht,  ist ein Individuum, das seine Träume verwirklicht, indem es sich am Rande der Möglichkeiten bewegt, Risiken und Gefahren abwägt und immer darauf achtet, auch zurückzukommen. Die Welt erscheint in dieser Perspektive als Resonanzboden einer sich selbst immer aufs Neue erprobenden  Subjektivität, als Spielplatz der Selbstbewährung und Selbsterkenntnis, die für die die Allgemeinheit nur insofern von Relevanz als sie zeigt, wozu Menschen im Extremfall fähig ist. Reinhold Messner versteht sich als ein Künstler, dessen Kunst sich wie beim Theaterspielen im Vollzug  (etwa dem Besteigen einer Bergwand) aktualisiert.

Alle anderen Begründungen für lebensgefährliche Grenzgänge sind entweder an den  Haaren herbeigezogen oder peinlich  „Bei einem Treffen mit führenden Bergsteigern auf Juval schockiert mich deren Selbstgefälligkeit“ notierte er.  „Die glauben wirklich noch, es sei gut für die Menschheit, wenn sie auf die Achttausender klettern!“

Soweit das Programm des Meisters, der den Leser im weiteren Verlauf des Buches anhand zahlreicher Beispiele inklusive abgedruckter Tagebucheintragungen über die Stationen und Wendepunkte seines  Lebenswegs informiert  – vor über allem über seinen Durchbruch als Bergsteiger, seine „Philosophie des Weglassens“, (das heißt die Abkehr von den Großexpeditionen, die wie „Industriebetriebe“ funktionierten) und die  Unwägbarkeiten des Sponsorings, die die persönliche Glaubwürdigkeit gefährden können.   „Ich stecke mein Geld nicht in wirtschaftliche Unternehmen, ich stecke es in meine Träume, m schreibt Messner. „Ob das meine Burg, mein Bauernhof oder meine Grenzgänge sind. Die Kosten versuche ich dabei so niedrig wie möglich zu halten, den Nutzen messe ich ausschließlich in Lebensqualität. So sehen meine Investitionen aus.”

Am interessantesten liest sich das Buch immer dort, wo Messner seine Erfahrungen mit Partnerschaften und „Leadership“ ausbreitet. Messer ist in seinem Leben mit über 200 Personen unterwegs gewesen, und nicht alle Partner erinnern sich an daran nur mit guten Gefühlen. Für Messner waren seine „Seilschaften“ reine  Zweckgemeinschaften. Gut, wenn dabei Freundschaftsbeziehungen vorlagen, aber vor die Wahl  gestellt, einen sehr guten Freund oder einen leistungsfähigeren Fremden mit auf die Tour zu nehmen, musste der Freund zu Hause bleiben.  Immer wieder kommt Messner in diesem Zusammenhang auf seine Antarktis-Durchquerung mit dem „Seemann“ Arved Fuchs zu sprechen, die im nachherein als das konfliktreiche Drama zweier Alphatiere inszeniert wurde. In Wahrheit, so Messner trocken, konnte Fuchs das hohe Tempo Messners nicht halten, so dass er dem „Seemann“ ein wenig Feuer unter dem Hintern machen musste.

Kein Wunder, dass diese egomanische Haltung zusammen mit seinen fast übermenschlichen Leistungen dem Autor ganze Heerscharen von Feinden und Neidern bescherten. Das ficht den Messner aber nicht an, denn „Kritik kann ich nur von denjenigen akzeptieren, die es mir gleichtun können.“ Und das sind wahrscheinlich sehr wenige, auch wenn sich die meisten über diesen Spruch wieder ärgern werden.

Mir hat die Ehrlichkeit und Klarheit, mit der Messer in dem vorliegenden Buchs seine Motive und Einstelllungen darstellt, imponiert. Messners Sprache ist frei von jeder Überheblichkeit und um Genauigkeit bemüht.  Die Irritation, die von seinen Büchern ausgeht, wurzelt einfach in der Weigerung des Autors, sich kleiner zu machen als er ist.