Mosebach: Die 21

Die Szene war an Prägnanz und Brutalität nicht zu überbieten. 21  Christen wurden im Jahre 2011 in der Nähe der libyschen Stadt Sirte an einen Strand geführt  und vor laufender Kamera enthauptet. In einer Vorrede bezeichnete der Anführer der Mörderbande die Enthauptungen als eine  Abrechnung mit der „Nation des Kreuzes“ für  das Unrecht,  dass die Christen den Muslimen im Laufe der Geschichte angetan  hätten. Wie oft bei inszenierter Propaganda verwandelte sich  das Video jedoch unter der Hand genau in das Gegenteil des Intendierten. Die  Art, wie die selbstgerechten Henker mit ihren Messern hinter den Christen standen und die bewundernswerte Ruhe der 21 Todgeweihten  bezeugte die moralische Überlegenheit der Opfer.  So interpretiert Martin Mosebach in seinem Buch „Die 21“ die schreckliche Szene am Ufer des Mittelmeeres, die zweifellos als eine der Schlüsselszenen des 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird. Diesem Geschehen und dem Versuch, es zu verstehen, ist  das vorliegende Buch verpflichtet.

Bei seinen Recherchereisen durch ganz Ägypten kontaktiert Mosbach ganz  normalen Moslems und Christen, spricht mit geistlichen  Würdenträgern  und den Angehörigen der Opfern und enthüllt dabei die Konturen einer Religion, die mit dem zeitgeistverseuchte Schwundchristentum unserer Breitengrade nur noch den Namen gemein hat. Dieser vollkommen andersartige Stellenwert der Religion ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis des Geschehens. „Wir wollen heute hinter jedem Konflikt zwischen den Religionen vor allem politische und wirtschaftliche Motive vermuten, weil wir es für ausgeschlossen halten, dass der Glaube eines Menschen tatsächlich zur letzten und höchsten Wirklichkeit seines Lebens wird. Für die einundzwanzig koptischen Kleinbauern und Wanderarbeiter ist ihre Religion das aber gewesen.” Und an anderer Stelle heißt es: „Naturwissenschaftliche und philosophische Wahrheit erschöpft sich in der Schlüssigkeit ihrer Argumentation – der Wahrheitsbeweis der Christen dagegen besteht in der Bereitschaft, für diese Wahrheit zu sterben.”

Das lenkt den Blick auf das in Europa weitgehend unbekannte koptische Christentum. Als Kopten bezeichnet man die christliche Bevölkerung Ägyptens, die im  siebten Jahrhundert von den arabischen Eroberern unterworfen wurde. Seitdem waren und sind die Kopten einer ununterbrochenen Unterdrückung und Malträtierung durch die muslimische Mehrheitsbevölkerung ausgesetzt, die sich bis in unsere Tage in Pogromen, Morden und Brandstiftungen ausdrückt. Gerade der Sturz Mubaraks im Zuge des sogenannten „arabischen Frühlings“ erbrachte eine enorme Intensivierung des muslimischen Christenhasses, der inzwischen nur noch durch die Gewaltherrschaft des Diktators Al Sisi im Zaun gehalten wird.  Umso erstaunlicher, dass sich heute entgegen der offiziellen Statistik noch immer etwa ein Viertel der Ägypter zur koptischen Religion bekennen

Mosebachs Recherchen über das konkrete Leben der Märtyrer von Sirte aber bleiben merkwürdig unergiebig.  „Ich habe mich der Stimmung in den Häusern der Märtyrerfamilien überlassen, ich war unfähig, sie durch bohrende Fragen zu stören. Was konnte bei neugierigem Nachfragen schon herauskommen?“ notiert er ein wenig resigniert, um anschließend festzustellen: „Die neue Gegenwart der Geköpften als Heilige und Wundertäter war den Familien wichtiger als die Vergangenheit.” Erstaunt bemerkt der Autor, wie vollständig die  Individualität der Märtyrer hinter den kollektiven Märtyrerstereotypen der koptischen Religion verschwindet. Im Rückblick erscheinen sie unisono als tadellose, bescheidene und freundliche Menschen, die ihre gemeinsamen Abende in Libyen nur mit Gebeten verbracht und anschließend freudig das Martyrium auf sich genommen hatten.   Verblüffend ist auch,  wie unbefangen bei Mosebachs Besuchen in den Opferfamilien das schreckliche Video vorgeführt und kommentiert wird. Geradezu befremdlich wirkt die Schnelligkeit, mit der das Geschehen vom Aberglauben überwuchert wurde. So soll  eine Mutter des Märtyrers durch die Erscheinung ihres toten Sohnes von einem Schlaganfall geheilt worden sein. Ein Kind, das in El Or aus dem Fenster fiel, überlebte, und eine Nachbarin, die die Kleidung eines Verstorbenen anlegte, wurde endlich schwanger. Fast hat man das Gefühl, als begriffen die Familien das Martyrium ihrer Angehörigen als einen Glücksfall, der ihnen plötzlich und unerwartet einen „König“  in der Familie bescherte – ganz abgesehen davon, dass der ägyptische Staat ihnen auf Kosten des Steuerzahlers nagelneue Häuser schenkte.  Für den westlichen  Leser riecht das  förmlich nach Gewinnlertum, was Mosebach aber entscheiden bestreitet. Die befremdlichen Formen der postumen Märtyrerverehrung sind für Mosebach nichts  weiter als die  gelebte Wirklichkeit einer intakten Religion. Aus seiner Sicht besteht das Problem nicht in den befremdlichen Verhaltensweisen der Orientalen, sondern in dem Unvermögen der Okzidentalen, diese Verhaltensweisen überhaupt noch zu verstehen. Westliche Betrachter, die die Darstellungsformen des koptischen Märtyrertums als „kitschig“ beurteilen, unterliegen einem Missverständnis des Verhältnisses von Ästhetik und Religion. Wir sind zu sehr gewöhnt, von der angenehmen Machart eines Bildes oder Szene auf die Wahrhaftigkeit der Aussage zu schließen und genießen geradezu die Subjektivität des Künstlers, die dabei zutage tritt. Aber kein großes Heiligenbild à la Rafael oder El Greco wurde für die einfache Bevölkerung  je zum Gnadenbild – ganz anders als die Stereotypen und kindisch  anmutenden Heiligendarstellungen, über deren ästhetische Qualität der moderne Mensch die Nase rümpft, ohne ihre spirituelle Wirksamkeit zu begreifen. Die Anonymität, Kollektivität und  ästhetische Anspruchslosigkeit ist für Mosebach geradezu ein Indiz für die Authentizität religiöser Kunst, ganz gleich ob sie sich in Ikonen, Gemälden oder Plastiken zeigt.

Erst nach und nach wird  im Verlauf des Buches die unmittelbare Vorgeschichte der Morde herausgearbeitet. Mit  Ausnahme eines schwarzafrikanischen Wanderarbeiters aus Ghana oder dem Senegal stammten die Märtyrer aus der oberägyptischen Ortschaft El Or.  Sie besaßen einen libyschen Arbeitskontakt, der zehn Monate Arbeit und zwei Monate Urlaub vorsah. Sie lebten spartanisch eng beieinander und sparten ihren Lohn, um ihn zu ihren Familien nach Ägypten zu schicken. Als Libyen im Zuge des  arabischen Frühlings langsam zusammenbrach und die Ausschreitungen gegen Christen zunahmen, blieben sie trotzdem im Land und warteten ab, was geschehen würde. Als die Islamisten kamen und sie beim Namen riefen, gaben sie  sich ohne großen Widerstand zu erkennen. Das  koptische Kreuz, das sich die Kopten traditionell auf ihre Hände tätowieren lassen, hätte sie ohne hin verraten.  Diese koptischen Tätowierungen sind keine  aufgezwungenen Stigmatisierungen wie etwa die Judensterne zu verstehen, sondern als freiwillig zur Schau getragene religiöse Bekenntnisse. In diesem Zusammenhang erwähnt Mosebach den merkwürdigen Umstand, dass sich manchmal sogar Moslems diese Kreuze auf die Füße tätowieren lassen, um sich gegen Skorpionstiche zu schützen.

Am Ende: ein ehemals sehr guter Freund, dessen Belesenheit sich vorwiegend auf Mainstream-Literatur beschränkt, hat mir gegenüber einmal Mosebach als „Schnarchhahn“ und „konservativen Nervtöter“ bezeichnet. Ihm und seinesgleichen sei dieses Buch uns ein Angebot zur Horizonterweiterung ans Herz gelegt.