Nachkrisenzeit. Ein Blick auf die nächste Generation

Gros NachkrisenzeitDas vorliegende Buch verfolgt ein anspruchsvolles Anliegen: es versucht die große Finanz-und Wirtschaftskrise des Jahres 2008/09, ihre Entstehung und ihre Folgen so zu erklären, dass ihre Hintergründe auch von interessierten Laien verstanden werden können, ohne deswegen ein Ökonomiestudium absolvieren zu müssen.
Als didaktischen Ausgangspunkt ihrer Darstellung wählen die Autoren den isländischen Staatsbankrott und fragen nach den Lehren, die sich daraus für die Weltwirtschaft ergeben. Alles begann in der Sichtweise der Autoren mit einer extremen Geldmengenüberversorgung in den USA, Japan und Europa, die dazu führte, dass die Zinsen ins Bodenlose sanken (Japan 0,5 %) ohne dass attraktive Anlagemöglichkeiten zur Verfügung standen. In Island aber waren die Zinsen hoch (etwa 10 % und mehr), so dass es nur noch einiger Hedgefonds bedurfte, die Milliarden hochzinssuchender Anlagegelder nach Island zu lenken. Der massenhafte Zustrom von Auslandsgeld ließ den Wert der isländischen Krone explodieren, so dass die Isländer plötzlich reich wurden und auf der Basis verzerrter Devisenparitäten mit ihren normalen Einkommen entweder in London und Kopenhagen auf Shoppingtouren gehen oder Waren aus aller Welt importieren konnten. Den Bankern blieb natürlich nicht verborgen, dass sie die hohen Zinsen, die für die ausländischen Kapitalanlagen zu zahlen waren, niemals erwirtschaften konnten – anstatt aber die Zinsen zu senken und das Ende der Party anzukündigen, gaben sie gewaltige Anleihen aus, die im Ausland aufgrund des scheinbar einwandfreien skandinavischen A-Ratings weg gingen wie warme Semmeln. Außerdem überwiesen 150.000 Niederländer, 300.000 Briten und jede Menge Sparer aus anderen Ländern ihre Guthaben auf sogenannte „Icesave-Konten“ isländischer Banken, die einen deutlich höheren Zins boten als die kontinentaleuropäische Konkurrenz. An Warnungen über die sich summierenden Disparitäten ( Der negative Leistungsbilanzsaldo stieg auf 25 % des BIP, der Wert der Kapitalimporte betrug das Neunfache des isländischen BIP ) hat es nicht gefehlt, doch weder die isländische Zentralbank noch die Regierung griffen ein. Als dann der Zinsendienst stockte, brach das System wie ein Kartenhaus zusammen. Die isländische Börsenkapitalisierung, die sich in der Boomzeit vervierfacht hatte, ging auf 5% des Vorkrisenwertes zurück, die isländische Krone rauschte in den Keller, und der Schuldendienst brach zusammen. Arbeitslosigkeit, Selbstmorde, Insolvenzen, Auswanderungen und politische Krawalle waren die Folgen – das Land wird an diesem Crash noch Generationen zu tragen haben, und die EU wird sich hüten, Island in die Eurogemeinschaft aufzunehmen.
Soweit die ersten beiden Kapitel, die das Zusammenspiel ökonomischer Fehlentwicklungen an einem überschaubaren Beispiel verdeutlichen. Was aber bedeuten die isländischen Erfahrungen für die Welt? Warum zum Beispiel geraten die USA, der in absoluten Zahlen größte Schuldner der Welt, nicht auch in eine Zahlungskrise? Weil das chronische Zahlungsbilanzdefizit der USA durch all jene Länder finanziert wird, die ihre Devisenreserven in Dollars halten! Chinas Devisenreserven betragen über 2000 Milliarden Dollar, erwirtschaftet durch den Export in die USA. Würde China diese Dollarreserven auf einmal liquidieren, käme es zu einer weltweiten Dollarkrise, allerdings wäre damit auch der Export der chinesischen Waren nach China Geschichte. So hält China still und finanziert weiter seinen eigenen Export und das amerikanische Zahlungsbilanzdefizit und wird immer reicher. Für die USA gibt es aus dieser Klemme übrigens nur einen Ausweg: Inflation. In Zusammenarbeit mit der US-Notenbank hat Präsident Obama schon damit begonnen, im Rahmen seiner keynesianistischen Schuldenpolitik die Geldmenge hemmungslos auszuweiten, was langfristig zu einer Inflationierung des Dollars und zu einer Enteignung der Gläubiger führen wird.
Wie aber steht es mit der amerikanischen Immobilienkrise? Sie führte im Kern zu einer Enteignung der mitteleuropäischen, namentlich der deutschen Sparer bzw. Steuerzahler, deren Wert inzwischen den Wert der Marshallplanhilfe nach dem zweiten Weltkrieg übersteigt. Im Baltikum, namentlich in Lettland, entwickelte sich eine andere Krisenvariante. Die in Fremdwährung überschuldeten Bauherren gaben, gestützt auf lettisches Recht, bei Wertverfall ihrer Objekte, einfach die Häuser an die Banken zurück, zogen aus und waren aus dem Schneider (Eine solche Radikalentschuldung auf Bankkosten ist als „no recourse-System“ auch in den USA möglich). Die lettischen Banken dagegen, fast alle ausländischem Besitz(!), blieben auf den immer wertloseren Objekten sitzen. Dass in diesem Zusammenhang Österreich nicht in eine islandähnliche Krise geriet, ist nur der Finanzkraft des Euro zu verdanken, gegen den die Spekulanten und Hedgefons sich (noch) nicht anzuspekulieren getrauten. (Dass übrigens die Deutsche Bank so relativ glimpflich aus der weltweiten Finanzkrise herauskam, lag nicht nur am Genie von Josef Ackermann, sondern an der vorsorglichen Kreditausfallversicherung bei der amerikanischen AIG, die von den US-Regierung gottlob mit Einschuss von fast 100 Milliarden Dollar vor der Pleite gerettet wurde.)
So ist das Buch voller hochinteressanter Querverweise, die am Ende allesamt in einer Haupteinsicht konvergieren: das Eis, auf dem die Weltwirtschaft sich bewegt, knirscht noch immer noch bedenklich. Manche Länder wie Deutschland, riskieren einzubrechen, auch mit den USA wird es wahrscheinlich abwärts gehen, andere Mächte wie China sehen einer vielversprechende Zukunft entgegen. Wie schnell allerdings aktuelle Entwicklungen alle Voraussagfen umwerfen können, zeigt die griechische Überschuldungskrise, die schon lange schwelte und gerade bei der Drucklegung des Buches in voller Brisanz ausbrach. Der von den Autoren so hochgeschätzte Euro steht plötzlich am Rande des Abgrunds, und es ist überhaupt nicht sicher, ob die europäische Gemeinschaftswährung das nächste Jahrzehnt überleben wird. Die fundamentale Schwäche des Euroraumes aufgrund der fehlenden Haushaltsdisziplin der Mitgliedsstaaten überhaupt nicht im Fokus zu haben, ist die Hauptschwäche dieses Buches.
Auch eine Reihe von Prognosen erscheinen sehr gewagt, zum Teil unverständlich. Dass Polen Deutschland in wenigen Jahren überholen wird, war zwar beim Erscheinen des Buches eine Pressemeldung wert, wird aber nicht wirklich plausibel begründet. Dass Afrika eine Boomregion der Zukunft sein wird, möchte man dem geplagten Kontinent durchaus wünschen, nachvollziehbar dargestellt wird das nicht. Mitunter liest man auch kuriose Prophezeiungen. So wird allen Ernstes eine Gender-Studie aus Schweden zitiert, nach der durch konsequente Gleichberechtigung das BIP der westlichen Welt um weitere 45 % gesteigert werden kann. Zweifellos ein weiteres Argument dafür, dass Männer öfter die Spülmaschine ausräumen sollten.
Aber all das sind nur Kleinigkeiten innerhalb eines hochinformativen Werkes, dessen Lektüre jedem uneingeschränkt empfohlen werden kann, der sich für die Umbrüche, die Chancen und die Gefährdungen der Weltwirtschaft interessiert. Ein absoluter Lesegewinn für Wirtschaftseinsteiger und Wirtschaftsfortgeschrittene gleichermaßen.

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