Nicht Scholochow sondern Krasnuschkin: Der stille Don

Der Roman „Der stille Don“ ist vielleicht  der gewaltigste Roman des 20. Jahrhunderts.  Er schildert das Schicksal des Kosaken Grigori Melechow, der in dem Gebiet der heutigen Ukraine am Don aufwächst, sich in eine tragische Liebesgeschichte mit der unsteten Axinja vertändelt, ehe es ihn in den Weltkrieg und anschließend in den  russischen Bürgerkrieg verschlägt. Das Buch beschreibt in einer  nachher nicht mehr erreichten Wucht und Anschaulichkeit nicht nur die Lebenswelt des Donkosakentums, sondern auch das verbissene  Ringen von Kommunisten, Weißgardisten und Separatisten auf dem „wilden Feld“ rund um die Kosakenmetropole Rostow am Don. Es enthält Szenen, die ich nie vergessen werde, etwa die Attacke der Kosaken-Kavallerie auf eine österreichische Stellung in Galizien, den Stopp der Truppen General Kornilows im August 1917, bevor er nach Petersburg durchstoßen kann oder die Hinrichtungsszenen bei denen mal die Roten, mal die Weißen schießen und mal die Roten, mal die Weißen in die Grube fallen. Alle Charakter, auch der der Hauptfigur, sind gebrochen, es gibt kein Schwarz und kein Weiß und am Ende nur der endlose Kampf aller gegen alle, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Fast ebenso spannend wie der vorliegende Roman ist die Geschichte seiner Entstehung und seiner Autorenschaft.  Das Manuskript stammt nach neuesten Forschungen von dem kosakischen Weißgardist Krasnuschkin, den die Kommunisten im Jahre 1920 im Rahmen einer ihrer zahlreichen Massenerschießungen umbrachten. Dabei fiel ihnen wahrscheinlich  Krasnuschkins  Manuskript in die Hände, ein kostbare Beute, mit dem die kommunistischen Sieger des Bürgerkrieges zu wuchern wussten.   Spezialisten des Geheimdienstes  schrieben  ein „passendes“ systemkonformes Ende des Romans, und verkauften der Welt als Autor den völlig unbegabten Systemskribenten Michaeli Scholochow, der sich Zeit seines Lebens damit hervortat, seine Kollegen in der UdSSR zu denunzieren.   Jedem Leser wird der Absturz des Werkes  im letzten Teil auffallen, als Melechow wie eine Spielzeugpuppe plötzlich nach den Regeln der Parteilinie funktioniert und allem abschwört, wofür er vorher jahrelang gekämpft hatte. Dieser Bruch ist so stupide, als würde man einen Stanley Kubrick-Film mit einer Folge der „Rosenheim Cops“ beenden.

Wahrscheinlich war ein ganzes Autorenkollektiv im Auftrag des Geheimdiensts an der Vollendung und Vermarktung  des Werkes beteiligt. Man wollte, nachdem Boris Pasternak 1958 den Nobelpreis  für Doktor Schiwago erhalten hatte, unbedingt einen linientreuen Autor in Stockholm auf dem Siegertreppchen sehen. Als Scholochow  1965 nach zäherer Propagandaarbeit dann endlich trotz aller Zweifel den Literaturnobelpreis für den „stillen Don“ erhielt, wunderten sich die Kenner nicht, dass  der vermeintlich so geniale Autor weder die Motive noch die Figuren seines Romans richtig kannte. Gottlob haben die  Fälscher den Roman über 80 % seiner Länge so gelassen, wie Krasnuschkin ihn geschrieben hat. Den letzten Teil, in dem Grigori Melechow  plötzlich erkennt , was der Kommunismus für eine prima Sache ist, kann man getrost verfeuern. Ehre dem Autor, einem tolstoigleichen Genie, das irgendwo in der russischen Erde verscharrt wurde.

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