Peukert: Familienformen im sozialen Wandel

Die wirklichen Revolutionen vollziehen sich unbemerkt. Der Zusammenbruch der modernen Gesellschaft hat längst stattgefunden, und noch immer gibt es Menschen, die überhaupt nichts davon merken. Die Rede ist vom Zusammenbruch der modernen Familie, vom Einbruch der Reproduktionsrate von 5 auf 1,4 innerhalb von nur einhundert Jahren, von einer  sukzessiven image1Metamorphose der  Normalfamilie ( Ein Mann, eine Frau und Kinder ) als sozialer Regel  (1900: 2/3 aller Haushalte ) zur Rarität ( 2000: ¼ aller haushalte ). Im Chaos der modernen Gesellschaft blühen stattdessen die Ein-Elternfamilie, die nichteheliche Lebensgemeinschaft, das kinderlose Paar, die Homoehe, die Wohngemeinschaft, „living apart together“ und was immer auch für Blüten die Auswüchse der modernen Gesellschaftsentwicklung noch hervorbringen mag. Fehlt nur noch Geschwisterehe, die in den Niederlanden schon erlaubt ist und die Polygamie, die unter den Migranten  in den französischen Vorstädten blüht.

Es gehört zu den Vorzügen des vorliegenden Buches, dass fast alle Variationen des modernen Zusammenlebens und Auseinandergehens bis ins Einzelne nachgezeichnet und durchinterpretiert werden. Auch an Zahlen und Erklärungen besteht kein Mangel: jeder Geschiedene kann nachlesen, welcher der Dutzend Gründe des Auseinandergehens auf ihn zugetroffen hat, jede allein erziehende Mutter erfährt, zwischen welchen Mühlsteinen ihre Existenz zermahlen wird.  Wie gesagt: alles interessant – aber  unbefriedigend! Denn die Brisanz, die hinter dieser säkularen Entwicklung steckt, scheint hinter alle den Theorien, Zahlen und Typologien fast zu verschwinden. Ob Absicht oder mangelnde Phantasie: Das Buch ist wie ein vorab ausgestellter Totenschein, der das Koma des Patienten sehr detailliert beschreibt und keinerlei Hoffnung macht. Das gereicht ihm zur Ehre, macht die Lektüre aber keineswegs zu einem Vergnügen. image1

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