Prinz: Beruf Philosophin oder: Die Liebe zur Welt. Die Lebensgeschichte der Hannah Arendt

Hannah Arendt ist schwer in Mode. Jedermann nimmt sie in Beschlag, Rechte, Linke, Liberale, Konservative oder Libertäre berufen sich auf die deutsch-jüdische Philosophin. Grund genug, sich einmal intensiver mit ihrem Leben zu beschäftigen. Die vorliegende Biografie von Alois Prinz bietet dazu einen ganz ausgezeichneten Einstieg.

Hannah Arendts wurde im Jahre 1906 als Tochter des Unternehmers Paul Arendt und seiner Frau Marta Cohn geboren.  Ihre Vorfahren waren russische Juden, die im 19. Jhdt. nach Ostpreußen einwanderten und in der Umgebung von Königsberg heimisch wurden. Die junge Hannah wächst in Königsberg in gut situierten Verhältnissen auf, bis im Jahre  1911 ihr Vater Paul an den Spätfolgen einer Syphilis verstarb.  20 % der jungen Männer litten um die Jahrhundertwende an Syphilis, sie war die Geißel der damaligen Jugend, die ihre Rechnung oft erst Jahre nach der Infektion präsentierte.  Nach dem Tod des Gatten heiratete die Mutter den Berliner Unternehmer Max Bärwald, der als Witwer zwei ältere Töchter mit in  die ehe bringt.

Philosoph mit Frau und Kindern: Martin Heidegger

Die junge Hannah ist ungemein belesen und geistig lebendig allerdings auch launisch und widerspenstig. Wegen Unverschämtheiten gegenüber einem Lehrer wird sie von der Schule verwiesen und kann das  Abitur nur als Externe ablegen, was ihr aber bravourös gelingt. Früh tritt sie in den  philosophischen Gesprächskreis des etwas älteren Kommilitonen F. Grundlach ein, mit dem sie eine erste Liebesbeziehung verbindet. Grundlach ist es auch, der ihr zur Philosophie rät und ihr wegen Matin Heidegger die Universität Marburg empfiehlt. Der junge, aber bereits verheiratete Heidegger, der „Zauberer von Meßkirch“ fasziniert die junge Studentin, so dass es nicht lange dauert, bis sie mit ihrem Lehrer ein leidenschaftliches Verhältnis beginnt.  Nach einem Semester ist sie Heideggers Person und Werk mit Haut und Haar verfallen, versucht aber trotzdem sich zu befreien, indem sie Marburg verlässt und nach  Heidelberg geht.  Hier lehrten einige der namhaftesten deutschen Wissenschaftler, etwa der Soziologe Alfred Weber, der Archäologe Ludwig Curtius, der Germanist Friedrich Gundolf und nicht zuletzt Karl Jaspers. Das geistige und politische Leben Heidelbergs war breit gefächert: es gab den berühmten Gesprächskreis von Marianne Weber, der Witwe des verstorbenen Max Weber, an dem die geistige Creme de la Creme teilnahm- und am anderen Ende des Spektrums sprachen Goebbels und Hitler vor Tausenden Zuhörern.  Eine kurze Liaison Hanna Arendts mit Benno von Wiese  scheiterte daran, dass der schüchterne Wiese nicht in der Lage war, Hanna von ihrer Liebe zu Heidegger zu kurieren.

Karl Jaspers

Das Studium bei Karl Jaspers wird Hannah Arendts zweite geistige Prägung, vor allem, was die Offenheit der Kommunikation und die Rückhaltlosigkeit des Denkens betrifft. Damals entstehen ihre ersten Gedanken zur „Zwischenwelt“, die bei den Liebenden auf Dauer nicht verloren gehen darf, weil sonst die reine Weltlosigkeit  der Verliebtheit  die Liebe verbrennt und  „nichts mehr bleibt.“   1927/28 verfasste sie ihre Promotion über den „Liebesbegriff bei Augustin“, für die ihr Jaspers aber nur die drittbeste Note gibt. Über Kurt Blumenfeld kam sie in Kontakt mit dem Zionismus. Der Idee, Juden einen eigenen Nationalismus zu implementieren, kann sie nichts abgewinnen. Daran wird sich auch im weiteren Verlauf ihres Lebens nichts ändern, auch wenn ihre eigenen Positionen zu dieser Frage sich als untragbar erweisen sollten.

1929 heiratete sie Günther Stern, den Sohn eines Psychologen William Stern.  Günther Stern versuchte damals sich in Frankfurt zu habilitierten, scheiterte aber  u.a. am Gutachten des Privatdozenten T.W. Adorno, der selbst gerade erst mit Ach und Krach habilitiert worden war. In dieser Zeit lebt das Ehepaar von Günther Sterns Zeitungshonoraren. Als Journalist ändert Günter Stern seinen Namen in Günter Anders.  Unter diesem Namen wird er später als Autor des Buches „Die Antiquiertheit des Menschen“ bekannt.

Während die Wirtschaftskrise Millionen ins Elend stürzt, arbeitet H. A. an ihrem Buch über die Jüdin Rachel Varnhagen, eine junge Frau in den Berliner Salons des frühen 19. Jahrhunderts.  Anhand der Biografie von Rahel Varnhagen entwickelt Hannah  Arendts anhand des Begriffspaares von Parvenue und Paria ein vertieftes Verständnis der Integrationsprobleme der  Juden in europäische Gesellschaften.   Der Paria ist der Mensch, der sein Ausgestoßensein anerkennt und trägt, der Parvenue ist der der identitätslose Anpasser. Außerdem lernt Hannah Arendt von  Rahel Varnhagen, dass  „die reine Innerlichkeit, die darauf pocht, ›seine Welt in sich zu tragen‹, zugrunde gehen muss.  Wenn sie leben will, muss sie lernen, sich geltend zu machen, sich zur Schau zu stellen und ein Mensch unter Menschen werden.

Inzwischen hatten die  Nazis die Macht übernommen, ohne das die meisten Juden realisierten, was das für sie langfristig bedeuten sollte. Zur politischen tritt die private Krise, denn das Ehepaar Arendt-Anders lebt sich auseinander.  Günter Anders verlässt Berlin und geht nach Paris, während sich seine Frau im zionistischen Widerstand engagiert. Die deprimierende und lebensprägende Erfahrung dieser Jahre wird der Verrat der Intellektuellen, die scharenweise dem Nationalsozialismus zulaufen, nicht zuletzt auch Heidegger, der sich mit seiner Rektoratsrede gewaltig vergaloppiert.

Hannah Arendt und Heinrich Blücher

Nach einer kurzzeitigen Verhaftung flieht H. A. über Tschechen  nach Paris, wo zeitweise wieder mit Günter Anders zusammenlebt, ehe der 1936 in die USA emigriert. Obwohl die Flüchtlinge aus  Deutschland  keineswegs  willkommen sind, gefällt ihr Paris sehr  gut »In Paris«, so schreibt sie später, »fühlt sich der Fremde heimisch, weil man diese Stadt bewohnen kann wie sonst nur die eigenen vier Wände.« Sie sammelt eine Gruppe von Leuten um sich, zu der unter anderem auch Walter Benjamin und der Rechtsanwalt Erich Cohn-Bendit (den Vater des „roten Dany“) gehören.  Später stößt der ehemalige Kommunist Heinrich Blücher dazu, der nach einigen Irrungen und Wirrungen ihr zweiter Ehemann wird. Bei ihm findet sie mit „Geborgenheit“ und die Möglichkeit zur Bewahrung der eigenen Identität, die beiden gleichberechtigten Komponenten, ohne die nach H. As. Meinung eine Partnerschaft  nicht gelingen kann. Als Mitarbeiterin einer französischen Zionistenorganisation reist sie nach Palästina ausbildet und wird in ihrer Ablehnung eines eignen Judenstaates in Palästina bestärkt.  In Deutschland werden derweil die antisemitischen Exzesse immer unerträglicher. Der weltberühmte  Jaspers wird als Gatte einer Halbjüdin in der zwangsweisen Ruhestand versetzt. Beide halten jederzeit Gift  für den Fall bereit, dass sie verhaftet werden sollten.

Sofort nach dem Beginn des zweiten  Weltkrieges werden die männlichen, kuzr darauf auch die weiblichen Emigranten in lagern interniert. Bei diesen Internierungen und im Zuge eines vergeblichen Fluchtversuches kommt Walter Benjamin zu Tode.  Kurz nachdem H.- A. Heinrich Blücher geheiratet hat, wird sie im  Lager von Gurs am Fuß der Pyrenäen interniert.  Als die Deutschen Paris besetzen und ihr Vormarsch nach Süden droht, gelingt es  Hannah Arendt zusammen mit zweihundert Frauen aus Gurs zu fliehen. Nun rollte eine große Flüchtlingswelle von Verzweifelten, unter ihnen neben H. A. auch Anna Seghers und Arthur Koestler  nach Marseille, wo es Ausreise-Visas in die USA gibt. Mit ihren zionistischen  Verbindungen nach Amerika und über ihren ersten Ehemann Günter Anders gelingt es H. A. Visas für die USA zu erhalten. Sie reisen im Zug durch Spanien und Portugal und bestiegen 1941 das Schiff nach Amerik

In den USA werden die Immigranten ins kalte Wasser geworfen, denn es wird  erwartet, dass sie schleunigst die Sprache lernen und sich selbst versorgen. Hier geht es Heinrich Büchern etwas faul an, während Hannahs Mutter, die nachgekommen ist, den Haushalt des jungen Paares führt. besorgt. Schnell wird H. A.  Mitarbeitern der deutschsprachigen Emigrantenzeitung „Aufbruch“, auf deren Foren ein heftiger Streit über die Frage der Gründung eines eigenen Staates Israel tobt.

Derweil kommen immer schrecklichere Nachrichten über das Schicksal der Juden aus Europa. H. A. ist über den sich entfaltenden Epochenbruch erschüttert und beginnt mit ersten Notizen zum Wesen der totalen Herrschaft. Ein Erklärungsansatz, der ihr lange im Kopf herumgeht, kreist um den Typus des Spießers, den sie etwas eigenwillig definiert. Was den  »Spießer«- kennzeichnet, ist seine totale Gleichgültigkeit gegenüber der Frage, wie eine lebenswerte Welt überdauern soll. Dieser Gedanke ist es übrigens wert, tiefer durchdacht zu werden, denn sieht man sich die Gleichgültigkeit der sogenannten „gebildeten Stände“ unserer Gegenwart im Hinblick etwa auf die Zukunft der westlichen Zivilisation an, scheint unsere Gegenwart aus lauter Spießern zu bestehen.

Noch immer leben Hannah Arendt und Heinrich Blücher  in prekären Lebensverhältnissen.  Zwei Jahre lang arbeitet H. A. als Lektorin des Schocken Verlages an der Herausgabe der Kafka Tagebücher. Familiärer Unfrieden zwischen dem Ehemann Heinrich und der Mutter Martha Bärwald trüben die häuslichen Frieden. Schließlich entschließt sich die Mutter nach London zu ihrer Tochter zu ziehen und stirbt unterwegs an einem Asthmaanfall.

1949 reist H. A.  als Mitarbeiterin des „Jewish Reconstruction Comittees“ das erste Mal wieder nach Deutschland du trifft Karl Jaspers und den inzwischen verfemten Heidegger samt seiner durch und durch antisemitischen Frau-.  Insgesamt ist H. A. entsetzt über die Nachkriegsdeutschen die sich „ein Deutschland ohne Hitler“ wünschen.

1951 erscheint ihr endlich ihr Totalitarismusbuch und findet weltweiten Widerhall. „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wird innerhalb kurzer Zeit zu einem Klassiker der Politikwissenschaft. Noch im gleichen Jahr wird sie eingebürgert, im nächsten Jahr folgt Heinrich Blücher, dem es endlich auch gelungen ist, eine Lehranstellung zu erhalten. Beide sind enttäuscht, als 1952 nicht Adlai Steenson sondern General Eisenhower US Präsident wird.  Noch beunruhigter sind sie über den McCarthysmus, weil die allgemeine Kommunistenhatz totalitäre Züge aufweist.

1953, auf ihrer zweiten Europareise wird H. A. bereit wie ein Star empfangen. Sie trifft Camus, den sie für die bedeutendste Persönlichkeit  Frankreichs hält und legt wenig Wert darauf, Sartre zu begegnen.  Bei ihrem Aufenthalt in England beschreibt sie die Engländer als das „zivilisierte, aber langweiligste Volk der Welt“. In Deutschland kommt es zu einem zweiten Treffen mit Heidegger, das wegen der eifersüchtigen Ehefrau misslingt.

Der Ruhm wächst, doch die Schroffheit ihrer Umgangsformen bleibt, was selbst Wohlmeinende aufregt.  Der Herausgeber der Partisan Review, William Phillips, rief einmal  entnervt aus: »Für wen hält sie sich eigentlich? Für Aristoteles?“  Schroff nimmt H. A. bei der Frage nach der Rassenintegration einen radikal libertären Standpunkt ein. Auch gut gemeinte Vorschriften zur Zwangsintegration von weiß und schwarz sind ihrer Ansicht nach „tyrannisch“ , denn es gehört zu den Naturrechten des Menschen gesellschaftliche Unterscheidungen  zu treffen. Die hypertrophe Zwangsegalität unserer Tage fände in H. A. keine Apologetin, denn für Hannah Arendt ist das Wesen der Gesellschaft Ungleichheit. Freiheit kann es nur in der Politik geben.  Hannah Arendts Freund Randall Jarrell portraitierte in seinem Schlüsselroman „Pictures from an Institution“  H. A. mitunter eisiges Auftreten “Wenn sie dich anschaute, einige Augenblicke lang, mit einem klaren Blick, der zu genügen schien, und dann hinter dich schaute, dann hattest du das Gefühl, auf ihren Augenlidern gewogen und für zu leicht befunden worden zu sein. Sie urteilte nach Maßstäben, die du nur schwer erraten konntest, und sie behielt ihre Urteile für sich oder gab sie leichter Hand preis, so als ob sie mit dir überhaupt nichts zu tun hätten. Das tut aber ihrem wachsendem Ruhm keinen Abbruch.  Als Karl Jaspers Buch nach seinem Buch über die „Zukunft der Menschheit und die Atombombe“ den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhält, hält Hannah Arendt die Laudatio.

Diese aus heutiger Sicht befremdliche Sichtweise entstammt ihrem zweiten Hauptwerk „Vita activa“, das im Jahre 1958 erscheint.  Sie sendet Heidegger ein Exemplar ihres Buches, allerdings ist Heidegger verärgert, weil dieses Buch nicht ihm gewidmet  war. Verdient hätte er es möglicherweise, denn der Arendt´sche Begriff des Handelns, der der vita activa zugrunde liegt, ist  ein anderer Ausdruck für den Vorlauf in die Eigentlichkeit – zwar nicht in den Tod wie bei Heidegger, sondern in die  Öffentlichkeit, und vom Anfang her gedacht.

Nach dem Eichmann nach Israel entführt worden war, fragt H. A. beim „New Yorker“ an, ob sie über den Prozess berichten soll und erhält eine Zusage samt voller Kostenübernahme. Im April 61 reist sie nach Jerusalem und trifft dort viele Deutsche, die, wie Hannah meint, unter »schwerster Israelitis« leiden. Ein Journalist fällt Hannah um den Hals, weil er es nicht fassen kann, welche Schuld die Deutschen auf sich geladen hätten. »Wie im Theater«, komentierte sie, »zum Kotzen«.

1962 wird H. A. in einen Verkehrsunfall verwickelt „Die Liste der Verletzungen ist lang“, notiert der Biograf. „Neun Rippen und das linke Handgelenk gebrochen, Blutergüsse, Gehirnerschütterung, Prellungen, abgebrochene Zähne, tiefe Wunden am Kopf, die mit dreißig Stichen genäht werden müssen, und eine Schädigung des Herzmuskels infolge des Schocks.“  Natürlich verzankt sie sich im Krankenhaus mit der resoluten Oberschwester, weil die die edle Hannah immer nur „Honey“ nennt.

Im Jahr 1963 erscheint ihre fünfteilige Eichmann-Serie im New Yorker. Eine ungeheure Aufregung ist die Folge.  Es werden Kampagnen gestartet, mit denen die Veröffentlichung des Buches verhindert werden soll. Vor allem an der vermeintlichen „Banalität des Bösen“ und an den Judenräten und ihrer Rolle als Gehilfen der nationalsozialistischen Mordmaschine entzündet sich der Streit. Auf den Vorwurf, iohr jüdisches Volk nicht zu lieben,  antwortet sie: „Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv ›geliebt‹, weder das deutsche noch das französische, noch das amerikanische, noch etwa die Arbeiterklasse oder was es sonst so noch gibt. Ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig.« In Deutschland empört sich Golo Mann in der ZEIT  über Hannas abfällige Bemerkungen über den deutschen Widerstand.

Gegenüber dem Aufsehen, das das Eichmannbuch erzeugt, tritt ihr nächsten großes Werk „Über die Revolution“ fast etwas zurück.  In diesem Buch fragt H. A. nach den Bedingungen des Niedergang der neuzeitlichen Politik.    War in der antiken Polis der politische Bereich ein von der Privatheit abgegrenztes  „Überschussphänomen“, so stellten die radikalen Jakobiner in der französischen Revolution  die Verhältnisse auf den Kopf, indem sie die  private Not zum Thema der Politik erklärten. Robespierre  machte aus der Politik als dem „Reich der Freiheit“ einen Reparaturbetrieb gesellschaftlicher Not, der niemals zum Abschluss kommt, zur Hypertrophie neigt und in Despotie endet.

Das Jahr 1966 steht im Zeichen des Aufruhrs. Es erhebt sich der Studentenprozess gegen den Krieg in Vietnam, mit dem H. A. nur anfänglich  sympathisiert, ehe sie öffentlich die Unbildung, den Ideologismus und der Borniertheit der radikalen Studenten ablehnt. Sie zieht um, weil New York immer krimineller wird.   Immerhin steuert sie einen Beitrag zur Heidegger Festschrift zu dessen 80. Geburtstag bei. Dann, noch im gleichen Jahr 1970 verstirbt Henrich Blücher, Hannah Arendts große Liebe,  an einem Herzinfarkt.

In den frühen siebziger Jahren erscheint „Wahrheit und Lüge in der Politik“ und wird allgemein gefeiert. H. A. nimmt viele Einladungen im ganzen Land an und kränkelt an Erschöpfungszuständen und  Angina pectoris. Doch sie raucht aber weiter wie ein Schlot. 1971 erhält sie endlich über die „Lex Arendt“ rückwirkend eine deutsche Hochschullehrerpension, weil die Nazis ihre Habilitation verhindert  hatten. Nun ist sie endlich  finanziell abgesichert.

Sie besucht erneut die Heideggers, diesmal aber alleine und notiert nicht ohne einen gewissen Neid: „Heidegger führt ein sehr beschauliches Leben. Er hat seinen immergleichen Rhythmus: Zu den festgesetzten Zeiten sitzt er in seinem Arbeitszimmer und am späten Nachmittag macht er seine Spaziergänge, oft zum »Jägerhäusle«, einem Berggasthof mit Blick auf Freiburg, wo er ein Glas Wein trinkt.“

Die Arbeit an Vita contemplativa „Das Leben des Geistes“ beginnt. Das Buch besteht aus drei Teilen: Denken, Wollen und Urteilen. Hannah Arendt fragt:  Was tun wir eigentlich, wenn wir denken? Antwort: wir halten ein inneres Zwiegespräch, und dieses Zwiegespräch ist der Kern dessen, was wir „Gewissen“ nennen. Das Böse entsteht, wenn dieses Zwiegespräch nicht existiert, d. h. wenn Gedankenlosigkeit entsteht.  Gedankenlosigkeit ist daher der Ursprung des Bösen.

Ende der 1960er  und Anfang der 1970er Jahre sterben immer mehr  bekannte Gesichter (unter anderem Karl Jaspers) , was er Autorin zu schaffen macht.   Sie notiert: „Als ob Altwerden  nicht, wie Goethe sagte, das stufenweise Zurücktreten aus der Erscheinung‹ bedeutet – wogegen ich nichts habe -, sondern die stufenweise (sehr plötzliche) Transformation einer Welt mit vertrauten Gesichtern (egal, ob Freund oder Feind) in eine Art Wüste, die von fremden Gesichtern bevölkert ist. Mit anderen Worten, nicht ich bin es, die sich zurückzieht, sondern die Welt ist es, die sich auflöst.«

Im April 1974, als sie bei den  Clifford Lectures in Aberdeen/Schottland den zweiten Teil ihres Buches  „Vom Leben des Geistes“ (Das Wollen) vortragen will, erleidet sie ihren ersten  Herzinfarkt.  Nach ihrer Genesung setzt sie die Tabletten ab und raucht weiter.  Auch arbeitsmäßig hält sie sich nicht zurück. Sie sucht wieder den Kontakt zu Heidegger, „ denn sie war mit ihm noch nicht fertig“

In Boston hält sie eine aufsehenerregende Rede über die Krise der Politik in den USA. Sie verlebte einen wunderbaren 1975er Sommer am Lago Maggiore. Sie verlebt noch einen Sommer am Lago Maggiore, besucht noch einmal Heidegger und ist entsetzt, wie alt er geworden ist. Dann  kehrt sie im Oktober 1975 nach Amerika zurück, um am dritten Teil ihres Buches „Das Leben des Geistes“ (Kapitel Urteilen) zu arbeiten. Am 4. Dezember, als sie nach einem Essen mit Freunden in ihrer Wohnung den Kaffee servieren will, erleidet sie einen Herzinfarkt und stirbt.

Soweit in etwa die Darstellung in der vorliegenden Biografie von Alois Prinz.  Die Sprache ist erfreulich unprätentiös, ohne seicht zu sein. Die Werkzusammenfassungen, die gleichsam  nebenbei  gegeben werden, sind in ihrer Kürze ungewöhnlich informativ und prägnant. Das Buch ist von der Sympathie des Autors für sein Thema durchzogen, ohne affirmativ zu wirken. Alles in allem eine ausgezeichnete Einführung in Leben und Werk einer Denkerin, die aktueller ist denn je. Wobei, das ist allerdings von mir, sich die Aktualität H. A.s weniger aus der Richtigkeit ihrer Aussagen ergibt sondern eher aus dem Geist ihres Werkes. H. A. wirkt mit ihrer  Betonung der Freiheit und  der Autonomie des Einzelnen, mit ihrer Ablehnung aller konformistischen Vereinnahmungstendenzen  wie ein Vademecum gegen die Knechtung des Menschen in der Massengesellschaft.