Renatus Lütticken: Das Goldene Notizbuch

Lessing - Das goldene NBotizbuchGleich zu Beginn trifft mich der Schlag: Die beiden Frauen reden miteinander, wie es eigentlich erst in den 80iger Jahren möglich geworden ist. Mit Marxismus, beendeter Psychotherapie und kritischer Einstellung zu beidem, Erfahrung in den Kolonien und in London, Erfahrung als Mutter und Erfahrung mehrerer Beziehungen ist der Horizont besonders der Protagonistin Anna so weit, wie er damals nur sein konnte. Gnadenlos werden Haltungen der Mitmenschen und erst recht  eigene durchleuchtet. …. sagte Anne zu sich: Warum habe ich immer dieses schreckliche Bedürfnis, andere Leute dazu zu bringen, die Dinge so zu sehen, wie ich sie sehe? Das ist wirklich kindisch. Worauf es hinausläuft, ist, dass ich Angst habe, mit dem, was ich fühle, allein zu sein. Dazu befähigen sie die beendete Therapie, ihre Sensibilität als Schriftstellerin und, ihrer kolonialen Heimat entwurzelt, die Brüche im eigenen Leben. Gar nicht mal im Widerspruch zu dieser Introspektion, bleibt das Zeitgeschehen im Blick: Das Ende des Kolonialismus, die Mc Carthy Aera in den USA, der Ungarnaufstand, die Entwicklung der Sowjet Union und der kommunistischen Parteien Westeuropas, das (englische) Klassensystem, das Mann-Frau-Rollenverhalten. Das Buch möchte das Bild einer Epoche zeichnen, und geht zusätzlich der Frage nach: Was bleibt, wenn alle falsch gewordenen Muster, wenn alle Illusionen über sich und die Welt entfallen. Annas radikale Ehrlichkeit, der Wegfall aller Strukturen (Partei, Kind, Beziehung, Beruf) treibt sie in den psychischen Zusammenbruch.
Ein unglaublich komplexes, bohrendes, ehrliches Buch!

Das alles in einer Ernsthaftigkeit, die sich stilistisch als Absage an Stil und an Literatur als L’Art pour L’Art äußert. Keine „eigene Sprache“, kein Singsang, keine Atmosphäre, nur Drang zu immer größerer Sachlichkeit. Es soll kein „reales Ereignis“ in ein „Literaturereignis“ transponiert werden. …….Warum schreibe ich nie einfach das auf, was passiert? … Es liegt auf der Hand- meine Manie, alles in Fiktion umzuwandeln, ist einfach ein Mittel, etwas vor mir zu verbergen.  Stil wäre hier die sehr direkte, knappe Art, die Dinge zu fassen. Es gibt hier kein Umschreiben und Ringen, sondern nur Gelingen, wobei dieses Gelingen auch hinterfragt wird: Das liegt daran, dass ich beständig versuche, die Wahrheit zu schreiben, und dann erkenne, dass das, was ich geschrieben habe, nicht wahr ist. Die Kritik am eben Geschriebenen parallelisiert das Wegfegen der Illusionen. Getrieben von Intention, geht es Zeile für Zeile zügig voran. Das hat dann doch, auch in abgehakten Sätzen, Kraft und Eleganz: Ich möchte das alles hinter mir haben, Schluss mit den Männer-contra-Frauen-Geschichten, Schluss mit den Klagen, den Vorwürfen, der ganzen Verräterei. Selbstverständlich ist die Sprache einer so drängenden und selbstkritischen Suche frei von allen abgestandenen Floskeln. Jede Formulierung ist original.

Ernsthaftigkeit heißt also, es gibt ein Anliegen. Aber welches? Zunächst einige Nebenthemen:

Kolonialismus: Obwohl eine lange Episode in Rhodesien während des 2. Weltkriegs spielt, enthält diese nur wenig Hinweise auf koloniale Zustände. Hier wird eher das Wochenendtreiben einer Gruppe junger Weißer beschrieben, und da diese Beschreibung so wenig bohrend, analytisch ist, wird sie schließlich als sehr nostalgisch klassifiziert (siehe Zitate unten).

Kommunismus: Im Vorwort sagt Lessing, dass der Kommunismus Gesellschaft und Kultur belebt habe, auch in ihm nicht nahestehenden Sphären. Weiter ist/war er die einzige Hoffnung für eine bessere Welt. Das macht, auch im Golden Notebook, den Intellektuellen die Abwendung vom Kommunismus so schwer. „Obwohl ich sehr bereit bin, zu glauben, dass er (Stalin) ein Verrückter und ein Mörder ist, höre ich es gern, wenn in diesem natürlichen, freundlichen, respektvollen Ton über ihn geredet wird. Es mag paradox klingen, aber wenn dieser Ton abgelegt würde, würde etwas sehr Wichtiges mit über Bord gehen, der Glaube nämlich an die Möglichkeiten der Demokratie, der Anständigkeit. Ein Traum wäre tot – zumindest für unsere Zeit.“  Das Ringen der westlichen Intellektuellen (A.Gide, Sartre usw.) wird hier nachvollziehbar in den Schilderungen der Apparat-Verlogenheit der KP einerseits, und dem Bewusstsein andererseits, dass es außerhalb der KP kein ernsthaft moralisch-politisches Leben gibt. Bei Manes Sperber heißt es: „Die Revolution verlässt man nur durch eine einzige Tür: Sie führt ins Nichts.“
Man mag sagen, dass diese Thematik heute nicht mehr relevant ist. – Jein. Die unbedingte Ernsthaftigkeit und die Komplexität der Analyse fehlen heute, und (leider mit gutem Grund) auch die Hoffnung. Während das Golden Notebook im Grundtenor engagiert klingt (trotz aller Desillusionierung), ist ein heutiges Buch , etwa „Rot“ von U.Timm mit ähnlich vielspektrisch reflektierenden Personen, dann eher verhalten traurig gestimmt.

Psychoanalyse: Die Therapieerfahrung von Anna wird mit etwas humoristischer Distanz geschildert, Anna gibt den Rat der Therapeutin skeptisch wieder, wenn er sich auch in der Handlung  bewahrheitet. Eher als Psychoanalyse im Speziellen ist das durch sie mit ermöglichte Ausmaß an Selbstreflexion durchgängig präsent. Wie Anna (auch Molly und Tommy) reflektieren, welche Gefühle sie an sich konstatieren, wie oft jemand beschämt ist, etwas in sich vorzufinden, mit dieser umfassenden Selbst- und Fremdwahrnehmung ist das Buch noch heute, oder vielleicht erst heute, aktuell.

Lifestyle: Anna und Molly repräsentieren eine Intellektuellenwelt: Kunst-Moral-Politik. Böse ist Business. Der Roman zeigt recht brutal, dass „ein richtiges Leben im Falschen (Adorno)“ nicht zu finden ist. Molly lässt sich opportunistisch von Männern aushalten, die sie verachtet. Anna treibt in den Zusammenbruch. Am Schlimmsten trifft es Mollys Sohn. Wie sein Vater Richard treffend bemerkt, verbauen Annas und Mollys Wertmaßstäbe Tommy jegliches Engagement. Dass ihm so kein realistischer Lebensentwurf möglich ist, dass auch Anna und Molly nicht ihren Standards  gerecht werden, wirft Tommy ihnen verbal und schließlich mit aggressiver Selbstzerstörung vor. Anna selbst bewahrt ihre Tochter vor einem solchen Schicksal, und fördert, dass diese sich normal (also unterhalb der moralisch-intellektuellen Standards der Mutter) integriert.

Kunst: .. Kunst ist irrelevant, weil die Welt so chaotisch ist. Es ist auch ein Buch über Möglichkeit und Sinn von Literatur. Beispiele: Es ist ein unmoralischer Roman, weil diese schreckliche, verlogene Nostalgie jeden Satz erhellt. ..

Das Schwierige an dieser Geschichte ist, dass sie im Sinne einer Analyse der Gesetze geschrieben ist, die zur Auflösung der Beziehung zwischen Paul und Ella geführt haben. …. Literatur ist Analyse nach dem Ereignis.

Schließlich mag man die fraktionierte Form des Romans selbst als Statement über Literatur (und die Welt) auffassen.

Amerika: Man könnte eine Studie über die Amerikaner schreiben, wie sie hier, von Anna belustigt gemustert, dargestellt werden. Eine gesündere, scheinbar naivere Sorte Mensch, in eigenen Wert- und vor allem Leistungskategorien gefangen, aber eben frei von den engeren europäischen Gesellschaftsschubladen. Besonders die von Mc Carthy vertriebenen US-Linken bieten sich als Außenstehende der zugewanderten, und zusätzlich durch ihr Denken exilierten Anna als Partner an.

Feminismus: Unter diesem Aspekt kam das Golden Notebook 15-20 Jahre nach seinem Erscheinen in Mode. „Ungebundene Frauen“, so eine blöde Formulierung wäre heute gar nicht mehr nötig, aber damals war eine unverheiratete Frau ein „Fräulein“ und somit nicht ganz ernst zu nehmen…. Lessing sagt im Vorwort, wie ich finde zu Recht, dass der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben und das Geschlechterverhältnis zwar ein Thema des Buches seien, aber dass sie nicht ein feministisches Buch habe schreiben wollen. Mehr Feminismus als: alle Menschen, also auch Frauen, wollen selbstbestimmt nach ihren Fähigkeiten leben, mehr als die damit einhergehende Kritik an der Unterdrückung von Frauen bei der damaligen Rollenaufteilung in der Ehe, – mehr an Feminismus ist nicht drin. So wird in schlichter Selbstverständlichkeit an mehreren Stellen apodiktisch festgestellt: Jede Frau möchte heiraten, also als quasi biologisches Faktum. Das ist nicht mit allen Spielarten des Feminismus konform. Anna und Molly bemerken durchaus, wie der Anspruch auf Selbstbestimmtheit mit dem Beziehungswunsch kollidiert. „Sie definieren uns immer noch im Hinblick auf Männerbeziehungen…“   „Wir tun es doch auch, oder etwa nicht?… Ich gebe zu, es ist furchtbar schwer, es nicht zu tun.. …. dass wir ein völlig neuer Frauentyp sind.“ Das wird ironisch im Zweifel gelassen: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne.“

Ob das Notebook wie intendiert seine Zeit erfasst, oder doch nur einen recht speziellen Gesellschaftsausschnitt, mag erwogen werden. Die meisten der enthaltenen Themen haben sich wohl überlebt, weshalb ich niemandem die Lektüre dieses Buches aufdrängen würde. Mich selbst hat das Buch in einer bestimmten Situation sehr angesprochen. Der treibende, engagierte Grundtenor erzeugte bei mir einen Lesesog. Mich interessierte die Suche nach einem guten Zusammenleben in der Beziehung. Darauf läuft das Buch im zentralen Kapitel hinaus, welches mit „Goldenes Notizbuch“ überschrieben ist.

Seltsamerweise werfen sich Männer und Frauen gegenseitig Egoismus vor. Im Buch ist der Vorwurf an die Männer, dass es ihnen nur um ihr Selbstbild gehe, die Frau sei nur Element in ihrer Karriereplanung, Fähnchen auf der Landkarte der Eroberungen, Beischmuck am Helm des Ritters. Der Mann ist mit der Ausstattung seiner „Rüstung“ beschäftigt, die Frau dabei Mittel und nicht Bezug.  Männer verstehen diesen Egoismusvorwurf nicht. Sie sehen sich als mit (wichtigen) Sachen beschäftigt. Gegenüber solcher Sachausrichtung erscheint ihnen im Gegenteil die Forderung der Frau, sich mit ihr zu befassen, als weiblicher Egoismus. Statt den Fokus auf die wichtigen großen Themen zu legen, möchte das Weib sich selbst in den Fokus bringen.
Lessings Schreibweise erinnert mich an die Parabeln Brechts: Es werden Fälle durchgespielt, um Möglichkeiten zu erkunden. Und da man an einer Frau allein nicht genügend Beziehungsgeschichten, Beziehungsverläufe, durchspielen kann, wird eine Story in der Story eingeführt, in welcher Anna die ihr ähnliche Ella erfindet und weitere  Beziehungen durchleben lässt. Das Thema kulminiert im mit „Golden Notebook“ überschriebenen Kapitel, der Annas Zusammenbruch schildert. Sie hat einen exilierten Amerikaner in ihrer Wohnung, und sie ist in einem Zustand, in welchem sie nur noch zwei Töne an diesem Partner wahrnimmt. Ist er nicht zugewandt, redet von irgendetwas, dann hört sie nur ein kaltes „ich, ich, ich“. Der Mann, den Anna braucht um auftauen zu können, muss kein Held sein, sondern einer schlichten Formel entsprechen: Warm and responsible.

In „responsible“ ist, wie auch im Deutschen, wunderbarerweise das Antworten enthalten. Mir wurde deutlich, dass der Egoist, wie der bloß mit seinem (Spiegel-)bild befasste Narzist, zu allererst sich selbst verpasst. Wie das Liebesgebot Jesu verspricht die Formel „warm and responsible“ Befreiung aus der Gefangenschaft der narzistischen Rüstung.

 

Irritiert hat mich, dass es zwei Schlüsse des Buches gibt. Im goldenen Notizbuch endet es wie im Vorwort angekündigt mit dem Entschluss, das Buch zu schreiben. Die letzte angehängte Passage der Rahmenerzählung gibt eine andere Version der Zusammenbruchsphase. Wenn auch beide Teile etwas erzählen, kann ich mir auf ihr Verhältnis keinen Reim machen.