Ross: Johannes Paul II

Ross Johannes Paul IIUnter den grossen Maennern unserer Zeit“, schreibt Timothy Garton Ash „ist Papst Johannes Paul II der Groesste“. Ganz gleich, wie man zu diesem Urteil stehen mag, dass Johannes Paul II einer der massgeblichsten Gestalten der juengeren Weltgeschichte ist, duerfte unstrittig sein.
Das vorliegende Buch bietet ein Portrait dieses „Jahrhundertpapstes“ – allerdings weniger als Biographie denn als ist eine thematisch fokussierte Gesamtbetrachtung. Trotzdem ist es fuer „Einsteiger“ geeignet, weil es ueber die Schilderung des Papstlebens hinaus zahlreiche zeitgeschichtliche, gesellschaftliche und theologische Bezuege herstellt und erklaert.
Unter den Lebensdaten werden nur die wichgsten erwaehnt: Geburt im Jahre 1920 als Karol Woytila in der Naehe der alten polnischen Koenigsstadt Krakau, Verlust von Mutter und Bruder schon im Alter von 9 und 12 Jahren (der Vater stirbt, als Karol 21 Jahre alt ist ), Erlebnis des 2. Weltkrieges und all seiner Greuel, seit 1942 Entschluss zur Priesterausbildung, dann im Nachkriegskatholizismus a3ein atemraubender Aufstieg: 1958 Weihbsichof von Krakau, 1963 Erzbischof von Krakau, 1967 Kardinal, 1978 Papst ( und man koennte hinzufuegen; in absehbarer Zeit womoeglich die Heiligsprechung).
Aber das Besondere an Karol Woytila besteht natuerlich nicht in dieser Blitzkarriere sondern in seiner entscheidenden Rolle beim nie erwarteten Sturz des osteuropaeischen Kommunismus. Ohne die erste Polenreise des Papstes nach Czechostowa 1979 keine unabhaengige Gewerkschaftsbewegung Solidarnosz, ohne die Solidarnocz keine erstarkende Dissidentenbewegung im ganzen sowjetischen Block, ohne diese kein Gorbatschow, ohne diesen kein unblutiger Zusammenbruch des Kommunismus- so dekliniert Ross nicht ohne Berechtigung die geschichtliche Wirksamkeit des polnischen Papstes. Ruestzeug dieser Wirksamkeit war eine klare Positon fuer die christliche Freiheit und eine Absage an all die verlogenen Kompromisse der Entspannungspolitik, die doch nur dazu dienen sollte, die osteuropaeischen Diktaturen zu stabilieren.
Soweit so bekannt. Es gehoert zu den Vorzuegen des vorliegenden Buches, dass der Autor nach diesem welthistorischen Triumph auch die grosse Niederlage des Papstes deutlich herausarbeitet: seinen vergeblichen Kampf gegen den laissez-faire-Liberalismus der westlichen Massendemokratien. Denn dieser Papst war nicht nur Antikommunist sondern auch Antilberaler. In der Perspektive des Papstes sind Kommunismus und Lieralismus antagonistische Zwillingsbrueder, der eine verkuendet die falschen Wahrheiten, der andere ueberhaupt keine, der eine missachtet den Menschen, der andere macht ihn zum Mass aller Dinge (vgl. S. 148f.). Der Mensch aber ist nicht das Mass aller Dinge, sondern er bedarf des Masses, um sich selbst in der Wuerde seiner Peson zu entfalten. Es muss gegenueber Kommunismus und Liberalismus eine „Zone der Unverfuegbarkeit“ gegben, in die weder Staat noch Gesellschaft eingreifen duerfen. Diese Zone der Unverfugbarkeit ist das menschliche Leben und seine Bestimmung, woraus sich der knallharte Kampf der Papstkirche gegen die Empfaegnisverhuetung, aber auch gegen die Todesstafe erklaert.
Letztlich aber sind ihm die Massen in seinem antiliberalen Kmapf nicht gefolgt, sogar sein geliebtes Polen scheint vom Liberalismus ergriffen zu werden, ganz zu schweigen von den gott-losen Gesellschaften des Westens, die im Sumpf der Beliebigkeit zu versinken drohen.
So ist Papst Johannes Paul II, der die Kirche in das dritte Jahrtausend fuehrte, am Ende eine tragische Gestalt geworden. Wie in einem Brennspiegel buendelt seine Kritik zwar die Schwachpunkte seiner Epoche, doch seinem Erfolg im Osten steht Unverstaendnis und Ablehnung im Westen gegenueber. Auch in vielen anderen Bereichen bleibt die Bilanz zwiespaeltig: seine oekumensichen Bemuehungen um die Orthodoxie sind fehlgschlagen, seine offene Verachtung des zeitgeistangepassten Protestantismus hat ihm viel Kritik eingetragen, seine Diplomatie im Irakkrieg war ein Desaster, seine forcierte Marienverehrung rueckte ihn in die Naehe des Obskurantrismus.
Aber noch im Scheitern, so Ross, besitzt dieser Papst Groesse, denn „man mueestte schon vollkommen vernagelt sein, wenn man an die Papstkritik am Liberalismus in Bausch und Bogen verwerfen wuerde.“ Vielleicht traegt er in seiner entschiednen und nur scheinbar antimodernen Positionierung sogar dazu bei, die Bedrohung des Menschen durch den Libealismus in ihrer Breite und Brisanz erst richtuig zu erkennen.
All diese Aspekte werden von Ross in einer geschliffenen Sprache fuer den Leser gut nachvollzuehbar entfaltet. Dabei ist die Sympathie des Autors fuer seinen Gengstand unverkennbar. Der Papst imponiert Ross sogar an den Punkten, in denen er ihm – wie etwa in der rigoriosen Ablehnung der Befreiungstheologie oder der Frage der innerkirchlichen Reformen – nicht folgen mag. Er imponiert ihm auf jeden Fall viel mehr als all die sogenannten „kritischen Theologen“ a la Kueng, die seiner Ansicht nach nur als „Zeitgeistschwalben“ nur dem antikirchlichen Mainstream folgen.
Mir imponiert dieser Papst auch, mir imponiert auch dieses Buch, allerdings geht es mir wie vielen Liberalen, die die Kritik an den radikalen Exzessen der eigenen Gesellschaft wohl anerkennen, auf sich selbst aber als vermeintlich verantwortungsvollem Gesellschaftsmitglied aber nicht angewendet werden wissen wollen. Spricht das nun gegen den Papst oder gegen die Blauaeugigkeit des Liberalen?

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