Seewald: Benedikt XVI

Ich habe eine Schwäche für die katholische Kirche, nicht wegen ihrer Inhalte und Riten, die ich kurios finde, sondern für ihre geschichtliche Gestalt, für ihre Kraft, dem Zeitgeist zu widerstehen und an ihrer Lehre festzuhalten. Sie kommt mir vor wie eine Handbremse, die das Gefährt der Welt davor bewahrt, aus der Kurve zu fliegen, wie ein Gebäude im Sturm, dessen Inneneinrichtung nicht jedem gefallen mag, das aber immer noch besser ist als die absolute Unbehaustheit. Vor diesem Hintergrund habe ich nicht nur Karol Woytila, sondern auch Joseph Ratzinger immer bewundert. Die monumentale Biografie von Peter Seewald gab mir Gelegenheit, meine Wertschätzung mit einigen detaillierteren Kenntnissen anzureichern.

Um es gleich vorweg zu sagen: es handelt sich um eine Biografie, die im Geiste der Bewunderung und Zuneigung geschrieben ist. So etwas macht SPIEGEL Leser meiner Generation immer misstrauisch, denn sie sind es gewohnt, sich einer Person „kritisch“ zu nähern, was immer das auch heißen mag. Diese Kritik ist Joseph Ratzinger zuteil geworden wie wenigen Gestalten seiner Zeit. Peter Seewald versteht sich deswegen eher als ein „Richtigsteller“, der geduldig die Hintergründe erklärt und daran glaubt, dass seine Leser rationalen Darstellungen auch im Detail zugänglich sind.  Als Gesamtpersönlichkeit begreift der Autor Joseph Ratzinger in Analogie zu Josef Knecht, den Protagonisten von Hesses „Glasperlenspiel“. So wie Knecht bewegte auch Ratzinger der „Wille zum Dienst“ in einer großen Kulturgemeinschaft. So wie Knecht musste er sich einer Welt im Wandel stellen, um sie vor der Barbarei zu retten. So wie Knecht scheitert er, aber auf eine bewegendere Weise.

Ratzinger öffentliches Leben begann mit dem Studium der Theologie in Freising, wo er die  üblichen Etappen der Priesterausbildung absolvierte. Die niederen Weihen empfing er am 8. und 9. Mai 1948 im Dom von  Freising, am 29. Juni 1951 erhielt er durch Kardinal Faulhaber die Priesterweihe. Ratzinger promovierte mit einer preisgekrönten Arbeit unter Anleitung seines Mentors Gottlieb Söhngen. Seine 700 Seiten-Habilitation wäre beinahe am Hahnenkampf seines Mentors Gottlieb Söhngen mit dem Theologen und Kirchenhistoriker Michael Schmaus gescheitert. Erst nach einer von Schmaus verlangten Umarbeitung war es soweit. Nach seiner Habilitation in Freising war Ratzinger mit 31 Jahren der jüngste Theologieprofessor der Welt.

Kardinal Frings

Kurz nach seiner Berufung auf den theologischen Lehrstuhl in Bonn  wurde der junge Ratzinger im Zusammenhang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum maßgeblichen Berater von Kardinal Frings.  Das Zweite Vatikanische Konzil erbrachte eine leicht modernistische Wendung, eine muttersprachliche Öffnung der Gottesdienste, eine Veränderung der Liturgie, eine Aufwertung der Kollegialität und ein vages Versprechen, sich weiteren Reformen zu öffnen. Viel wichtiger als diese „Ergebnisse“ aber war das, was von den Modernisierern nachträglich als „Geist des Konzils“ beschworen wurde und was der junge Ratzinger schnell als einen weit über das Ziel hinausschießenden Angriff auf den Kernbestand der Kirche erkennt.

Da sich in Bonn der Fakultätshimmel durch den Einfluss des Theologen Johann Baptist Metz, verdunkelt, stimmte Ratzinger einem Ruf nach Münster zu. Dort traf  er auf den jungen Hans Küng, den „zweiten Jungstar am Himmel der katholischen Theologie“, der geradezu zum Antipoden Ratzingers werden sollte. Das macht sich sogar an Äußerlichkeiten fest: Küng fuhr mit seinem im Alfa Romeo zur Uni, während Ratzinger mit seinem Fahrrad angeradelt kam.

In der  zweiten Hälfte der Sechziger Jahre entfaltete sich die sogenannte „nachkonziliare Krise“, in der grundlegende Glaubensüberzeugungen wie die Existenz des Teufels oder die Jungfrauengeburt auf den progressiv dauererhitzten Prüfstand kamen. Dass Hinz und Kunz gleichsam aus dem hohlen Bauch diese Grundfragen der Lehre diskutieren wollten, war dem jungen Ratzinger ein Ärgernis.  Für ihn war der Gegensatz von „konservativ“ nicht „progressiv“ (=beliebig, sich dem Zeitgeist öffnend), sondern „missionarisch“ d.h. mit einem höheren Grad von Bekenntnis und Verpflichtung in einer zunehmend heidnischen Welt verbunden. Demgegenüber hielten die Progressiven alte Traditionen wie den Rosenkranz und Zölibat  für Mumpitz und träumten in ihren extremsten Ausprägungen etwa von einer „schwarzen, schwangeren Päpstin“

Als  Ordinarius in Tübingen erlebte Ratzinger die wilden Happenings der Studenten und erkennt in ihren Veitstänzen die Fratze des Totalitarismus im Gewand einer neuen Erlösungslehre. Nichts verachtet er mehr als die sogenannten progressiven Katholiken, sich selbst als gläubig auszugeben um die Kirche von innen hier zu zerstören.  Gegen den Aufschrei der Liberalen, die die Anti-Pillen-Enzyklika Papst Pauls VI verdammten, verfasste Ratzinger sein Buch „Einführung in das Christentum“, das zu einem der größten theologischen Bestseller aller Zeiten werden und sich im Laufe der Jahre  millionenfach verkaufen sollte.

Da in Tübingen im Zuge der Achtundsechziger Revolte kein normaler Unterricht mehr möglich ist, folgt Ratzinger einem Ruf an die kleine theologische Fakultät nach Regensburg, was den Vorteil hat, dass die Familie in Regensburg wieder zusammenkommt, der Bruder Georg als Leiter der Regensburger Domspatzen und die Schwester Maria, die ihrem Bruder lebenslang versorgen wird.  Derweil veröffentlicht Hans Küng „Die Kirche“, und „Unfehlbar?“  In „Christ sein“ stellt Küng schließlich sogar die Gottessohnschaft Jesu in Frage.

Mehr und mehr wird Ratzinger zum Gegenspieler Küngs, in dessen Wirken er die gefährlichste Herausforderung des aktuellen Katholizismus erblickte   Ihren Niederschlag finden die die progressive und die  konservative Richtungen in Küngs „Consilium“ und Ratzingers Zeitschrift „Communio“. In Deutschland setzen sich die die Modernisten durch und stellen mit den Beschlüssen der „Würzburger Synode“ (1971-1975)  die Weichen für einen progressiven deutschen Katholizismus stellen, den Seewald etwas abfällig als „Lehmann Kirche“ bezeichnet. Ihre Dauerthemen sind Zölibat, Laienpredigt, Diakonat der Frau, die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion, die Rolle der Laien und ökumenische Zugeständnisse, ohne sich damit in Rom durchsetzen zu können.

Nach dem Tod des erst 63 Jahre alten Münchner Erzbischofs Julius Döpfner ernennt Papst Pual VI Ratzinger überraschend zu seinem Nachfolger. Im März 1977 wird er zum Erzbischof von München geweiht, im Juni folgt die Verleihung der Kardinalswürde durch Papst Paul VI. Im Unterschied zur schlechten Presse, die den neuen Erzbischof empfängt, bereiten  ihm die Münchener einen begeisterten Empfang. In seiner ersten Predigt spricht er über die Kirche als „Mond“, der das fremde Licht der Sonne, eben das Licht Gottes, über die Erde wirft.

Mit dem Jahr der drei Päpste und der Wahl Johannes Pauls II beginnt ab 1978 Ratzingers Aufstieg in der Weltkirche. Nach Seewald Meinung war Ratzinger für die Position des ersten Ratgebers und Mitarbeiters des polnischen Papstes geradezu prädestiniert. „Wojtyla und Ratzinger waren so unterschiedlich wie Äpfel und Birnen“, schreibt Seewald. „Groß und kräftig gegen klein und schmächtig. Extrovertiert gegen introvertiert. Emotional gegen rational. Sportlich gegen unsportlich. Hier marianisch, dort jesuanisch. Niemand wäre auf die Idee gekommen, sie für Blutsbrüder zu halten. Der eine ein leidenschaftlicher Charakter, der mit Charme und schauspielerischem Talent Gottsucher in Euphorie versetzte. Der andere feingliedrig und zurückhaltend.“

Zweimal lehnt Ratzinger einen Ruf nach Rom ab. Der dritte Ruf des Papstes war ein Befehl. So wird Ratzinger 1982 Präfekt der „Kongregation für die Glaubenslehre“, einer Institution, deren  Aufgabe nach Ratzingers Verständnis vor allem darin besteht, dass  Verwässern und Banalisieren der katholischen Lehre zu verhindern. Dazu war Joseph Ratzinger nach Seewalds Auffassung genau der richtige Mann. Als Ausgleichsversuche mit Hans Küng nichts fruchten, entzieht ihm Papst Johannes Paul II auf Empfehlung der Kongregation die kirchliche Lehrerlaubnis.

Die Antwort des Mainstreams ist brachial. Hans Küng vergleicht Ratzinger mit Dostojewski Großinquisitor, eine Etikettierung, die Ratzinger bis auf den heutigen Tag anhängt. Mir selbst, der ich in dieser Zeit ein theologisch ahnungsloser Studienrat war, ist noch gut der Abscheu erinnerlich, den die von mir geschätzten Religionslehrerkollegen im Lehrerzimmer gegen Ratzinger und Papst Johannes Paul II  äußerten.

Ratzinger aber kämpft als Chef der Glaubenskongregation an vielen Fronten: er beklagt die Behäbigkeit der katholischen Institutionen und nennt die missionarische Unfruchtbarkeit gerade der progressivsten Priester beim Namen. Er wendet sich gegen die sexuelle Libertinage und jegliche  Öffnung  der Kirche für die Homo-Ehe.

Nach der Veröffentlichung der „Theologie der Befreiung“ des lateinamerikanischen  Priesters Gustavo Gutierrez´ war in Lateinamerika eine einflussreiche Bewegung entstanden, die im Kampf gegen die schreienden Ungerechtigkeiten der sozialen Verhältnisse  nach einem Bündnis von Marxismus und Kirche verlangte. Damit stießen sie jedoch bei Johannes Paul II und Joseph Ratzinger auf Granit.  „Der Papst hatte Sympathie mit den Armen und Unterdrückten, aber keine mit Leuten, die ein System errichten wollten, das seine Landsleute in Polen gerade zum Teufel wünschten.“ Ratzinger bezeichnet die Befreiungstheologie als einen intellektuellen Import von außen, als eine Art kulturellen Imperialismus, der die  Menschen in die Irre führe, denn die Beispiele siegreicher Revolutionen zeigten mehr als deutlich, dass die Verhältnisse durch den Marxismus noch schlechter wurden. Die Entwicklung in Nicaragua sollte ihm Recht geben.

Auf der anderen Seite des Spektrums drohte während des Pontifikats Johannes Pauls II die Abspaltung der Traditionalisten um den französischen Bischofs Lefebvre. Bischof Lefebvre, der Gründer des Pius Ordens bildete Priester so aus, als habe es das Zweite Vatikanische Konzil nie gegeben. Als alle Versuche Ratzingers scheitern, Lefebvre Anhänger in die Kirche zurück zu holen, wurde der Pius-Orden exkommuniziert.

Kardinal Lehmann

Trotz (oder wegen) ihres Anteils am Zusammenbruch des Kommunismus bleiben Johannes Paul II und sein engster Mitarbeiter Joseph Ratzinger die Lieblingsfeinde der deutschen „Lehmann Kirche“. So ging ein Aufschrei durch die Presse, als der Papst den Austritt der katholischen Kirche aus dem Beratungssystem für Schwangerschaftsabbrüche anordnete. Für Küng und die seinen war es keine Frage, dass der „Panzerkardinal“ dahintersteckte.

Was Johannes Paul II betrifft, so zieht Seewald eine zwiespältige Bilanz. Seine weltgeschichtliche Rolle beim Zusammenbruch des osteuropäischen Totalitarismus wird Johannes Paul II für immer bleiben. Im Westen aber war der Modernismus der einzelnen Landeskirchen noch stärker geworden, auch wenn der Erfolg des Papstes bei der westlichen  Jugend Anlass zur Hoffnung gab.

Bei der Neuwahl des Papstes warnt der linksliberale Mainstream vor Ratzinger.  »Papst Ratzinger wäre ein Schock, titelte die Süddeutsche Zeitung. Der CDU-Politiker Heiner Geißler forderte, man solle Ratzinger statt zum Papst zum Dorfpfarrer machen.“

Das aktuelle  Papstwahlverfahrens war übrigens von Johannes Paul II 1996 neu geregelt worden. Danach durften Kardinäle über 80 nicht mehr mitwählen, und  nach dreißig erfolglosen Wahlgängen sollte die die einfache Mehrheit reichen.  Obwohl von den 1,2 Milliarden Gläubigen inzwischen weit über die Hälfte in Afrika oder Lateinamerika lebten, „stellten die die Europäer mit 55 der 117 Wahlberechtigten die größte Gruppe des Konklave, allen voran die Italiener mit 20 Kardinälen; gefolgt von den Vereinigten Staaten mit 11, Deutschland und Spanien mit je 6, Frankreich mit 5.“

Laut diversen Indiskretionen erhält Ratzinger während des Pastwahlkonklaves im ersten Wahlgang 47 Stimmen, sein modernistischer Gegenkandidat Bergolio aus Argentinien (der spätere Papst Franziskus) nur zehn. Im zweiten Wahlgang steht es 65 zu 35, der dritte Wahlgang bringt Ratzinger mit 72 Stimmen der 2/3 Mehrheit (77) sehr nahe, aber Bergolio behauptet mit  40 Stimmen die Sperrminorität. Da Bergolio zu diesem Zeitpunkt zurückzieht, erhält Ratzinger im vierten Wahlgang eine im  Einzelnen unterschiedlich kolportierte ausreichende Stimmenzahl.

Zum ersten Mal saß damit auf dem Papstthron ein führender Theoretiker der Moderne, besser gesagt, ein Kritiker der Moderne der den Kapitalismus ebenso wie den Sozialismus verurteilte. Auch die Kirche hatte sich am Beginn des 21. Jahrhunderts verändert. „Die Mehrheit der Katholiken war im Pontifikat Benedikts nicht mehr weiß. Sie sprach vornehmlich Spanisch und gehörte in den einzelnen Ländern zur ärmeren bis ärmsten Bevölkerung. 67 Prozent der Gläubigen lebten inzwischen in Afrika, Asien und Lateinamerika. 2004gab es auf den Philippinen mehr katholische Taufen als in Frankreich, Spanien, Italien und Polen zusammen.“

Ratzingers wählt den Namen Benedikt XVI in Anlehnung an den Friedenspapst Benedikt XV und den Ordensgründer Benedikt von Nursia. „Eines der zentralen Anliegen des Papstes war die Sorge um die von Johann Baptist Metz als „Gotteskrise“ bezeichnete Entfremdung des Menschen vom Glauben. Wenn Gott wegfällt, ein Gott, der uns kennt und uns anredet, warnte er, verliere die Gesellschaft die Grundlagen eines zivilisierten Daseins.“ Auf die Frage eines Reporters, was die Kirche tun müsse, um anziehender zu wirken, antwortete Benedikt XVI mit einem schlichten »Nichts«. Die Kirche verkaufe nichts, am wenigsten sich selbst. Ihr sei keine Ware, sondern eine Nachricht anvertraut, die sie unverkürzt weiterzugeben habe.  Genau diese Haltung aber bringt die Reformisten auf die Palme, was Ratzinger nicht davon abhält, Ross und Reiter zu benennen: “Die konzertierte Aktion reformistischer Kräfte kämpfte seit den Tagen des Konzils für eine Allerweltskirche, in der das autonome Gemeindemitglied das Maß aller Dinge sein sollte, dirigiert von den Hohepriestern des Zeitgeistes. Mit im Tross waren jene Professoren, die längst ihre Lehrerlaubnis verloren hatten, weil sie Jahr und Tag nichts unversucht ließen, aus dem Sohn Gottes einen Räuberhauptmann zu machen. “

Der Anfang des Pontifikats ist vielversprechend, denn der bescheidene Mann an der Spitze der Weltkirche überzeugt durch seine Authentizität. Der Weltjugendtag in Köln 2005 erweist ebenso wie der Weltjugendtag in Sydney eine erstaunliche Attraktivität der Kirche für die Jugend. Positiv aufgenommen wird auch Ratzingers Besuch in Ausschwitz und sein Bemühen um das Gespräch mit dem Judentum. Um den Austausch mit der orthodoxen Kirche voranzubringen, verzichtet Benedikt XVI auf den Patriarchen-Titel.

Einen ersten, willkommenen Anlass zu Skandalisierung findet die Anti-Ratzinger-Fronde in der  „Regensburger Rede“ Benedikts, in der durchaus behutsam, aber wahrhaftig auf die Gewalttendenzen des Islams hinweist. Es folgen Ausschreitungen in  muslimischen Gesellschaften und die Ermordung einer christlichen Ordensfrau im Mogadischu.

Die Wiederzulassung der tridentinischen Messe (Lateinische Sprache, Priester mit dem Rücken zur Gemeinde)wird von der Presse unisono als Rückwärtsgewandtheit interpretiert, obwohl die „neue Messe“ (so, wie sie das Zweite Vatikanische Konzil definierte), die Norm bleibt.

Trotz aller Termine reserviert sich der Papst in den ersten Jahren seiner Amtszeit den Dienstag für das Schreiben. Unermüdlich arbeitet er an einer „Jesus Trilogie“, mit der  sich gegen die rein historisch argumentierende Jesusforschung wendet.  »Da fischt man in den Wassern der Heiligen Schrift mit einem Netz, das nur Fische in einer bestimmten Größe fassen kann“, schreibt Benedikt XVI, „und alle Fische, die zu groß sind, passen nicht rein, sodass man sich schließlich sagt: Die gibt es gar nicht. Genauso ist es auch mit dem großen Geheimnis Jesu: Man reduziert den menschgewordenen Sohn auf einen ›historischen Jesus‹“  Das Buch „Jesus von Nazareth“ kam in der deutschen Ausgabe mit 150000 Exemplaren auf den Markt.  Sechs Wochen nach Erscheinen im April 2007 erreichte das Werk international eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren.

Aber der gut koordinierte Widerstand der Linken bleibt.  Als radikale Dozenten und Studenten der römischen Universität Sapienza die Ausladung Benedikts XVI fördern, sagt der Papst seine Rede ab. Das Deplattforming unserer Tage lässt grüßen.

Bischof Williamson

Hohe Wellen schlägt die Rücknahme der Exkommunikation von vier Bischöfen der Pius Bruderschaft. Einer von ihnen, Bischof Williamson, entpuppt sich als Antisemit und Holocaustleugner, was dem Papst nicht bekannt war. In dieser Situation kommt es übrigens zum beispiellosen Lapsus der deutschen Bundeskanzlerin, die den Papst  anlässlich einer Pressekonferenz mit einem asiatischen Despoten gleichsam nebenbei Ratschläge erteilt. Bei der medialen Aufbereitung dieses Skandals erprobt die Lückenpresse zum ersten Mal ihre manipulativen Instrumente, indem Details unterschlagen, Recherche unterbleibt und massiv ein irreleitendes Framing suggeriert wird. Ein medialer Scheiterhaufen wird angezündet, auf in dem das Pontifikat Benedikts XVI von nun an brennen wird.  2011, beim ersten offiziellen Besuch eines Papstes in Deutschland seit tausend Jahren, sollten sich  linke und grüne Abgeordnete nicht entblöden, während der Rede Benedikt XVI das Plenum des Deutschen Bundestages zu verlassen.

Aber nun reißt die Kette öffentlich inszenierter Empörungen nicht mehr ab. Als Benedikt in einem komplizierten Zusammenhang ausdrückt, dass eheliche Treue zur Verhinderung von Aids besser sei als die Verwendung von Kondomen, wird in der ganzen Welt herausposaunt dass der Papst „gegen Kondome“ sei. Auch hier erweisen sich alle Erklärungsversuche als sinnlos. Auch das Papst Benedikt die weltweite Christenverfolgungen thematisiert, macht ihn beim Mainstream nicht beliebter.

All diese Kampagnen werden schließlich getoppt durch die Misstrauensvorwürfe, die die Kirche ab 2009 in Atem halten – und das, obwohl Benedikt XVI sowohl als Chef der Glaubenskongregation wie als Papst alle diesbezüglichen Vorschriften verschärft und zentralisiert hatte   Erst Benedikt XVI als Papst veranlasst zum Beispiel den Rücktritt Marcial Maciels, eines beispiellosen klerikalen Heuchlers, der besser in die Epoche der Borgias als in die Gegenwart gepasst hätte.  „Als Maciel knapp zwei Jahre später im Alter von 87 Jahren in den USA starb, wurden weitere Details über das Treiben des Ordensgründers bekannt. Maciel hatte danach nicht nur Seminaristen missbraucht, sondern in Spanien und Mexiko jeweils eine Familie mit eigenen Kindern gegründet. An Wochenenden schlüpfte er häufig in Zivilkleidung, ließ sich vom Verwalter Mengen an Geld geben und verschwand für zwei, drei Tage, ohne Angaben zu seinem Aufenthaltsort zu machen.“ Aber Maciel war nur der größte Frosch in einem umfangreihen Sumpf der sexuellen Verirrung, schriebt Seewald. „Allein in den Jahren 2011 und 2012 suspendierte der deutsche Papst 384 Priester und hochgestellte Verantwortliche, weil sie sich des Missbrauchs von Minderjährigen oder aber der Vertuschung schuldig gemacht hatten, darunter den irischen Bischof und ehemalige Sekretär von drei Päpsten, John Magee, und den kanadische Bischof Raymond John Lahey, auf dessen Laptop kinderpornografisches Material gefunden wurde.“

Der nächste Tiefschlag erfolgt durch den irischen „Ryan Report“, in dem sexuelle Übergriffe über einen Zeitraum von Jahrzehnten an Tausenden Opfern  belegt werden, wobei die starke Zunahme in den Sechziger und Siebziger Jahren auffiel. (Die Zunahme dieser Delikte in den Sechziger und Siebziger Jahren sollte Ratzinger später richtig, aber unter allgemeinem Empörungsgeheul mit der Lockerung der Sexualmoral in eben diesen Jahren erklären). Dem Ryan Report folgte der „Murphy Report“, der ein niederschmetterndes Bild des sexuellen Missbrauchs und der Deckung durch die Kirchenobrigkeit im Bezirk Dublin belegt.  Die Veröffentlichungen der Missbrauchsvorwürfe aus dem Canisius Kolleg und bei den Regensburger Domspatzen halen die Endlosschleife der Entrüstung in Schwung.

Immer deutlicher wird, dass es sich um ein Massenproblem handelt, von dem die Kirche nur eine Teilmenge darstellt. Untersuchungen in den USA ergaben, dass  zwischen 0,2-1,7 % der katholischen Priester sich des Missbrauchs schuldig gemacht haben, bei Protestanten liegt der Anteil zwischen zwei und 3 % – in der Gesamtgesellschaft dürfte dieser Anteil noch höher liegen.

Obwohl Benedikt XVI sich den Vorwürfen stellt, erscheint noch sechs Jahre nach seinem Pontifikat ein Film „Verteidiger des Glaubens“ von Christoph Röhl, der – mit öffentlichen Geldern gesponsert – unter Ausblendung aller Fakten Benedikt XVI als Drahtzieher hinter all den Vertuschungen darstellt. Angesichts dieser Perfidie fragt Seewald nach dem Grund für die Hatz der Presse auf Benedikt XVI und mutmaßt:  „Vielleicht war sein größtes Manko, ein Deutscher und kein Italiener zu sein. Oder kein Pole. Kein Spanier. Kein Engländer. Was auch immer. Ein Franzose wäre er selbst gerne gewesen. Von Jugend an fühlte er sich hingezogen zu französischer Kultur. Als Franzose hätte man seine Intellektualität gewürdigt, seine messerscharfen Kernsätze. Die Grande Nation wäre stolz gewesen auf diesen Sohn. Gerade weil seine Überzeugungen nicht aus Nach-Reden, sondern aus freiem Nach-Denken resultierten.“

Was Seewald erstaunlicherweise nur kurz thematisiert, ist die quasireligiöse Aufladung der Papstkritik. Denn  bei einem Teil seiner Kritiker handelt es sich um die Anhänger des Ökologismus, das heißt, den Anhängern einer neuen Sozialreligion, die die Natur verehrt und den Katholizismus als Feind ansieht. „Der Unterschied zwischen dem Papst und vielen Propagandisten der Umweltbewegung war: Ratzinger versuchte unideologisch und vor allem ganzheitlich zu denken. Er machte keinen Unterschied zwischen dem Schutz von Tieren und Regenwäldern und dem Schutz des ungeborenen Lebens. Wolle man nicht verheerende Folgen in Kauf nehmen, warnte er, dürften die Anlagen des Menschen so wenig verschmutzt und manipuliert werden wie die Ozonschicht oder das Grundwasser.  “

Paolo Gabriele bei einer Audienz Benedrikt XVI

Um das Maß voll zu machen, erschüttert um 2011/2012 die „Vatileak“-Affäre die katholische Kirche. Von unbekannter Seite aus dem Vatikan lancierte Internas zeigen ein kleinliches Gezerre von klerikalen Asphaltieren und jede Menge Unvermögen und Kleinlichkeit. Als Urheber des Datenlecks wird der Kammerdiener Paolo Gabriele ausgemacht, der verhaftet und verurteilt wird.   Später wird er vom Papst  begnadigt, der sich persönlich dafür einsetzt, dass der Verräter anderswo eine andere Stelle erhält (bezeichnenderweise an einem Fotokopierer).

Aber solche Gesten nutzen nichts mehr.  „Es war nicht mehr zu übersehen, dass sich das durch die Medien geprägte Image des Papstes zum entscheidenden Problem des Pontifikats entwickelt hatte. Benedikt XVI. ließ sich weder konditionieren noch manipulieren, wie die Kommunikationswissenschaftlerin Friederike Glavanovics in einer wissenschaftlichen Untersuchung feststellte, aber die Journalisten hatten die Deutungshoheit über ihn gewonnen, und das war entscheidend.“

Dementsprechend tritt der Papst im  Februar 2013 von seinem Amt zurück, was ein kirchengeschichtliches Novum darstellte, das in zweitausend Jahren bisher nur einmal vorgekommen war. Allerdings hatten auch Pius XII, Paul VI und Johannes Paul II einen vorzeitigen Rücktritt erwogen, ihn aber schließlich verworfen.

Papst Franziskus

Nach seiner Demission wird Benedikt XVI zum „Papa Emeritus“. Das Verhältnis zu seinem Nachfolger Bergolio/Papst Franziskus beschreibt Seewald als  vorbildlich,  obwohl der neue Papst vielen Außenstehenden als Modernisierer erscheint. Allerdings gib es auch unter Papst Franziskus keine Aufhebung des Zölibats und keine Erlaubnis zur  Empfängnisverhütung. Weiter werden alle Äußerungen des Papa Emeritus  von der deutschen Presse skandalisiert. Einmal versteigt sich die Bild-Zeitung zum Titel „Krieg der Päpste“, was das bisher erreichte Niveau der Wirklichkeitsverzerrung noch einmal unterschreitet.

Am Ende braucht der Leser einige Zeit, um sich ein Gesamturteil zu bilden. Zweifellos hat die Biografie etwas Hagiografisches, weswegen der Leser gut beraten ist, parallel zu diesem Buch in Lexika und anderen Quellen zu lesen. Das habe ich getan, so gut ich es vermochte und am Ende kam ich zu der Überzeugung, dass Joseph Ratzinger, insofern man das von einem Menschen zu seinen Lebzeiten überhaupt sagen kann, ein Heiliger ist, aber ein Heiliger in einer satanischen Welt, gegen die er kämpfte, so gut er konnte, an der er aber gescheitert ist. Wenigstens hat er die Institution, die er leitete, in seiner Amtszeit nicht weiter verkommen lassen und die Substanz bewahrt, auf die ein Nachfolger aufbauen kann. Möglicherweise war Benedikt XVI der letzte europäische Papst, denn die Zukunft der Kirche liegt in Südamerika und Afrika.  In Europa befindet sie sich im bereits Todeskampf.

Ein Gedanke zu „Seewald: Benedikt XVI“

  1. Ausdrückliche Zustimmung zu dem Begriff des Konservativen, wie er bei Seewald verwendet wird. Konservativ bedeutet nicht reaktionär, denn: „prüfet alles, das Gute behaltet“ (Paulus vgl 1 Thess. 5,21).
    Etwas unklar finde ich die Bewertung der Hispanisierung und Afrikanisierung der Kirche, denn wird damit nicht der Ansruch des Katholizismus (katholisch bedeutet allumfassend, weltumspannend) aufgegeben?
    Ausddrückliche Zustimmung zu dem Schlusswort

Kommentar verfassen