Servus: Gewalt, Götter und Intrigen. Die Welt von Game of Thrones

Ohne Übertreibung kann man sagen dass die letzten zehn Jahre mentalitäts- und kulturgeschichtlich im Zeichen eines gigantischen Fernsehereignisses standen: der Serie „Game of Thrones“, der weltweit erfolgreichsten Produktion eines ohnehin revolutionär erfolgreichen  neuen Genres. In dem vorliegende Buch wird dieses Phänomen nach allen Regeln der Kunst untersucht: zunächst im Hinblick auf literaturwissenschaftliche Kriterien, dann in Bezug auf die historischen Vorbilder – und schließlich im Hinblick auf die filmische Adaption.

Der erste Buchteil behandelt die Literaturvorlage  und beginnt mit einem  Ausspruch von Ken Follett: „Wie einen Roman schreiben will, benötigt erstens Fantasie, zweitens eine gute Schreibe und drittens Ausdauer“. Für kaum ein Werk trifft dies in solcher Weise zu wie für R. R. Martins Opus „Das Lied von Eis und Feuer“, das bereits lange vor der Filmadaption in der ganzen Welt eine millionenfache Fan Gemeinde gewonnen hatte. Zweifellos hat „Das Lied von Eis und Feuer“ das Fantasy Genre ausgeweitet und erneuert, weil es seine Attraktion nicht aus irgendeinem Hokuspokus sondern aus seinen Charakteren bezieht. In dem Monumentalwerk mit tausenden von Rollen und 120 wichtigen Charakteren gelingt es Martin jedem Protagonisten Erkennbarkeit, Glaubwürdigkeit und einen identifikatorischen Sog zu verleihen. Keiner der Charaktere ist nur „gut“ oder nur „böse“, und anders als etwa Aragon im „Herrn der Ringe“, der vom Anfang bis zum Ende „der König“ ist, entwickeln sie sich mitunter in überraschende Richtungen. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass bei Martin die Hauptpersonen keine Langlebigkeitsgarantie besitzen. Sie können jederzeit sterben, wie es zur Überraschung der Leser Ned Stark in Königsmund und seinem Sohn Rob bei der „roten Hochzeit“ erging. Alles in allem ist die Welt von Westeros nicht mehr und nicht weniger als ein düsteres, aber realistisches und ungemein spannendes psychologisches Abbild unserer Welt.

Dementsprechend schöpft Martin im Hinblick auf die Handlung mit vollen Händen aus der Weltgeschichte – bekanntermaßen in erster Linie aus der Historie der Rosenkriege, der Ptolemäer oder den blutigen Mythen der schottischen Highlands. Der Game of Thrones liest, erkennt in den Schauplätzen des Romanwerkes die Blaupausen phönizischer Städte, die Lebenswelt von Steppenvölkern, mystischer Religionen und Endzeitmythologien.

Fast ebenso grandios wie das erzählerische Werk ist die cineastische Umsetzung, die  Filmgeschichte schrieb. Ohne auf die vielen Einzelheiten einzugehen, möchte ich das Urteil wagen, dass ähnlich wie im „Herrn der Ringe“ die filmische Adaption zu einer Straffung des Stoffes und der Figuren führte, die dem Gesamtprojekt zugutekam. „Game of Thrones-Junkies“ können in den entsprechenden Kapiteln des vorliegenden Buches sich sehr genau darüber informieren, welche Figuren und Charaktere durch die Drehbuchautoren verstärkt, verschwunden oder aus mehreren anderen Figuren zusammengesetzt worden. Fast alle Figuren wurden „aufgehübscht“ und „veraltert“. Rob Stark ist im Buch gerade mal 14 Jahre alt, im Film ist er ein prachtvoller junger Mann. Trotz der Veralterung der Figuren war es nicht einfach, junge Darsteller zu finden, die in der Lage waren, komplexe Charaktere und deren Entwicklung darzustellen – man denke nur an Aria Stark, die im Verlauf der Dreharbeiten vom Kind zur jungen Frau herangewachsen ist.

Der Erfolg der weltweit ausgestrahlt Serie zeigte sich übrigens auch in der Entwicklung von Folgeprodukten, von  Hörbüchern, Computerspielen, Textilien, Kartenspielen und ähnlichem. Wie das  „Auenland“ in der Nähe des neuseeländischen Wellingtons wird wahrscheinlich auch der Norden Irland als Schauplatz zahlreicher Game of Thrones-Szenen touristisch profitieren. Andere Schauplätze der Serie waren Marokko,  Malta und Island.

Noch ein Zusatz: das vorliegende Buch erschien vor dem Serienabschluss, genauer gesagt:  zu einem Zeitpunkt da weder HBO noch R.R. Martin genau wussten wohin die Reise gehen würde. Denn die komprimierte, zugespitzte Adaptionsform der Verfilmung brachte es mit sich, dass die Serie die Romane ein- und schließlich sogar überholte. So schnell wie HBO drehte, konnte R. R. Martin gar nicht schreiben. Möglicherweise ist das auch ein Grund für das nicht ganz befriedigende Finale der Serie in der achten Staffel, das ohne R. R. Martin gedreht werden musste.

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