Simpson/Knightley: Lawrecne vn Arabien

Lawrence 1sg06PqmpL._SS300_Manchmal stehen die Bücher jahrelang unbeachtet im Leseschrank. Irgendwann hatte man sie mal gekauft, aus einem unklaren Impuls heraus, dann waren sie liegengeblieben, wurden abgestellt und vergessen. Jahre später fallen sie einem dann wieder in die Hände und plötzlich ist das Interesse wieder da. So ging es mir bei der vorliegenden Biographie „Das geheime Leben des Lawrence von Arabien“ von Colin Simpson und Phillip Knightley. On der Titel besonders glücklich gewählt ist, mag dahingestellt bleiben, immerhin verdeutlicht er, dass man es hier mit einer Figur zu tun hat, an der nichts ist, was es zu sein vorgibt. Aber bei wem ist es das schon?

Lawrence von Arabien, den sich jedermann nur noch mit dem Gesicht von Peter 0`Toole aus dem gleichnamigen Film vorstellen kann, war der zweite von vier Söhnen des Gutsbesitzers Thomas  Chapman und der Gouvernante Sarah Junner. Ungewöhnlich war, dass Thomas Chapman bereits vier Töchter mit seiner Ehefrau hatte, die er 1884 wegen Sarah Junner verlässt. Das „durchgebrannte“ unverheiratete Paar nahm den Namen Lawrence an und vagabundierte auf der Basis eines bescheidenen Rentiers-Einkommens durch Südengland und  Nordfrankreich. Thomas Edward (T.E. ) Lawrence wurde am 16.8.1888 geboren und verlebte zusammen mit seinen Brüdern eine typische britische Oberschichtenjugend. Früh entwickelte er eine Leidenschaft für das Mittelalter, sammelte archäologische Überreste und studierte in Oxford Geschichte und Archäologie. Hier kam es zum Kontakt mit dem Orientexperten D.G. Hogarth, der entscheidenden Einfluss auf ihn nimmt. D. G. Hogarth hatte sich wie viele seiner Generation dem kompromisslosen Dienst am Britischen Empire verschrieben. Der junge  Lawrence reiste für seine Examensarbeit über den Festungsbau der Kreuzritterzeit im Jahre 1909 erstmalig in den Orient, durchwanderte Syrien auf image004einer Strecke von 1600 km und war von der Stimmung der Atmosphäre der Levante hingerissen. Bezeichnend dafür   ist das folgende Zitat, das zugleich ein Beispiel für die gut lesbare Diktion des Buches ist: „Er teilte mit dem gewöhnlichen Volk das Brot, das Wasser, die Milch und die Flöhe. Er reiste wie ehemals Johannes der Täufer und Paulus nach Tarsus und berauschte sich an dem blenden Licht, der rauhen Landschaft und dem Gefühl der Zeitlosigkeit“ (S. 41/2)  Als fertig ausgebildeter Archäologe arbeitet er scheinbar bei Hethiter-Ausgrabungen bei Karkemisch, spioniert aber in Wahrheit den Bau der benachbarten Bagdad Bahn aus, er reist unter dem Vorwand, den Zug der alten Israeliten zu erforschen durch den türkisch besetzten Sinai und erkundet alle kartografischen und kriegswichtigen  Details. 1914 wird er Nachrichtenoffizier im Arabischen Büro in Kairo und beginnt mit dem Aufbau eines eigenen Agentennetzes.  So weit so unbekannt. Dann beginnt seine weltberühmte Tätigkeit als Erwecker der arabischen Nation, oder sollte man besser sage: als Aufrührer der arabischen Stämme gegen die Türken im Dienst der Interessen des britischen Empires? So sehen es jedenfalls die Autoren, die bei aller Freude am Detail, diesen Aspekt der Unaufrichtigkeit ihres Protagonisten nie aus den Augen verlieren. Für den Leser, der mit den Feinheiten der orientalischen Verhältnisse nicht vertraut ist, entfalten die Autoren ein gut nachvollziehbares Panorama des Nahen Ostens im Umbruch: das zusammenbrechende osmanische Reich, das deutsche Kaiserreich, das mit dem Bau der Bagdad Bahn bereits einen Fuß in der Türe hat, daneben England und Frankreich, die sich im Sykes-Picot Abkommen über die koloniale Aufteilung des Nahen Ostens verständigen. Und dazwischen die Araber als nützliche Idioten des europäischen Imperialismus. Das ist die Tiefenstruktur  der Heldentaten des „Prinzen von Mekka“, seiner Eroberung von Aqaba und seinen Sprengungen an der Hedschabahn (und dem geheimnisvollen Vorfall von Derah, wo Lawrence nach eigenen – viel späteren – Angaben von den Türken sexuell missbraucht wurde). Am Kriegsende wurden die Araber über den Tisch gezogen, die Franzosen besetzten Syrien, die Briten installierten Königreiche in Jordanien und dem Irak und erhalten das verhängnisvolle Mandat über Palästina. Wenn man will reicht die Krise des Nahen Ostens, die zur Zeit dabei ist, die Welt in den Abgrund zu reißen, bis in die Tage dieses gigantischen Betruges zurück.  In Syrien und dem Irak sollten nach der Kolonialzeit radikale Kräfte die Macht ergreifen, in Saudi Arabien gewannen die Wahhabiten unter der Führung der Saud-Dynastie die Macht, nur in Jordanien regiert noch ein König der Dynastie, die die Briten eingesetzt hatten.

Obwohl Lawrence Wirken durch einen amerikanischen Journalisten weltweit popularisiert und er ein internationaler Held wird, bricht er nach dem Krieg körperlich und seelisch zusammen. Seine  Versuche, als einfacher Soldat in der RAF und in der Armee Abgeschiedenheit und Ruhe zu finden scheiterten, sein seelischer Zustand verschlechterte sich, seine emotionalen und sexuellen (sadomasochistischen) Eskapaden fraßen ihn geradezu auf, auch wenn er mit seinem autobiographischen Bericht „Die sieben Säulen der Weisheit“ Weltruhm und Reichtum einheimste. Der einzige Halt in diesen Jahren war die bizarre Freundschaft zu Bernhard und Charlotte Shaw. Lawrence Tod bei einem Motorausfall im Jahre 1935 passt in dieses Bild.

Es ist aber alle sin allem ein Bild, das sich der Leser selbst am Ende zurechtlegen muss, denn eine abschließende Würdigung fehlt. So einfühlsam und detailreich die Autoren das Leben ihres Protagonisten auch beschrieben haben, ein Fazit halten sie dem Leser vor – nicht zuletzt weil sie sich vor einer angemessenen Thematisierung seiner latenten  Homosexualität scheuen. Ich kann, was dieses Fazit betrifft, auch nicht weiterhelfen, sondern nur sagen: selber lesen, denn es lohnt sich…