Solschenizyn: Der Archipel Gulag

Ich habe im „Archipel Gulag“ im Laufe der letzten Jahrzehnte immer wieder gelesen, aber auch immer wieder abgebrochen. Zweifellos handelt es sich um ein epochales Buch, das seinen Teil zur völligen Diskreditierung des sowjetischen Kommunismus beitrug. Als literarisches Werk allerdings stellt es den Leser allerdings vor eine Reihe von Problemen. Zunächst einmal hat der Leser in dem vorliegenden Buch mit einer extremen Faktenfülle zu kämpfen. Die endlose Aneinanderreihung menschlichen Widerwärtigkeiten und Bestialitäten eines totalitären Großsystems  macht die Lektüre zu keinem Vergnügen. Sodann – und das kommt erschwerend hinzu – ist der Großteil des „Archipel Gulag“ geprägt von einem distanzierten, mitunter zynischen Erzählstil, mit dem  der Autor seinen Abscheu über das, was er zu erzählen hat, ausdrückt. Der Wert des Buches liegt deswegen meiner Meinung nach vorwiegend  in seiner dokumentarischen Funktion. Wer erzählerische Glanzlichter wie bei Grossmann oder Schalamow erwartet, wird enttäuscht werden..

Auch wenn im Rahmen die kaum übersehbare Vielfalt der Einzelheiten, die der Archipel Gulag enthält, auch nicht ansatzweise angedeutet werden kann, möchte ich trotzdem einige für mich besonders beeindruckende Passagen und Sachverhalte benennen.  Das jahrzehntelange permanente Dahinmorden des eigenen Volkes mit Millionen Toten wäre – ähnlich wie beim Nationalsozialismus – nicht möglich gewesen ohne die Mithilfe Hunderttausender, wenn nicht Millionen Helfershelfer, namentlich der Wachmannschaften, aber auch der Kriminellen, denen Solschenizyn eine besonders perfide Rolle zuweist. Außerdem sticht der Unterschied zur scheinbar so schrecklichen Zarenzeit ins Auge, in der Lenin in einem normalen Zugabteil in die Verbannung fuhr und sich beim Schaffner über das Essen beschweren durfte. Dass all das Leid der Millionen im Wesentlichen vergessen ist, dass Täter und Opfer keine Gesichter besitzen, schmerzt den Autor so sehr, dass er immer neuen Namen und Lebensläufe referiert. Kaum überschau ist die Zahl der Schurken und der Helden, die Solschenizyn oft nur als kurze biografischer Abriss portraitiert.  Solche Schurken und Helden treten überall in Erscheinung, in den Lagern, bei den Transporten und vor allem in den großen Prozessen, die in dem Buch breit dargestellt werden. Die bedeutendsten Bolschewiki, Bucharin, Kamenjew, Sinowjew und der erbärmliche Radek, die Stalin in den großen Schauprozessen 1937/38 aburteilen und umbringen lässt, waren nach Solschenizyn nichts anders als Verbrecher, die vor ihrer eigenen Verhaftung ganz im Unterschied zu den Sozialrevolutionären der Zarenzeit  niemals wirklich hatten leiden müssen, unterschieden sich die Helden dieser Zeit, die  heute niemand mehr  kennt, die es aber verdient hätten, dass an sie in Form von Monumenten gedacht würde, etwa der Ingenieur Paltschinksi, Nikolai von meck, Chrenikow, Smirnow und viele andere mehr.

Der Aufbau des Buches folgt in lockerer Form Solschenizyns eigener „Reise“ durch den Archipel Gulag. Es beginnt mit seiner Inhaftierung in der  Butryka, dem Gefängnis der Geheimpolizei in Moskau, das alle „Politischen“ durchlaufen mussten, und setzt sich fort mit der Erörterung der möglichen Strafen und der Willkür des sowjetischen „Rechtssystems“, dem Artikel 58 und den Sonderverordnungen, die für jedermann und jederzeit den Tod bedeuten konnten. Dann wird der Archipel Gulag selbst als als ein verästeltes System weit verstreuter „Inseln“ dargestellt, zwischen denen das ewige „Rinnsal“ der Gefangenentransporte (per Zug, Lastkahn oder zu Fuß) niemals zum Erliegen kam. Dazu ein Zitat, das zeigt, dass der Autor durchaus zur Poesie fähig ist, dieses Stilmittel aber angesichts seines Gegenstandes mit Bedacht verschmäht. „Von Insel zu Insel ziehen sich über den Archipel die feinen Strähnen des menschlichen Lebens. Sie winden sich, berühren einander, eines Nachts  in einem ratternden halbdunklen Waggon und laufen danach für ewig auseinander – du aber lege dein Ohr an ihr stilles Schwirren und horche auf das fast gleichmäßige Pochen unter dem Waggon. Denn es ist die Spindel des Lebens, die du pochen und schwirren hörst.“

Am Ende der Lektüre ist es schwer aus diesem sperrigen Werk ein Fazit zu zeihen. Es sprengt nicht nur das Genre, sondern auch die Verständniskategorien.  Im Grunde ist es ein Mahnmal, ein Mahnmal dafür, was unter Menschen möglich ist. Und letztlich ist das Buch auch aktuell, denn der Marxismus, diese trübe Ursuppe, aus immer neue totalitäre Systeme aus sich gebiert, ist in neuer Gestalt schon wieder unterwegs.