Ludwig Witzani: Drei Arten der Einwanderung

   Auf dem Höhepunkt der ungesteuerten Massenmigration im September und Oktober 2015, als täglich zehntausend vorwiegend junge Männer im besten wehrpflichtigen Alter aus muslimischen Gesellschaften unkontrolliert nach Deutschland strömten, gab es gute Nachrichten aus dem politisch-medialen Bereich. Es bestände kein Grund zur Panik, denn die „Flüchtlinge“ (gemeint waren die Zuwanderer) seien „wertvoller als Gold“, verkündete der SPD Hoffnungsträger Martin Schulz am 14.9.2015. Seine Parteikollege der damalige SPD Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann wurde am  21.9.2015 in einem WELT-Interview noch konkreter: „Die Zuwanderer von heute werden unsere Renten von morgen bezahlen“. Grund genug für Grünen-Politikerin Katrin Göring Eckart am 8.10.2015 vor der EKD Synode in Bremen zu jubeln. „Wir kriegen jetzt plötzlich viele junge Menschen geschenkt“

Der gemeinsame Nenner dieser und anderer Statements ist die optimistische These, dass Einwanderung nicht nur für die Einwanderer, sondern auch für Aufnahmegesellschaft sozio-ökonomisch ein rundum gutes Geschäft ist. Ganz gleich, ob ostasiatische Softwarespezialisten, Bankfachleute aus London oder afrikanische Analphabeten – jeder Einwanderer sei  ein „Geschenk“ für das Aufnahmeland. Zuwanderung  steigere mittelfristig die Effektivität der innergesellschaftlichen Arbeitsteilung, sichere die Beitragsstabilität der Sozialversicherung, erhöhe das Niveau der gesamtgesellschaftlichen Manpower und den Kapitalstock.  Mit einem Wort: je mehr Zuwanderer, desto besser.

Eine kompakte These, die die Befunde der Einwanderungsgeschichte möglicherweise etwas verkürzt wiedergibt. Denn wählt man tatsächlich den von den Zuwanderungsbefürwortern  postulierten gesamtwirtschaftlichen Nutzen der Einwanderung als Maßstab, wird man mindestens drei  Arten von  Eiwanderung unterscheiden können.

Der elementarste Fall ist die strukturbegründende Einwanderung.  Jochen Olmer hat solche strukturbegründende Einwanderungen in seinem Standardwerk über „Globale Migration“ als „Inwertsetzung“ bezeichnet. Große Teile der europäischen Auswanderungsgeschichte der Neuzeit bestehen aus solchen Inwertsetzungen peripherer Wirtschaftsräume  – etwa die Erschließung Australiens, Südafrikas oder Amerikas  durch europäische Einwanderer.  Es gehört zur Tragik der Migrationsgeschichte, dass solche strukturbegründenden Einwanderungen fast immer mit Marginalisierungen der autochthonen Bevölkerung verbunden sind. Der rein ökonomisch definierte Begriff der Strukturbegründung darf also nicht verdecken, dass er oft mit der Vernichtung weniger differenzierter autochthoner sozialer Systeme verbunden ist.

Die Beispiele für solche strukturbegründenden Einwanderungen sind Legion und können in allen Regionen der Erde auf den verschiedensten Abstraktionsebenen nachgewiesen werden.  Deutsche Einwanderer begründeten in der Mitte des 19. Jahrhunderts zwischen Valdivia und Puerto Varas in Süd-Chile nicht nur eine produktive Landwirtschaft sondern schufen vorweg überhaupt erst die dafür erforderliche Infrastruktur. Ähnlich verhielt es sich mit den britischen Schafzüchtern in Feuerland. Den aus dem Nahen Osten zugewanderten islamischen Mozabiten gelang  in den  Steinwüsten der nördlichen Sahara praktisch aus dem nichts heraus die Etablierung einer blühenden Oasenwirtschaft. Die altmalaiischen Ifuago im Norden Luzzons verdrängten die Urbevölkerung und errichteten ihre atemberaubende Reisterrassenkultur. Die chilenischen Mapuche, die Sahara-Nomaden und die altphilippinischen Negritos hatten das Nachsehen, ebenso wie die kanarischen Guanchen gegenüber den spanischen Siedlern und unzählige andere unterlegenen Kulturen in allen Teilen der Erde.

Von dieser strukturbegründenden Einwanderung kann die strukturerhaltende oder strukturkumulierende Zuwanderung unterschieden werden. Den wirtschaftsgeschichtlich bedeutsamsten Fall solcher kumulativer Zuwanderung bildet die europäische Massenmigration in die USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dort trafen die europäischen Einwanderer auf eine expandierende arbeitsintensive Wirtschaftsstruktur, die dringend neue Arbeitskräfte benötigte. Auch die chinesische Migration nach Nordamerika im Rahmen des Eisenbahnbaus und die Etablierung des ostafrikanischen Kleinhandels durch indische Einwanderer innerhalb der europäischen Kolonialreiche  gehören in diese Kategorie. Das gleiche galt für die Polen, die nach 1863 ins Ruhrgebiet kamen, ebenso für die südeuropäischen Gastarbeiter der ersten Generation in den frühen sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Übrigens dient auch ein Großteil der illegalen mexikanischen Masseneinwanderung in die Vereinigten Staaten der Erhaltung der südstaatlichen Wirtschaftsstruktur Ein für das Aufnahmeland sehr positiver Sonderfall der ausdrückliöh geforderten strukturerhaltenden Zuwanderung vollzieht sich zur Zeit als Fluchtbewegung weißer südafrikanischer Farmer von Südafrika nach Australien.

Soweit so positiv. Regionen sind auf strukturbegründende und strukturerhaltende Zuwanderung angewiesen. Gibt es aber  auch Beispiele für eine zerstörerische, strukturvernichtende oder mindestens strukturreduzierende Zuwanderung? Leider jede Menge, auch wenn die politisch korrekte Höflichkeit der Historiker um dieses Thema gerne einen weiten Bogen macht. Beispiele für eine strukturreduzierende Zuwanderung sind etwa die Neubesiedlung des Sudetenlandes durch die Tschechen und die Zuwanderung zentralasiatischer Sowjetbürger in das von der deutschen Bevölkerung geräumte Ostpreußen. In beiden Fällen konnte das infrastrukturelle und ökonomische Niveau nicht gehalten werden. Eines der krassesten Beispiele für die Effekte strukturvernichtender Zuwanderung liefert die Geschichte Tunesiens. Tunesien, das alte „Ifriqa“, war seit der strukturbegründenden Einwanderung der Phönizier  eine der Kornkammern des Mittelmeerraumes. Daran hatte auch die  Zuwanderung römischer Kolonisten, germanischer Vandalen und arabischer Aghlabiden nichts geändert. Bis die Banu Hilal kamen, ein  kriegerischer Nomadenstamm, den die Fatimidenkalifen von Kairo im 11. Jahrhundert in das verfeindete Tunesien schickten. „Wie die Heuschrecken“, so der marokkanische Historiker  Ibn Khaldun, fielen die Banu Hilal über die Provinz her und zerstören die komplizierte Infrastruktur, auf der die Landwirtschaft Tunesiens beruhte. Die Bewässerungsanlagen versandeten, die Herden der Banu Hilal fraßen die fetten Böden kahl, die Felder verkarsteten, eine ganze Kulturlandschaft verschwand im Orkus der Geschichte.   In ihren desaströsen Folgen ist die gewaltsame Einwanderung der Banu Hilal und ihrer Herden nach Tunesien nur vergleichbar mit der Verwüstung, die mongolische Viehzüchter auf den Feldern Nordchinas anrichteten, als sie ihre Herden auf den chinesischen Äckern grasen ließen.

Dieser erste grobe Blick auf die Geschichte der Einwanderung zeigt ein Mehrfaches. Ob sich eine Zuwanderung strukturbegründend, strukturerhaltend oder strukturvernichtend auswirkt, hängt wesentlich von dem sozioökonomischen Niveau der Aufnahmegesellschaft ab. Wenig entwickelte Regionen provozieren eine andere Zuwanderung als sich entwickelnde Industriegesellschaften oder postmoderne Wohlstandsgesellschaften mit hohen sozialstaatlichen Standards.  Aber ganz gleich, ob sich die Zuwanderung in Agrar-, Industrie- oder in Dienstleistungsgesellschaften vollzieht –  der Zuwanderungsprozess als solcher läuft niemals konfliktfrei ab. Kein Zuwanderungsgebiet ist so reich, dass der Zugriff neuer Populationen auf knappe Ressourcen von der autochthonen Bevölkerung nicht als Beeinträchtigung  empfunden würde. Dass der SPD Politiker Heiko Maas angesichts der Millionenzuwanderung in das deutsche Siedlungsgebiet und der absehbaren Milliardenkosten der Migrantenversorgung am 8.10.2016 allen Ernsts behauptete, „niemand wird etwas weggenommen“,  besitzt vor diesem Hintergrund etwas Peinliches.  Womit wir bei der „Elite“ wären, die diese Zuwanderungsprozesse steuert. Ist die Elite exogen und gehört sie der Gruppe der Zuwandernden an, handelt es sich bei der Zuwanderung um eine Inbesitznahme fremden Territoriums.  Einen solchen Fall repräsentieren etwa die Bahami Sultane im spätmittelalterlichen Indien, deren afghanische Herrscher den steten Nachzug afghanischer Krieger förderten. Ähnlich verhielt es sich mit Wikingern, die in der Frühpase der Kiewer Rus, die von den Herrschern aus Skandinavien an den Dnjepr gerufen wurden. Oder die Machthaber gehören der Aufnahmegesellschaft an und erlauben die Zuwanderung fremder Populationen aus selbstgewählten strategischen Gründen. Mitunter erhoffen sie sich Infrastrukturvorteile für das von ihnen  beherrschte Gebiet. Beispiele dafür wären etwa die Ansiedlung der Wolgadeutschen durch Katharina die Große oder die Aufnahme der Hugenotten durch Kurfürst Friedrich Wilhelm III von Preußen. Oft wird die Zuwanderung auch mit Sicherheitsüberlegungen begründet, wie beispielsweise die Ansiedlung germanischer Foederati durch die spätantiken Kaiser des Römischen Reiches. Häufig dient die Zuwanderung aber auch einfach nur dem Machterhalt der Eliten. Man denke etwa an die Sarazenen Kaiser Friedrichs II von Hohenstaufen, die als moslemische Bevölkerungsgruppe unverbrüchlich hinter dem Kaiser standen und gegen alle päpstlichen Bannflüche immun waren.

Wie verhält es sich aber mit der bedeutendsten Einwanderungsbewegung der Gegenwart, der muslimischen Massenzuwanderung nach Europa? Douglas Murray hat in seinem Buch „Der Selbstmord Europas, gezeigt, dass dieser Prozess schon in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts  einsetzte und in der deutschen Grenzöffnung des Jahres 2015  nur seinen bizarren Höhepunkt fand. Handelt  sich dabei um eine strukturbegründende, strukturerhaltende oder eine struktururvernichtende Zuwanderung?  Dass sich diese Zuwanderung gegen den Mehrheitswillen der einheimischen Bevölkerung vollzieht, ist geschichtlich nichts Außergewöhnliches, denn Eliten haben  zu allen Zeiten Zuwanderungen gegen den Willen der autochthonen  Bevölkerung ins Werk gesetzt.  Auch dass dieser Prozess zu erheblichen Friktionen führt, ist nichts Besonders, denn Zuwanderungen erzeugen immer gesamtgesellschaftlichen Stress. Ungewöhnlich, um nicht zu sagen: absurd erscheint allerdings eine wie immer auch geartete ökonomische Rechtfertigung der muslimischen Masseneinwanderung nach Europa. Denn der Einwanderungsbedarf einer demographisch schrumpfenden hochentwickelten postmodernen Wissensgesellschaft bezieht sich auf wenige hochqualifizierte Spezialisten, die im Interesse der Strukturerhaltung notfalls  mit Privilegien angeworben werden sollten. Die generationenwährende europaweite Einwanderung von Millionen teilweise tribalistisch verfasster, beruflich gering qualifizierter Eiwanderer aus gänzlich anderen Kulturkreisen mit hoher Gewaltaffinität kann unter dem Aspekt des wirtschaftlichen Nutzens für die Aufnahmegesellschaft nicht ernsthaft gerechtfertigt werden.

Dementsprechend desaströs sind die Folgen. Schweden, das seine einwanderungseuphorische Politik bis vor kurzem noch exzessiver betrieb als Deutschland, wird nach einem Bericht der  UN, dem  Hypothetical Cohort Model of Human Development Report aus dem Jahre 2010  bis zum Jahre 2030 auf das Niveau eines  Drittweltlandes herabsinken. Ausgehend vom Zusammenbruch des Bildungssystems werden das wirtschaftliche und zivilisatorische Niveau langsam aber sicher einbrechen. Die Aussichten für Deutschland, Frankreich und England sind kaum günstiger, auch wenn die regierenden Eliten samt ihrem Anhang in Presse und Funk ihr Bestes tun, diesen einwanderungsbedingten Abstiegsprozess zu verheimlichen.  Äußerungen wie die eingangs zitierten Statements von Schulz, Oppermann und anderen zeugen deswegen entweder von völliger Unkenntnis der Sachverhalte oder bewusster Irreführung der demokratischen Öffentlichkeit.

Dr. Ludwig Witzani ist Reiseschriftseller und Autor einer bislang zehnbändigen Weltreise-Reise mit Einzelbänden über Tibet, Indien, Argentinien/Chile, Osteuropa, Indochina, Iran, Alaska, Süd- und Nordafrika und Indonesien. Alle im Text erwähnten historischen Beispiele werden in diesen Reisebüchern ausführlich dargestellt. (www.ludwig-witzani.de)