Greene: Mein Freund, der General

Bei der Vorbereitung einer Panamareise habe ich ein wenig auf dem Buchmarkt herumgeschmökert und stieß auf dieses Buch. Graham Greene ist nie schlecht, dachte ich, auch wenn das Buch schon etwas älter ist. „Mein Freund der General“ beschreibt Graham Greenes Mittelamerikareisen in den Jahren zwischen 1977 bis 1981, die er vornehmlich auf  Einladung jenes „Generals“ unternommen hat, von dem im Weiteren noch die Rede sein wird.

Die Perspektive, aus der heraus dieses Buch geschrieben wurde, lässt sich am besten mit einigen Zitaten belegen. Einmal fordert General Torrijos, der autokratische Präsident Panamas,  Graham Greene auf, in seinem Namen nach Belize zu fliegen. „Also gut“, antwortet der Dichter, „Aber heute ist es schon zu spät, und ich muss außerdem noch Garcia Marquez vom Flughafen abholen.“ Wenige Seiten später wandert der Dichter mit dem Präsidenten von Belize einen Grenzfluss entlang.  „Zwischendurch kehren wir immer wieder zu den Ansichten Hans Küngs über die Unfehlbarkeit des Papstes und über Thomas Manns Ansichten über Goethe zurück.“ Manchmal kommt es aber auch zu Reiseunterbrechungen. Das Wetter ist schlecht, das Flugzeug verspätet oder beschädigt. Aber es gibt Hoffnung.  „Dann fiel mit die Flasche Whiskey ein, die ich noch immer in der Reisetasche bei mir trug, und ich schlug vor, da wir anscheinend auf unbestimmte Zeit hier warten müsste, könnten wir uns ebenso gut etwas Wasser kommen lassen und die Flasche anbrechen.“

Kein Zweifel: der hochbetagte weltberühmte Graham Greene, der auf Einladung des panamaischen Staatschefs Omar Torrijos Panama und seine Nachbarländer in mehreren Reisen erkundet, weiß wer er ist und spricht zu den Mächtigen von gleich zu gleich. Sogar mit Castro unterhält er sich über die Wahrscheinlichkeiten beim russischen Roulette, ganz zu schweigen von jeder Menge Sandinisten, Terroristen, Geheimdienstchefs und Militärs. Unbestrittener „Held“ (und Titelgeber des Buches) aber ist der panamaische Staatschef  Omar Torrijos, der den USA im Jahre 1977 den Panamakanal abtrotze und sich Zeit seines Lebens um ein unaggressives sozialdemokratischen Mittelamerikas bemühte.   Greene berauscht sich an den Späßen des Generals, seinem Machismo, an seiner Art, mit den einfachen Bauern zu schwadronieren und an seinem „Populismus“, der für Greene eine Art veredelter Demokratie zu sein scheint. Wenn Greene nicht mit dem General zusammen ist, reist er an der Seite von „Chuchu“, seinem skurrilen Cicerone durch das Land und genießt das Lokalkolorit. Er lernt, dass die Einladung „Komm, lass uns zusammen scheißen gehen“, als eine landestypische Freundschaftsanfrage zu verstehen ist und besichtigt das  Grab von Francis Drake in Portobello. In einem Slum am Rand von  Panama-City notiert er das Sprichwort  „Wenn Gold aus Scheiße bestünde, würden die Armen ohne Arsch geboren.“    Gerne fliegt er mit oder ohne den General mit dem Helikopter über Land, landet auf den San Blas Inseln und erkundet die  Überreste von Nombre de Dios, achtet aber  immer darauf, einen guten Drink zur Hand zu haben.

Um die Wahrheit zu sagen, habe ich dieses Buch zunächst mit gemischten Gefühlen gelesen, nicht zuletzt, weil es ein Gebrechen offenbarte, gegen das selbst große Autoren nicht gefeit sind: der Eitelkeit des Alters, die der Selbstironie mitunter ein Schippchen schlägt.  Weitergelesen habe ich nur wegen des sattsam bekannte „Graham Green Flows“, jenen angenehmen Erzählstrom, mit dem der Dichter  seine Leser weltweit zu fesseln vermag, ganz egal, worüber er schreibt. Einmal in diesem Flow verfangen und gegenüber den Eitelkeiten des  großen Mannes resistent geworden,  entfaltete das Buch plötzlich ein neues Flair: das Flair eines Augenzeugenberichtes  über ein turbulentes Jahrfünft  lateinamerikanischer Geschichte, angefangen mit den komplizierten Verhandlungen und der Unterzeichnung des Panamakanalvertrages, über das Finale des Bürgerkrieges in Nicaragua, der mit der Machtergreifung der  Sandinisten endete, und der drohenden Konfrontation des kleinen Belize mit dem aggressiven Guatemala.

Unverkennbar liegt die Sympathie des Autors  bei der Linken, deren zeitweiligen Siegeszug er mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis, wenngleich nicht ohne Kritik, nachzeichnet.  Der Alphabetisierungsfeldzug der siegreichen Sandinisten findet seine Zustimmung, Greene verschweigt aber auch nicht, dass die diktatorische Entsendung von Oberschülern in die malariaverseuchten Dörfer fünfzig  Jugendlichen das Leben kostete. Ernesto Cardenal war ein großer Mann, aber zu sehr von seinem eigenen Charisma eingenommen (da trafen sich wohl zwei Alphatiere), Eden Pastora, der Held der Revolution von Managua wurde durch seine mediokren Mitkämpfer in den Widerstand getrieben. Auf der anderen Seite wird die  brutale Vertreibung der Misquito Indianer aus den Küstenregionen nach einer kurzen Rücksprache mit einem Sandinistenführer von Greene als militärische Notwendigkeit entschuldigt. Die Maßregelung, die Papst Johannes Paul II Ernesto Cardenal in Managua zuteil werden ließ,  wird ausführlich dargestellt, unterschlagen wird, dass die sandinistischen Jugendgruppen den Papst bei seiner Rede niederschrien.

Aber das sind nur Kleinigkeiten in seinem insgesamt lesenswerten Buch, das auch Jahrzehnte nach seinem Erscheinen seine Aktualität nicht verloren hat. Es verdeutlicht die Vielfalt Mittelamerikas auf eine ungemein anschauliche Art und berührt durch die Liebe des Autors zu den einfachen Menschen. Das Buch endet  Anfang der achtziger Jahre mit dem Tod General Torrijos bei einem Flugzeugabsturz in den Bergen Panamas. Möglicherweise, so Greene,  wurde er das Opfer eines Attentates, möglicherweise aber war es auch nur ein einfacher Unfall.

 

 

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