Achebe: Okonkwo oder: Das Alte stürzt

Alles-zerfälltAfrikanische Literatur ist nicht in erster Linie Literatur über Afrika sondern Literatur von Afrikanern. Also nicht Coetze, Blixen oder Gordimer, auch nicht „Roots“ und schon gar nicht „Die weiße Massai“ sondern Camara Laye, Wole Soymna und Chinua Achebe, also jene Autoren, die ihrem Heimatkontinent eine Stimme gaben und bemüht waren, seine Strukturen und Probleme aus der Innenperspektive darzustellen.

Unter den schwarzafrikanischen Autoren seiner Generation ragt der Nigerianer Chinua Achebe (1930-2013) gleich in mehrfacher Hinsicht heraus. Sein literarischer Erstling „Okonkwo oder: Das Alte stürzt“ ist bis heute das mit Abstand am erfolgreichste Buch eines afrikanischen Autors. Mit einer l1 (18)Gesamtauflage von über 10 Millionen und Übersetzungen in 50 Sprachen steht es im afrikanischen Kulturkreis konkurrenzlos dar. Allerdings nicht unbestritten, denn Achebe schreibt in Englisch, was den Vertretern der Nigritude und den anderen schwarzafrikanischen Literaturschulen zuwider ist, und was noch wichtiger ist: er hütet sich im wahrsten Sinne des Worts vor  jeder Schwarzweißmalerei. Obwohl Achebe der afrikanischen Stammeskultur eine literarische Bühne bietet, ist er weit davon entfernt, diese Kultur  zu idealisieren. Obwohl er den Kolonialismus kritisiert, sieht er auch die Fortschritte, die die europäische Zivilisation für die Entwicklung des afrikanischen Kontinentes erbrachte.

In kurzen einprägsamen Sätzen erzählt Achebe die Geschichte Okonkwos, eines berühmten Ringers,  und wohlhabendem Yamspflanzers aus dem nigerianischen Ibodorf Umoufia in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts. Umuofia ist eines von neun Dörfern im Osten Nigerias, in denen sich das das Leben noch immer wie seit Jahrhunderten vollzieht. Gerichtsverhandlungen werden von den Dorfältesten hinter Geistermasken vollzogen, für den Kontakt mit dem Überirdischen ist eine Wahrsagerin zuständig, die periodisch in Trance verfällt und mit ihren Aussprüchen die Gemeinde lenkt. Für alle Gelegenheiten existieren außerdem Sprichwörter, die Orientierung und Klarheit im Dickicht des Alltäglichen verbürgen. In diesen Sprichworten, die Achebe aus dem Ibo ins Englische übersetzte (und die dann wieder ins Deutsche übersetzt wurden) ballt sich eine beachtliche Kulturelle Weisheit, die sich in etwa wie folgt anhört: „Sieht ein Feigling einen Mann, den er besiegen kann, bekommt er Lust auf einen Streit“, heißt es an einer Stelle oder an einer anderen: „Wer am Niger lebt, braucht seine Hände nicht mit Spucke zu waschen“. Mein Lieblingssprichwort aus dem vorliegenden Buch besteht in der warnenden Wendung davor „auf einer Trauerfeier lauter zu weinen als die Angehörigen“. Das kann man sich auch noch heute hinter die Ohren schreiben.

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Der Titelheld Okonkwo, der sich aus eigener Kraft aus der wirtschaftlichen Malaise, die ihm sein fauler Vater hinterlassen hatte, befreien konnte und mit seinen drei Frauen als geachteter Mann im Dorfe lebt, erscheint als eine charakterlich gebrochene Figur. Er ist ehrgeizig, streng, um Gerechtigkeit bemüht, wird aber immer wieder vom Jähzorn und der Versagensangst befallen.  Im Zuge einer Auseinandersetzung mit einem Nachbarort und einem anschließenden Sühneritual wird ihm ein Junge aus dem Nachbarort zugewiesen,  den er im Auftrag seines Dorfes wie seinen eigenen Sohn aufzieht. Er gewinnt ihn sogar lieb, weigert sich aber nicht, diesem Jungen die Kehle durch zu schneiden, als  die delirierende Dorfwahrsagerin irgendwann seinen Tod fordert. Die Tradition lässt ihm keine Wahl, auch wenn ihm seine Tat ganz und gar nicht gefällt. Okonkwos eigener Sohn wurde durch diese Vorkommnisse allerdings derart erschüttert, dass er später mit seinem Vater brechen wird.

Die Sinnhaftigkeit solcher und ähnlicher Rituale (etwa die konsequente Tötung von Zwillingen gleich nach ihrer Geburt) wird  von den Dorfmitgliedern hinter vorgehaltener Hand durchaus hinterfragt –  der offene Bruch mit diesen Traditionen aber kommt niemandem wirklich in den Sinn.  Das ändert sich erst, k1 (26)als im Gefolge der britischen Kolonialmacht die christlichen Missionare eintreffen. Zum Erstaunen der Dorfbewohner errichten die  Missionare Schulen und Kirchen auf verwunschenen Böden, ohne dass sie von den alten Göttern vernichtet werden. Sie bringen Medizin und Hygiene und verbieten, gestützt auf die englische Kolonialverwaltung, die Tötung von Zwillingen und Aussätzigen. Eine Zeitlang existieren die Missionare mit ihrer frisch konvertierten Neugemeinde und die alte Stammesgesellschaft sogar in einem fragilen Gelichgewicht nebeneinander, bis aggressive christliche Proselyten, meist aus den untersten Schichten des Dorfes missioniert, ihre ehemaligen und durchweg höherrangigen Dorfmitglieder provozieren. Ein durchgeknallter Neuchrist erschlägt die heilige Python und  reißt einem der Stammesältesten beim heiligen Tanz die Maske herunter, woraufhin die erzürnten Ibo die christliche Kirche abbrennen. Okonkwo, der gerade aus einer siebenjährigen Verbannung heimgekehrt ist,  engagiert sich in diesen Kämpfen an vorderster Front, nicht zuletzt auch aus Zorn darüber, dass sein eigener Sohn inzwischen mit ihm gebrochen hat und zum Christentum übergetreten ist. Selbst ungerecht behandelt, erschlägt er im Affekt einen Gerichtsdiener und wählt – ehe er von der Kolonialverwaltung zur Rechenschaft gezogen werden kann – den Freitod.

Das ist in etwa der Abriss des Romans, der sich von der ersten bis zur letzten Seite leicht und locker liest, ohne das die Materie, die beschrieben wird, leicht und locker wäre. Der Zusammenstoß Afrikas und Europas kostete Okonkwo das Leben, aber es war schon ein Leben, das in sich nicht mehr stimmig war. Das Buch ist absolut lesenswert,  ganz gleich, welche der drei vorliegenden Übersetzungen (1958: Moehring, 1983 Petzold oder aktuell 2013 Strätling) man wählt. Ich habe zu dem vorliegenden Buch auch die älteste Übersetzung von Moehring aus dem Suhrkamp Verlag gelesen. Der Vorteil der aktuellen Neuausgabe besteht in hilfreichen ethnologischen Erklärungen im Nachwort. Der Inhalt ist der gleiche, nur die Übersetzung der Sprichworte differiert etwas.

Übrigens hat Achebe seine Umuofia-Geschichte nach der Veröffentlichung von „Okonkwo“ zu einer afrikanischen Trilogie ausgebaut. In „Arrow of Gold“ (Der Pfeil Gottes) wird das Leben von Okonkwos christlichem Sohn beschrieben. Okonkwos Enkel Obi Okonkwo steht im Mittelpunkt des dritten Romans „Lo langer at Ease“(Heimkehr in ein fremdes Land“).

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