Reshöft: Robert Habeck

Wenn es eine Einsicht aus der jüngeren bundesrepublikanischen Geschichte gibt, dann ist es die Einsicht in die fast schrankenlose Macht der Presse. Sie ist viel umfassender, als sich das Liberale jemals träumen ließen, vor allem wenn der zwangsfinanzierte Staatsfunk und die großen Mainstreamzeitungen an einem Strang ziehen. Die Massenmedien haben in einer konzertierten Aktion die AfD praktisch stigmatisiert und vernichtet. Zugleich ist es  ihnen – und nur ihnen – zu  verdanken, dass die Grünen einen demoskopischen Höhenflug ohnegleichen erleben. Das gilt in ganz besonderer Weise für das Spitzenpersonal. Während Björn Höcke als der leibhaftige Gottseibeiuns verkauft wird, bejubeln die Redaktionen der deutschen Presse Robert Habeck, den Parteichef der Grünen, als eine Art neuen Willy Brandt Mitten hinein in den aktuellen Habeck-Boom führt das vorliegende Buch von Claudia Reshöft „Robert Habeck. Eine exklusive Biografie.“

Um mit dem Positiven zu beginnen: Jedermann, der sich auf der rein erzählerischen Ebene für den Werdegang Robert Habecks interessiert, wird von Claudia Reshöft gut bedient, allerdings so, wie Karl May Winnetou beschreiben würde: voller Ehrfurcht und Bewunderung.  Zweifellos muss man zugeben, dass sich der promovierte Habeck von der Mehrheit grüner Mandatsträger mit ihren extrem hohen Studienabbrecherquoten positiv abhebt. Außerdem, auch darin muss man der Autorin zustimmen, besitzt Habeck die seltene Eigenschaft,  trotz seiner schwachen Rhetorik eine Wahrhaftigkeit und Authentizität auszustrahlen, die ihn weit über seine politischen Mitbewerber heraushebt. Nach allem, was man in der vorliegenden Biografie lesen kann,  repräsentiert  er ebenso wie seine Co-Vorsitzende Annalena Baerbock die nicht-kommunistische, bürgerlich-hedonistische und insofern realitätsangepasstere Variante des grünen Führungspersonals.

Aber gerade das macht eine Gestalt wie Robert Habeck so problematisch. Denn wie die vorliegende  Biografie mehr unfreiwillig, als freiwillig  enthüllt, ist Robert Habeck in all seiner Modernität  doch Fleisch vom Fleisch der Grünen. Bei Ansgar Graw „Die Grünen an der Macht“  liest man, dass die Grünen regelmäßig die Feierstunden zur deutschen Einheit am 17. Juni schwänzten und dass sie darauf drangen, das Wiedervereinigungsgebotes des Grundgesetzes zu streichen. Aus Robert Habeck spricht der gleiche Geist, wenn er in seinem Buch „Patriotismus. Ein linkes Plädoyer“ schreibt: „Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland nichts anzufangen und weiß es bis heute nicht.“ Später hat Habeck dieses Bekenntnis abgeschwächt, aber man wird ihm nicht zu nahe treten, wenn man es trotzdem für einen Ausdruck seiner wirklichen Überzeugung hält. Leider verkennt die  Autorin  völlig die Reichweite dieses Satzes wenn sie bemerkt, damit hätte sich Habeck lediglich den Zorn der „Ultrarechten“ zugezogen. In Wahrheit  schockierte dieser Satz  bis weit in die Mitte der Gesellschaft hinein, denn den Menschen außerhalb der politisch-medialen Blase ist das Bewusstsein noch nicht abhanden gekommen, dass Deutschland eine Solidargemeinschaft ist und dass Verzicht und Opfer in einer Solidargemeinschaft leichter fallen, als in einer heterogenen Gesellschaft, in der die Lebensverhältnisse jeden Tag neu ausgehandelt werden müssen.

Mit anderen Worten:  Mit Habeck verhält es sich wie mit Gregor Gysi: eine sympathische Ausstrahlung überdeckt verstörende Einstellungen, ganz zu schweigen von der noch der viel brisanteren Programmatik der Parteiorthodoxie, die sich hinter dem Frontmann verbirgt.  Es ist kennzeichnend für die vorliegende Biografie, dass die Autorin dergleichen Problemhorizonte einfach rechts liegen lässt. Nirgendwo wird die grüne Binnenbefindlichkeit verlassen, nirgendwo wird eine kritische Distanz aufgebaut, die es auch Nichtgrünen möglich machen würde, über das rein Narrative hinaus dieses Buch mit Gewinn zu lesen. Diese „exklusive“ Biografie ist ein Fan-Artikel.